Entwickler ärgert sich über fehlende Ausschreibung

Corona-Kontakte: Alternative zu Luca-App kommt aus München - doch keiner will sie haben

Florian Ziemann, Hello Q! Entwickler
+
Der Münchner Software-Entwickler Dr. Florian Ziemann hat die Hello Q!-App ins Leben gerufen.

Einfachere Corona-Kontrollen für Veranstalter und Gesundheitsämter: Ein Münchner IT-Experte hat eine Gratis-Alternative zur Luca-App entwickelt und ärgert sich, dass andere Länder Hunderttausende für Luca ausgeben.

München - Während sich die Politik an Inzidenzwerten* durch die Pandemie* hangelt, wird für die Festsetzung der Zielmarken 35, 50 und 100 stets das Argument der Kontaktnachverfolgung vorgebracht. Gesundheitsämter müssten das Umfeld Betroffener informieren und die Einhaltung der Quarantäne überwachen. Auf dem Markt gibt es längst pragmatische Tools, die den Ämtern bei dieser Arbeit im Falle weiterer Öffnungen unter die Arme greifen könnten. Bisher finden sie - bis auf die „Luca“-App* - kaum Beachtung.

Eines der eher unbekannten Tools ist die „Hello Q!“-App von Dr. Florian Ziemann. Der promovierte Physiker hat sich lange vor der Pandemie mit einer Software-Firma in München selbstständig gemacht, arbeitet mit großen Firmen wie Daimler*, BMW* oder der Fraunhofer Academy zusammen. Heute entwickeln Ziemann und seine Mitarbeiter Apps, warten, programmieren und suchen nach IT-Lösungen für Probleme aller Art.

Coronavirus: Software-Entwickler und Musiker aus München will Kontaktnachverfolgung erleichtern

Als passionierter Hobby-Musiker hat den Inhaber bereits vergangenen Sommer der private Ehrgeiz gepackt. „Die Kultur wurde als nicht systemrelevant betrachtet, immer mehr geschlossen“, erinnert sich Ziemann. Als seine und andere Bands langsam in der Corona*-Stille verstummten, war sein Gedanke: „Was kann ich tun, um dem entgegenzuwirken?“ Seine Lösung: sich mit dem einzubringen, was er am besten kann - „einer Software“. Wenige Monate später - Ziemann hatte ein Konzept entwickelt - waren die zwei von ihm beauftragten Mitarbeiter fertig: Die Hello Q!-App* steht seit September in den App-Stores zum Download zur Verfügung. Aber was kann sie eigentlich - und warum wird sie bisher kaum genutzt?

Das Prinzip ist einfach. Nach dem Download geben Nutzer:innen einmalig ihren Namen und ihre Telefonnummer ein. Wer Gast ist, zeigt den erstellten QR-Code am Einlass von Veranstaltern oder Dienstleistern vor - und wer Gastgeber ist, scannt eben diese Codes ein. Die App erstellt so eine Besucherliste, die mit dezentral verschlüsselten Daten an die Gesundheitsämter übertragen werden könnte. Und: Die App bietet eine interne Chatfunktion, um eine aufgetretene Infektion schnell unter den Gästen bekannt zu machen.

App auch für Gesundheitsämter: Coronavirus-Infektionen nachverfolgbar für große und kleine Feiern

Ziemann erklärt: „Es gibt keine große Unterscheidung zwischen Gast und Gastgeber - jeder kann zwischen diesen Rollen wechseln - das macht die App unheimlich praktisch.“ So könne sie sowohl für Großveranstaltungen, als auch für Hochzeitsfeiern im privaten Kreis verwendet werden. „Eben überall dort, wo die Kontaktnachverfolgung* wichtig ist.“ Auch wenn inmitten der zweiten Welle noch kaum an Feiern zu denken ist, könnte sich Ziemann vorstellen, dass die App beim langsamen Hochfahren der Kultur eine wichtige Stütze sein könnte.

Was den Inhaber der Software-Firma ärgert, ist die nach seiner Ansicht nahezu exklusive Bekanntheit der „Luca“-App, die mit einem ähnlichen Prinzip funktioniere, aber mit dem Lizenzkauf durch Mecklenburg-Vorpommern* prominent beworben werde. „Und das, obwohl es sicher zehn oder mehr brauchbare Lösungen gibt, die genauso gut sind“, urteilt Ziemann. Auch wenn der Hello Q!-Entwickler selbst „kein finanzielles Interesse“ verfolgt und seine App aktuell gratis anbietet, hätte er sich vor dem Kauf der Luca-Lizenz durch ein ganzes Bundesland eine faire Ausschreibung gewünscht. „Da geht es um Wettbewerb und transparenten Vergleich.“

Wie heise.de berichtet, nimmt das Land für die Lizenzierung des Systems und die technische Anbindung an die Gesundheitsämter 440.000 Euro in die Hand. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) erklärte der Nachrichtenseite zufolge: „Mecklenburg-Vorpommern ist das erste Bundesland, in dem die Luca-App flächendeckend genutzt werden kann.“ Diese schnelle Möglichkeit zur Nachverfolgung von Kontakten sei eine wichtige Voraussetzung, um öffentliche Einrichtungen Schritt für Schritt wieder für den Publikumsverkehr zu öffnen. „Zugleich entlasten wir die Gesundheitsämter, die schnell und sicher Infektionsketten nachverfolgen und unterbrechen können.“

Warum aber gab es keine Ausschreibung? Das Portal berichtet, Landes-Digitalminister Christian Pegel (SPD) habe erklärt, man hätte sich nicht für ein monatelanges Ausschreibungsverfahren entschieden, um rechtzeitig eine Lösung einsetzen zu können. Von den am Markt befindlichen Lösungen erfülle Luca die Anforderungen am besten.

München: Hello Q!-App für Coronavirus-Nachverfolgung auch für den FC Bayern interessant?

Vorstellen könnte sich Ziemann auch ein White-Labeling seiner App: „Ich hatte Kontakt mit Herbert Hainer*, Präsident des FC Bayern*, habe dem Verein Hello Q! mit dem FCB-Logo angeboten.“ Anfangs hatte der FCB Interesse gezeigt, seit der zweiten Welle liege das jedoch auf Eis. Wichtig sei jedoch die Erkenntnis, dass es nicht eine einheitliche App brauche: „Es ist nicht mein Ziel, Hello Q! unbedingt an ein Bundesland zu vermarkten.“

Vielmehr gehe es darum, die Gesundheitsämter auf die Möglichkeiten aufmerksam zu machen und die Akzeptanz in den Städten zu fördern. Ziemann gibt an, im Münchner Rathaus im Büro der zweiten Bürgermeisterin Katrin Habenschaden* vorgesprochen zu haben. Der Entwickler berichtet: „Mir wurde dort mitgeteilt, die Landeshauptstadt warte noch auf Anweisung von oben, welche App sie unterstützen solle“ - mit der zweiten Bürgermeisterin selbst hätte er nicht gesprochen. Die Auskunft wundert ihn dennoch, da Hello Q! nichts anderes mache als die Zettel zur Datenerfassung, die bereits im Sommer in Restaurants auslagen - nur eben digitaler und aus Ziemanns Sicht praktischer.

Software-Entwickler aus München: Luca-Monopol „nicht nötig“ - Hello Q! soll lediglich Listen ersetzen

Im Vergleich zur „Luca“-App ist die Registrierung bei Hello Q! Ziemann zufolge bisher einfacher. Der Entwickler hat bewusst auf den Einbau einer Verifizierung der Telefonnummer verzichtet: „Wenn die Anmeldung unkompliziert ist, nutzen mehr Leute die App.“ Bei Bedarf könne er dies aber einfach nachrüsten. Stichproben bei zwei Veranstaltungen in der Muffathalle in München hätten im Oktober aber eine Quote bei der Richtigkeit der Angaben von geschätzten 98 Prozent ergeben. „Und Leute ohne Handy können am Einlass direkt erfasst werden“, erklärt der Software-Entwickler.

Jetzt gelte es, ein drohendes Monopol durch „Luca“ zu verhindern und zu verdeutlichen, dass Hello Q! wie viele andere Apps eine praktikable Lösung darstellt. „Die Gesundheitsämter müssen nicht zwingend damit zusammenarbeiten, sollten die App aber akzeptieren und nach Möglichkeit Listen von verschiedenen Anbietern annehmen, um den Nutzern Entscheidungsfreiheit zu lassen“, meint Ziemann. Eine zentrale Lösung sei dafür nicht nötig - alle brauchbaren Apps könnten bei Lockerungen dienlich sein. (nap) *Merkur.de, tz.de und hallo-muenchen.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

In einer Telefonschalte beraten Kanzlerin Merkel und die Länder über die weitere Corona-Strategie. Zum Thema Impfen präsentiert ein Söder-Minister einen dringenden Wunsch.

Mehr zum Thema