„Aufklärung, Disziplin und Kontrolle“

Corona-Experte fordert schrittweise Öffnungen mit drei zentralen Punkten: „Nicht immer noch mehr verbieten“

Ein Hinweisschild zu dem Schutzmaßnahmen vor dem Coronavirus in der Altstadt von Lenzburg.
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Der Schweizer Corona-Experte Manuel Battegay fordert eine disziplinierte Einhaltung der Grundmaßnahmen, um Öffnungsschritte zu ermöglichen. (Archivbild)

Der Schweizer Corona-Experte Manuel Battegay fordert die Menschen zu mehr Disziplin und Eigenverantwortung auf - dann seien auch Lockerungen der Maßnahmen möglich.

Basel - Die Infektionszahlen steigen, Deutschland befindet sich in der dritten Welle der Corona-Pandemie. Am Sonntag kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im ARD-Interview bei „Anne Will“ an, einzugreifen, sollten die Ministerpräsidenten die von Bund und Ländern getroffenen Maßnahmen, beispielsweise die sogenannte „Notbremse“, nicht umsetzen. In Österreich werden in drei besonders betroffenen Bundesländern ebenfalls harte Corona-Maßnahmen getroffen. Das Burgenland, Niederösterreich und Wien gehen in einen Oster-Lockdown.

Ein Schweizer Infektiologe hält immer neue Verschärfungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie* allerdings für kontraproduktiv. „Mehr Maßnahmen nützen nichts, wenn die Leute nicht mehr mitmachen“, erklärte Manuel Battegay in einem Gespräch mit der Zeitung Blick. Der 61-Jährige ist seit rund 20 Jahren Leiter der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Unispital in Basel und war bis vor kurzem Vizepräsident der Schweizer Corona-Taskforce.

Schweizer Corona-Experte fordert disziplinierte Einhaltung der „Grundmaßnahmen“

Die Schweiz hat seit Beginn der Corona-Pandemie* deutlicher weniger Beschränkungen verhängt als Deutschland. Hotels und Skigebiete mussten nicht schließen. Geschäfte, Museen und Zoos sind seit Anfang März zu großen Teilen wieder geöffnet. Restaurants sind hingegen noch geschlossen. Die 7-Tage-Inzidenz lag in der Schweiz Mitte Februar noch bei Werten um die 80. Bis Mitte März ist sie allerdings wieder auf mehr als 120 angestiegen. Dennoch wirbt Battegay für Öffnungsschritte, fordert die Menschen aber gleichzeitig zu mehr Disziplin auf.

„Wenn sich alle an die Grundmaßnahmen halten würden, wäre viel mehr möglich“, stellte der Infektiologe im Blick-Interview klar. Abstand, Hygiene und Masken* blieben weiterhin die wichtigsten Maßnahmen im Infektionsschutz. „Ein Grad an Disziplin der ersten Welle“, müsse wieder erreicht werden. „Zusätzlich sind konkrete, gezielte Informationen und Kampagnen nötig, damit sich gefährdete Menschen ihres Risikos besser bewusst sind“, so Battegay.

Schweizer Corona-Experte: „Man kann nicht immer noch mehr verbieten“

Die Verschärfungen der Corona-Maßnahmen in anderen Ländern würden nur zu mäßigem und vor allem nicht anhaltendem Erfolg führen, erklärte der ehemalige Vizepräsident der Schweizer Corona-Taskforce weiter. „Man kann nicht immer noch mehr verbieten“, machte Battegay deutlich. Vielmehr müsse man Menschen über ihr persönliches Risiko einer Covid-19-Erkrankung* aufklären. „Einem übergewichtigen Mann, der älter als 50 ist, an Bluthochdruck und Diabetes leidet, würde ich davon abraten, ein Bier auf einer Restaurantterrasse vor einer vollständigen Impfung zu nehmen“, nannte der Infektiologe ein Beispiel.

Der Arzt hält Öffnungen bei Kulturveranstaltungen für möglich, wenn die Zuschauerzahlen begrenzt werden und Schutzkonzepte vorliegen. Die Außengastronomie könnte man seiner Meinung nach ebenfalls öffnen - mit Kapazitätsbeschränkungen und Reservierung, um Gedränge zu vermeiden. Zudem verdeutlicht Battegay: „Systematisches, breiteres Testen speziell bei Clustern mit viel Menschenkontakt wie in Schulen und Unternehmen ist ein Muss.“

Schweizer Corona-Experte: „Aufklärung, Disziplin und Kontrolle“ - zentrale Punkte für Öffnungen

„Aufklärung, Disziplin und Kontrolle“, sind laut Battegay zentrale Punkte, wenn es um mögliche Öffnungen geht. „Wir müssen umschalten, in einen Modus, bei dem die Menschen wieder eine aktive Rolle bekommen, dann werden die nötigen Maßnahmen auch besser eingehalten, bis genügend Menschen geimpft sind“, so der Infektiologe. Dazu gehöre allerdings auch, andere Menschen auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen. Demonstrationen, bei denen sich Tausende ohne Schutzmaßnahmen treffen, seien „in höchstem Maße kontraproduktiv“, so Battegay.

Verschärfungen der Corona-Maßnahmen schloss der Infektiologe nicht kategorisch aus. Sollten die Ansteckungsrate und die Hospitalisierungen stark ansteigen, „kommen wir um diese Diskussion nicht herum“, erklärte der ehemalige Vizepräsident der Schweizer Corona-Taskforce. Battegay setzt im Kampf gegen die Pandemie weiterhin große Hoffnungen in die Corona-Impfungen*. Zudem sollen vermehrte Tests*, Aufklärung und die disziplinierte Einhaltung der Schutz- und Hygienemaßnahmen helfen, Öffnungsschritte zu ermöglichen. „Es muss erneut ein Ruck durch die Gesellschaft gehen“, forderte Battegay. (ph) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA