Sie lebte einst im Libanon

Verheerende Folgen der Explosion: Münchnerin besucht Beirut - „Der Anblick hat mich sehr schockiert“

Am 4. August 2020 sorgt eine Explosion im Hafen von Beirut für knapp 200 Tote und tausende Verletzte. Zwei Monate danach spricht Laura Feldmann, die einst dort lebte, über ihren Besuch und die dramatischen Schicksale ihrer Freunde, die unter den Folgen leiden.

Es ist gerade kurz nach 17:00 Uhr Nachmittag als Laura Feldmann (36) in München eine Eilmeldung vom libanesischen News-Portal „The Daily Star“, auf ihr Handy bekommt. Sofort ist klar: es ist ernst. Es ist die Rede von einer riesigen Explosion am Hafen von Beirut* mit vielen Todesopfern und unzählbaren Verletzten.

Laura versucht sofort Freunde zu erreichen, um sich nach ihnen zu erkundigen. Sie erreicht Nayef Maalouf, ihren Ex-Freund, der ihr vollkommen aufgelöst eine Voicemail schickt, in der er Laura mitteilt, dass er auf dem Weg zu einer gemeinsamen Freundin ist, die - wie später herauskommt - unter den Todesopfern ist. Sie war während der Explosion mit anderen Freunden Kaffee trinken - in einer traumhaften Wohnung mit Blick aufs Meer, unmittelbar am Hafen.

Laura Feldmann lebte zwei Jahre in Beirut. Heute arbeitet sie als Projektmanagerin in München.

Explosion in Beirut: Nach dem Tod einer Freundin fliegt Laura Feldmann nach Beirut

Auch andere Freunde hatten Nayef um Hilfe gerufen, doch eingestürzte Gebäude, beschädigte Autos, Glasscherben und natürlich Verletzte und Tote machten viele Strecken unmöglich. Auf dem Weg zu seiner Bekannten musste er das Auto zwei Kilometer vor dem Apartment abstellen und den Rest zu Fuß zurücklegen. Als er bei der gemeinsamen Freundin ankam, fühlte er schon keinen Puls mehr, seine Wiederbelebungsversuche waren vergebens.

Nayef, muss man wissen, gehört die Privat-Klinik Bellevue Medical Center, seinetwegen ging Laura 2015 nach Beirut. Es ist die erste tragische Geschichte von so vielen, die Laura noch hören wird, denn in ihr wächst nach dieser Nachricht der Entschluss nach Beirut zu reisen, den Freunden beizustehen, zu denen der Kontakt auch nach der Trennung von Nayef und der Rückkehr nach München niemals abgerissen war.

Wenige Tage später ist Laura in Beirut und die Überraschung gewaltig. „Ich dachte, ich helfe beim Aufräumen von Straßen und Apartments aber das meiste war schon erledigt. Die Eigeninitiative der Libanesen war groß, gleich nach der Explosion kamen Freunde und Verwandte nach Beirut und halfen. Vor allem viele junge Menschen gingen von Wohnung zu Wohnung und räumten die Scherben und das Chaos weg, wurde mir erzählt“, erklärt Laura Merkur.de.

Münchnerin besucht Beirut und schwankt zwischen Faszination und Betroffenheit

Sie ist fasziniert von der Hilfsbereitschaft und der Lebenseinstellung: „Mitmenschen, Restaurants und libanesische Firmen spendeten Lebensmittel und Getränke für die Opfer und ihre Helfer. Die Menschen geben dort trotz allem nicht auf und versuchen ihrem normalen Leben nachzugehen. ‚Es muss weitergehen‘, so sind die Menschen dort. Sie haben schon zu viel erlebt mit Kriegen und Unglücken. Das ist ihre Einstellung. Es macht betroffen, dass der Staat kaum hilft. Das enttäuscht die Leute schon sehr.“

Traurig macht auch: Hafen und Umgebung gleichen noch heute einer plattgewalzten Trümmerlandschaft. „Der Anblick hat mich dann schon sehr schockiert“, erzählt die 36-Jährige. Die Hilfsarbeiten gehen demnach sehr langsam voran. Die Regierung ist den Menschen keine große Hilfe, vielen Wohnungen und Häusern fehlen noch Fenster und Türen - und bald kommt der Winter und mit diesem die Regensaison.

Spenden Sie hier für die Opfer von Beirut:

- Rotes Kreuz: IBAN: DE63370205000005023307, BIC: BFSWDE33XXX, Stichwort: Soforthilfe Beirut

- Caritas international: IBAN: DE88 6602 0500 0202 0202 02, BIC: BFSWDE33KRL, Stichwort: Beirut

Die Explosion in Beirut offenbart die Probleme im Land

18.08 Uhr Ortszeit. Der Zeitpunkt der Explosion am 4. August 2020 hat sich in die Köpfe und Seelen der Libanesen eingebrannt. Am Ende waren es knapp 200 Menschen, die ihr Leben ließen und rund 6.500 Verletzte, offiziellen Angaben zufolge. Darunter Menschen, die erblindeten, Körperteile verloren und viele weitere, die auch zwei Monate nach der Explosion weiter unter den Auswirkungen leiden - seelisch wie körperlich. Viele stehen vor dem Nichts.

Ausgelöst hatte die Katastrophe ein Brand, der 2750 Tonnen Ammoniumnitrat* in einem Hafenspeicher zum explodieren brachte. Es war der letzte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte, nachdem bereits eine schleichende Finanzkrise das Land in den letzten Jahren erfasst hatte. Infolge der Explosionstragödie kam es zu massiven Protesten gegen die libanesische Regierung*. Sechs Tage nach der Explosion trat die Regierung unter Premierminister Hasan Diab zurück. Vielen Menschen mangelt es an allem. Tausende sind seither heimatlos, noch viele mehr arbeitslos und die Hungerkrise sorgt für eine immer prekärere Lage im Land.

Beirut nach der Explosion: „Die Preise für Aluminiumrahmen und Glas sind in die Höhe geschnellt“

Zwei Monate später spricht Laura Feldmann, die in München als Projektmanagerin arbeitet, über ihren zweiwöchigen Besuch in der zerstörten Hafenstadt und über die unterschiedlichen Schicksale ihrer Freunde:

Zum einen wäre da Rita Rossek. Sie arbeitet für die UNO. Ihr Apartment liegt 3,5 Kilometer entfernt vom Hafen in einem der schönsten Gebiete in Beirut, in Achrafieh. Ihr Glück: zum Zeitpunkt der Katastrophe war sie mit ihrer Mutter in den Bergen. Was passiert wäre, hätte sie sich in der Wohnung aufgehalten, ist unklar, die Möbel sind erhalten geblieben doch die Fenster in tausende Einzelteile zersprungen, die Türrahmen herausgebrochen, das Apartment unbewohnbar. Der Wiederaufbau geht schleppend voran, erzählte Rita ihrer Freundin: „Die Preise für Aluminiumrahmen und Glas sind in die Höhe geschnellt, die wenigsten können es sich jetzt leisten.“

Rita Rossek erzählt von der schwierigen wirtschaftlichen Situation in Beirut.

Ritas Glück ist, dass ihr Caritas und das Rote Kreuz Ende September dabei halfen, die Fenster wieder einzusetzen, und ihr damit kurz vor dem Winter einen lebenswerten Wohnraum zurückgaben. Das Land verlassen möchte Rita Rossek nicht, sie will ihre Mutter nicht alleine lassen, auch wenn die Perspektiven mau sind. Obendrein musste ihr Freund, ein Radiomoderator, nach Saudi-Arabien umsiedeln, weil er im Libanon keine Arbeit mehr fand. Zu all dem kommt, dass nun auch ihr Gehalt um fünfzig Prozent gekürzt wurde. Mit einem 15.000-Dollar-Kredit will sie ihr Apartment nun wieder aufbauen. Auf staatliche Unterstützung hofft sie wohl vergebens, eine Versicherung für Unglücke dieser Art gibt es nicht.

Beirut: Charles‘ Schwägerin wird bei der Explosion schwer verletzt

Charles Nakhle, Produkt Designer an der Académie Libanaise des Beaux-Arts, wiederum berichtete Laura von der dramatischen Geschichte seines Bruders. Das 500 Meter Luftlinie entfernte Apartment wurde von der Explosion komplett zerstört. Charles‘ Bruder war in der Arbeit, hatte ein wenig mehr Glück. Doch Charles‘ Schwägerin war mit ihrem Sohn im Haus. „Beide wurden schwer verletzt. Sie leidet noch immer, nachdem eine tiefe Wunde im Nacken den Nerv beschädigte. Seither kann sie den Arm weder spüren noch bewegen“, erzählt Laura Feldmann.

Charles Nakhle: Seine Schwägerin erlitt schwere Verletzungen durch die Explosion in Beirut.

Für das absolut Notwendigste hätten sie immerhin von einer NGO-Organisation 2000 Dollar bekommen. Doch, um das komplette Apartment wieder in den Ausgangszustand zu bringen, sind wohl 35-50.000 Dollar nötig. Wegen der Krise kommen viele allerdings nicht an ihr Geld auf den Banken, erklärt Charles. Sie brauchen also „frische Dollar aus dem Ausland“ - ein schwieriges Unterfangen.

„Das neue Apartment wurde durch die Explosion komplett zerstört“

Nur rund 350 Meter vom Hafen entfernt hatte sich die Schwester von Lauras bester Freundin im Libanon, Christina Francis, mit ihrem Verlobten ein Apartment gekauft. Es war schon fertig eingerichtet, doch eingezogen waren sie noch nicht. Das neue Apartment wurde durch die Explosion komplett zerstört. Das riesige Glück: Während der Explosion waren sie bei ihren Eltern, zwanzig Autominuten entfernt vom Hafen. Sogar dort war die Druckwelle der Explosion noch zu spüren.

Christina Francis mit ihrem Verlobten Karl.

Christinas Verlobter ist Architekt, sie hat eben ihr Studium abgeschlossen. Arbeit findet sie keine. Nach der Explosion sehen die beiden wenig Perspektiven im Land. Beide überlegen nach New York auszuwandern.

Ihr Foto vor dem leeren Bilderrahmen mit Blick auf den niedergewalzten Hafen und dem idyllischen Meer im Hintergrund steht symbolisch für die vollkommen absurde Szenerie, die sich den Menschen der Stadt bot. Selbst BBC wurde auf Christina aufmerksam, machte einen Beitrag, in dem die unglaublichen Ausmaße der Zerstörung deutlich werden.

Christina Francis steht vor den Trümmern ihres neuen Zuhauses.

Beiruts Opfer: Jetzt kommt es auf die Familie an

Beirut, das vor dem libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) oft als „Paris des Nahen Ostens“ bezeichnet wurde, muss diese neuerliche Erschütterung jetzt aufarbeiten und verarbeiten. Ein Land, das bei etwa sechs Millionen Einwohnern, rund zwei Millionen Flüchtlinge aufnimmt, das Geld in den vergangenen Jahren vor allem für alle anderen Dinge verwendet hat, denn für das eigene Volk. Ein Land, in dem die Inflation soweit vorangeschritten ist, dass das Libanesische Pfund fast nichts mehr wert ist.

Diesem Land und dieser Stadt bleiben vor allem die Hoffnung auf die gegenseitige Hilfe der „liebevollen, offenen Menschen“, wie Laura Feldmann glaubt. Es werde jetzt auf den familiären Zusammenhalt ankommen, und der ist glücklicherweise in Beirut das, was allen Tragödien der Vergangenheit zum Trotz weiter am besten funktioniert. *Merkur.de gehört zum Ippen-Digital-Netzwerk.

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