Klimawandel

Italien leidet unter Trockenheit: „Die Situation ist kritisch und kann nur schlimmer werden“

Wohin man blickt, sieht man in Italien ausgetrocknete Flussbetten. Die Brücke lässt erahnen, wie breit der Fluss Tessin, ein Nebenfluss des Po, normalerweise ist.
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Wohin man blickt, sieht man in Italien ausgetrocknete Flussbetten. Die Brücke lässt erahnen, wie breit der Fluss Tessin, ein Nebenfluss des Po, normalerweise ist.

Italien leidet unter einer Hitzewelle mit dramatischen Folgen: Dem Land fehlt Wasser. Die Wassernutzung ist vielerorts eingeschränkt, es drohen Ernteausfälle.

Rom – Es ist die schlimmste Dürreperiode seit 70 Jahren, unter der Italien derzeit leidet – und ein Ende ist nicht in Sicht. Nun reagieren die Städte Verona und Pisa auf den Wassermangel und schränken die Nutzung von Trinkwasser stark ein. In Verona darf Trinkwasser bis zum 31. August jeweils von 6.00 bis 21.00 Uhr nur zur Nahrungsaufnahme, zur Körperhygiene und zur Reinigung im Haushalt verwendet werden. Es ist verboten, tagsüber Gärten oder Sportplätze zu bewässern, Schwimmbäder zu befüllen oder Autos zu waschen, legt eine Verordnung fest. Es drohen Strafen bis zu 500 Euro. Zwischen 21.00 und 6.00 Uhr sind die Tätigkeiten zwar erlaubt, die Stadt bittet jedoch darum, auch dann davon abzusehen.

In Pisa gelten ab 11. Juli ähnliche Regelungen: Dann darf in der bei Touristen beliebten Stadt in der Toskana Trinkwasser nur noch im Haushalt verwendet werden. In zahlreichen Gemeinden im Norden des Landes müssen die Gemeinden schon seit Wochen Wasser sparen, dort gelten ähnliche Regelung schon länger. Tanklaster werden vielerorts zum Auffüllen der Wasserspeicher eingesetzt. In Städten wie Mailand wurde großen Brunnen das Wasser abgedreht.

Italien leidet unter Trockenheit: Fluss Po führt nur noch wenig Wasser

Wie trocken Italien ist, zeigt sich am Po, dem längsten Fluss Italiens, der in den Alpen entspringt und in die Adria mündet. Er wird im Frühling gespeist von Schmelzwasser aus den Alpen und heftigen Regenfällen. Doch ein ungewöhnlich trockener Winter führte zu einer geringen Schneeschmelze, dazu kamen nur sporadische Regenfälle im Frühling. Die Folge: Der Po, die Lebensader Norditaliens, weist die niedrigsten Pegelstände seit mehr als 70 Jahren auf.

Die Reisfelder in der Po-Ebene, auf denen eigentlich mehrere Zentimeter Wasser stehen müssten, sind trocken, berichtet die Nachrichtenagentur AP und zitiert einen Reisbauern: „Normalerweise sollte dieses Feld mit zwei bis fünf Zentimetern Wasser geflutet sein, doch jetzt sieht es aus wie ein sandiger Strand“, so Giovanni Daghetta. Und nicht nur der Reis ist bedroht – andernorts in Italien sind bereits Ernten ausgefallen, Fachleute schätzen, dass dreißig bis vierzig Prozent der Ernte ausfallen könnten – alleine in der Landwirtschaft werden Schäden von drei Milliarden Euro erwartet.

Der Reis, der in der Po-Ebene angebaut wird, sollte eigentlich mehrere Zentimeter tief im Wasser stehen. Doch das Wasser fehlt – und die Pflänzchen leiden in der Hitze und Trockenheit.

Dürreperiode in Italien: Hitzewelle, fehlende Niederschläge und schlechte Wasser-Infrastruktur

Auslöser der großen Trockenheit in Italien ist eine Hitzewelle sowie fehlende Niederschläge – doch Italien ist auch bekannt für seine schlechte Wasser-Infrastruktur. Jedes Jahr gehen nach Schätzungen der nationalen Statistikbehörde 42 Prozent des Trinkwassers aus den Verteilungsnetzen verloren, was zu einem großen Teil mit alten und schlecht gewarteten Leitungen im Zusammenhang steht.

Der niedrige Pegel des Po – der Fluss ist teilweise so niedrig, dass versunkene Schiffe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt wurden – sorgt für ein weiteres Problem: salziges Meerwasser aus der Adria dringt in den Fluss vor und macht aus dem frischen Flusswasser unbenutzbares, salziges Wasser. Zuletzt zeigten Messungen, dass Salzwasser mehr als 30 Kilometer weit ins Inland vorgedrungen ist, berichtet CNN. Wenn die Pegel weiter sinken, wird das Meerwasser die Lücke weiter ausfüllen.

Wo sonst das Wasser fließt, halten sich nun Menschen auf: Der Fluss Orco mündet in den längsten italienischen Fluss Po – doch derzeit führen beide Flüsse kaum Wasser.

Italien fehlt Wasser – „Situation ist kritisch“

Der Po habe derzeit ein Wasserdefizit von etwa 45 bis 70 Prozent, berichtet Massimiliano Fazzini, Leiter der Abteilung für Klimarisiken der Italienischen Gesellschaft für Umweltgeologie, gegenüber CNN. „Ich bin gewöhnlich nie ein Pessimist oder Alarmist, aber dieses Mal müssen wir alarmistisch sein“, erklärt er. „Die Situation ist kritisch und kann nur schlimmer werden.“ Bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gilt die Mittelmeer-Region als Hotspot des Klimawandels. Hitzewellen sind häufiger und heftiger, außerdem regnet es im Sommer weniger. Das ist aus vielen Gründen ein Problem – auch deshalb, weil Italien ein Lebensmittel-Exportland ist. Unter anderem exportiert das Land Weizen – ein Lebensmittel, bei dem es durch den Ukraine-Krieg bereits eng wird. (tab)