„Für uns ist es zu spät ...“

Schweden und Deutschland im Corona-Vergleich: Vor- und Nachteile des Sonderwegs

Die Coronavirus-Pandemie wird in Schweden anders gehandhabt, als in den restlichen europäischen Staaten. Das führt zu Kritik - aber auch zu Bewunderung. 

München - Schwedens Sonderweg spaltet. Staatsvirologe Anders Tegnell steht für seine liberale Einschätzung der Lage oft in Kritik, der Regierung wird vorgeworfen mit einer falschen Hoffnung auf Herdenimmunität das Leben Tausender Menschen zu riskieren. Doch trotz offener Grenzen, offener Schulen und Familienfeiern zu Ostern sinkt die Zahl der Infektionen und der R-Faktor sank Anfang Mai unter eins. 

Coronavirus in Schweden: Virologe setzt auf Selbstkontrolle der Bürger

Staatsvirologe Anders Tegnell rät Schweden zu einem liberalen Sonderweg.

Der 64-Jährige setzt wie kaum ein anderer beratender Virologe auf die Selbstkontrolle der Bürger. Kritiker werfen ihm vor, dieses Vertrauen mit extrem hohen Todesopfern zu bezahlen. 22 unabhängige schwedische Experten hatten etwa in der überregionalen Zeitung Dagens Nyheter Tegnells Rücktritt gefordert und die Regierung aufgerufen stärkere Maßnahmen zu ergreifen. Das berichtet der Tagesspiegel.

In Anbetracht steigender Todeszahlen und als bekannt wurde, dass sich das Virus in der Hälfte aller Stockholmer Pflegeheime verbreitet hatte, musste Schweden in den Maßnahmen nachjustieren. Im März wurden etwa Versammlungen mit mehr als 50 Menschen verboten. Anfang April Besuche in Pflegeheimen untersagt. Ein in Schweden lebender deutscher Arzt schätzt die Lage vor Ort als kritisch ein: „Für uns ist es zu spät, Maßnahmen zu ergreifen“.

Coronavirus: Schwedens Todeszahlen sorgen für Kritik

3175 Menschen sind in Schweden bisher an den Folgen einer Sars-CoV-2-Infektion gestorben (Johns-Hopkins-Universität, Stand 9. Mai, 12.48 Uhr). Im Schnitt sind das 310 Todesopfer pro Million Einwohner. In Deutschland beträgt die Zahl lediglich 90,5. Im Vergleich zu den Pandemie-geschüttelten Lockdown-Ländern wie Italien (500) oder Spanien (560) steht Schweden jedoch gut da. „Die Pandemie ebbt allmählich ab“, erklärte Tegnell Anfang Mai dem schwedischen Sender SVT.

Zugleich sind die Nebenwirkungen der Pandemie-Maßnahmen niedriger als in anderen Ländern. So sind die bisher in Deutschland noch wenig thematisierten Folgen häuslicher Gewalt oder Selbsttötungen im Rahmen des Lockdown aufgrund der liberalen Maßnahmen in Schweden geringer. In Anbetracht der strikten Maßnahmen anderer europäischer Länder muss sich Schweden auch kaum mit Grundrechtsverletzungen auseinandersetzen. 

Corona-Krise in Schweden: Wirtschaftliche Einbußen sind verheerend

Wirtschaftlich wird Schweden aber vergleichbar schwer getroffen wie die anderen europäischen Länder. In der Stockholmer Innenstadt sind viele kleinere Läden geschlossen, Fabrikbänder stehen still und das Bruttoinlandsprodukt dürfte zwischen sieben und neun Prozent einbrechen. Das berichtet der rbb.

Video: 2.700 Covid-19-Tote Anfang Mai, doch 70% der Schweden vertrauen ihrer Regierung

Coronavirus: Ist Schweden mit Ländern wie Deutschland vergleichbar?

Experten haben jedoch wiederholt darauf hingewiesen, dass der schwedische Sonderweg auch mit besonderen Bedingungen einherginge. Mit 10,23 Millionen Einwohnern auf 450.295 Quadratkilometern Land hat Schweden eine sehr geringe Einwohnerdichte von 22,3 Einwohnern pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Deutschland leben 83,02 Millionen Menschen auf 357.386 Quadratkilometern (232,3 Einwohner pro Quadratkilometer). Die Landeshauptstadt Stockholm mit nicht ganz einer Million Einwohner ist zugleich auch die größte Stadt des Landes.

Auch lässt sich Schweden kulturell nur schwer mit den südlicheren europäischen Nationen vergleichen. Soziale Kontakte spielten dort eine andere Rolle, erklärt etwa Quarks.de. Umarmungen und Händeschütteln gehört dort ebenfalls nicht zwingend zum guten Ton. 

Ob die schwedische Regierung mit ihrer offenen Zurückhaltung und Andreas Tegnell mit seinem Sonderweg Erfolg haben, wird sich noch zeigen. Das Modell auf andere Staaten zu übertragen dürfte aber schwierig sein.

nai

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