Infektionen werden durch Oktoberfest steigen

Epidemiologe Stöhr im Interview: „Manche Todesfälle lassen sich nicht verhindern“

Klaus Stöhr am 29. Oktober 2020 bei Markus Lanz.
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Klaus Stöhr am 29. Oktober 2020 bei Markus Lanz.

Der Epidemiologe Klaus Stöhr blickt hinsichtlich des Coronavirus auf den Herbst und vor allem aufs Oktoberfest. Im Interview verrät er seine Prognose und Meinung zum Impfen.

München – Der Epidemiologe Klaus Stöhr hat unter anderem als Leiter des Globalen Influenza-Programms für die Weltgesundheitsorganisation und in der Impfstoffentwicklung gearbeitet. Er gehört dem Sachverständigenausschuss zur Evaluation der Corona-Maßnahmen an.

Herr Stöhr, seit Wochen sehen wir sinkende Corona-Zahlen. Bricht die Sommerwelle zusammen?
Ja, wie erwartet, da jeder Mensch in einem begrenzten Zeitraum nur eine gewisse Anzahl von Kontakten zur Weitergabe des Virus hat. Wenn die vom Virus einmal ausgeschöpft wurde – also die empfänglichen in der Umgebung sich angesteckt haben –, nehmen die Fälle wieder ab. Das ist es, was wir gerade sehen. Dann folgt ein Wellental, die Menschen durchmischen sich neu, es gibt neue Infektionsmöglichkeiten und alles geht wieder von vorne los – wegen der fortschreitenden Immunisierung aber zum Glück in immer schwächerem Maße.
Was heißt das für die nächsten Wochen und Monate?
Entscheidend ist ja immer die Belastung der Krankenhäuser. Auch dort sehen wir gerade die Bewegung Richtung Wellental. Der Spätsommer und der frühe Herbst werden also vergleichsweise entspannt sein. Dann werden wegen der starken Saisonalität von Covid 19 vor dem Jahresende die Erkrankungen wieder zunehmen – wie in Zukunft in jedem Jahr. Zudem wird es in diesem Winter auch noch viele „Nachhol-Infektionen“ geben. Noch nicht alle haben die natürliche Immunität erlangt durch mehrfache Infektionen. Der Druck auf die Intensivstationen wird also über das hinausgehen, was wir in „normalen“ Jahren vor der Pandemie gesehen haben, aber bei Weitem nicht so stark ausfallen wie im vergangenen Winter – und das, obwohl es in diesem Winter keine so strengen Maßnahmen geben wird, um das Virus einzudämmen.

Das Coronavirus erwehrt sich der Forschung mit immer neuen Mutationen. Damit könnte es bald vorbei sein. Dank eines Antikörpers, der auf die Bezeichnung „SP1-77“ hört und für einen Universal-Impfstoff dienen könnte.

Epidemiologe Stöhr gibt Prognose fürs Oktoberfest 2022 ab

Beim Münchner Oktoberfest werden Ende September Millionen Menschen gemeinsam in Bierzelten feiern. Eine gute Idee?
Ich halte die Münchner Wiesn grundsätzlich für eine gute Idee (lacht). Natürlich wäre es aus epidemiologischer Sicht diesmal besser, sie fände erst im nächsten Sommer statt. Denn ja, es wird auf der Wiesn vermehrt Infektionen geben, aus denen auch einige schwere Verläufe resultieren werden. Andererseits ist es richtig, schrittweise zur Normalität zurückzukehren. Und ich denke nicht, dass die Wiesn zu einer Überlastung der Münchner Krankenhäuser mit Corona-Patienten führen wird. Wie insgesamt in Deutschland hängt die Reaktion auf die Situation im Winter von der politischen Interpretation ab. Nicht umsonst unterscheiden sich die Maßnahmen zwischen den europäischen Ländern so gewaltig: nehmen Sie nur die Beispiele England, Schweiz, Spanien oder Dänemark im Vergleich zu Deutschland.
Was meinen Sie?
In Dänemark zum Beispiel geht man mit hohen Infektionszahlen ohne schwere Symptome gelassener um als in Deutschland. Die Impfaktion wurde bereits im Mai eingestellt und wird erst wieder im Herbst hochgefahren. Es gibt dort auch keine Maßnahmen mehr in den Schulen. Klar ist: Das Virus wird nicht weggehen und jeder wird sich infizieren; mehrmals in seinem Leben. Mit diesen natürlichen Immunisierungen, am besten nach der Erstimpfung besonders für die Vulnerablen, wird der Schutz zunehmen. Doch so tragisch es ist: Manche Todesfälle lassen sich gegenwärtig einfach nicht verhindern – trotz Impfstoff, Medikamenten und einem guten Gesundheitswesen. Und weitere, bessere Interventionsmöglichkeiten wird es nicht geben.

Coronavirus: Epidemiologe empfiehlt vierte Impfung ab September

Die Stiko empfiehlt nun ab 60 Jahren die vierte Impfung. Gehen Sie mit?
Ich kann Ihnen als Einzelexperte keine bessere Einschätzung geben als die Stiko. Ich würde allerdings in der Regel dazu raten, sich die vierte Impfung erst ab September zu holen. Denn nur dann bietet sie auch über den gesamten Winter Schutz.