„Die Reaktionen waren zu langsam“

Coronavirus: Frühere WHO-Chefin kritisiert Chinas Krisenmanagement und beschreibt düstere Prognose

Coronavirus: Gro Harlem Brundtland, Ex-WHO-Chefin, kritisiert mehrere Länder für ihren Umgang mit der Pandemie. Davon leitet sie einen erschreckenden Ausblick auf die Zukunft ab.

  • Die frühere WHO-Chefin kritisierte das Verhalten Chinas zu Beginn der Corona-Pandemie*.
  • Auch das Krisenmanagement der europäischen Länder* sei nicht optimal gewesen.
  • Für die Zukunft gibt sie auf Basis dieser Einschätzung eine düstere Prognose* ab.

Gro Harlem Brundtland, die frühere Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hat China dafür kritisiert, auf den Ausbruch des Coronavirus* schlecht reagiert zu haben. „Die Verantwortlichen dort waren zu langsam, haben zu spät informiert“, sagte sie in einem Interview mit dem Spiegel. Am schlimmsten sei gewesen, dass es lange gedauert hat, bis sie die Ansteckung von Mensch zu Mensch eingeräumt haben. Obgleich sich China bereits am 1. Januar sicher gewesen sein musste, gab es den Infektionsweg erst am 20. Januar bekannt.

Die WHO hingegen nahm Brundtland in Schutz: „Die Experten der WHO haben von Anfang an darauf gedrängt, mehr aus China zu erfahren. Wäre es klug gewesen, größeren Druck auf Peking auszuüben? Schwer zu sagen.“

Die Entscheidung der USA, sich aus der WHO zurückzuziehen sei „ein Schritt gegen die Interessen der USA“, den sie für „vollkommen falsch“ halte. Jedoch zweifle sie daran, dass Donald Trump der Ankündigung Taten folgen lassen wird. 

Coronavirus: Frühere WHO-Chefin kritisiert auch das Verhalten europäischer Länder

Doch nicht nur China, sondern auch Europa ist laut Brundtland zu Beginn der Coronavirus-Pandemie zu leichtsinnig gewesen. „Ich war schon etwas überrascht, dass die Reaktionen überall in Europa so langsam waren“, sagte sie. Sie erklärt sich dies so, dass das Vertrauen in die nationale Gesundheitsversorgung zu groß war. „Anscheinend waren viele Verantwortliche sehr optimistisch, was die Leistungsfähigkeit ihrer Krankenversorgung angeht“, erklärt sie. So sei der Kontinent zum Covid-19-Epizentrum geworden. Ein weiterer Grund sei, dass die Regierungen die Ansteckungsgefahr des Coronavirus unterschätzt hätten. 

Als zielführend und effektiv hätten sich die konsequenten Maßnahmen in asiatischen Ländern wie Taiwan und Südkorea erwiesen: „Ihr Beispiel zeigt uns, dass die persönliche Freiheit manchmal hinter der Gesundheitsvorsorge für alle zurückstehen sollte.“

Corona: Frühere WHO-Chefin gibt düstere Prognose zu Pandemien ab

Für die Zukunft leitet Brundtland von diesen Einschätzungen eine erschreckende Prognose ab: dass die nächste Pandemie noch schlimmer werden könne. "Es könnte ein Virus geben, das genauso ansteckend ist wie das Coronavirus und dabei mehr Menschen tötet. Wir müssen besser vorbereitet sein, viel besser."

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