Angst vor zweitem Tschernobyl

AKW-Experte zu Saporischschja: „Ein zweites Tschernobyl droht uns definitiv nicht“

Das Atomkraftwerk Saporischschja macht vielen Menschen Angst. Der AKW-Experte Sören Kliem erklärt im Interview, warum uns keine nukleare Katastrophe droht.

Berlin – Die Situation rund um das von russischen Truppen besetzte Atomkraftwerk Saporischschja im Osten der Ukraine bleibt angespannt. Seit Anfang September ist die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Mitarbeitern vor Ort. In einer Pressemitteilung ließ sie vor wenigen Tagen verlautbaren, dass die Stromversorgung nun vorerst gesichert sei, die Lage aber „heikel“ bleibe. Unterdessen vermeldete die Ukraine in der Nacht zu Montag einen russischen Raketenangriff auf das AKW Südukraine, ungefähr 300 Kilometer südlich von Kiew.

Atomkraftwerke mitten in einem umkämpften Kriegsgebiet machen vielen Menschen auch hierzulande Angst. Nicht wenige befürchten eine Nuklearkatastrophe, vergleichbar mit der von Tschernobyl 1986. Über dieses Szenario haben wir mit Dr. Sören Kliem gesprochen, dem Abteilungsleiter Reaktorsicherheit vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf. Im Gespräch mit BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA erklärt der Nukleartechniker, warum militärischer Beschuss nicht per se problematisch ist und er nicht einmal in der mutmaßlichen Misshandlung des Personals von Saporischschja ein ernstes Sicherheitsproblem sieht.

Herr Kliem, das AKW Saporischschja ist weiterhin von den Russen besetzt und befindet sich mitten in einem Kriegsgebiet. Wie hoch schätzen Sie das Risiko eines schwerwiegenden Zwischenfalls ein?
Der größte anzunehmende Unfall wäre bei diesem Reaktortyp eine Kernschmelze ähnlich der von Fukushima 2011. Dazu kann es kommen, wenn einer der abgeschalteten Reaktoren nicht mehr ausreichend gekühlt wird. Allerdings müssten dafür viele Sicherheitseinrichtungen ausfallen. Ob es dann auch zu einer Freisetzung von Radioaktivität kommt, hängt vom Verlauf der Kernschmelze ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Kernschmelze kommt, schätze ich als gering ein.
Kann es in Saporischschja wie in Fukushima auch zu einer Explosion kommen?
Dazu muss man vorweg feststellen: Die Explosion in Fukushima hatte nichts mit der Kernschmelze an sich zu tun. Sie ereignete sich außerhalb des Reaktorbehälters. Eine Kernschmelze muss auch nicht notwendigerweise eine Explosion nach sich ziehen. Sie ist eine Ansammlung geschmolzenen radioaktiven Materials im unteren Bereich eines Kernreaktors. Ich gehe davon aus, dass es in Saporischschja auch bei einem internen Unfall nicht zu Explosionen kommen wird, wie es in Fukushima der Fall war. Anders sieht es natürlich aus, wenn es zu einem Beschuss von außen kommt.
Sollte es in Saporischschja tatsächlich zu einer Kernschmelze kommen, droht uns dann ein zweites Tschernobyl?
Ein zweites Tschernobyl droht uns definitiv nicht, weil wir es beim AKW Saporischschja mit einem anderen Reaktortyp zu tun haben. Bei Tschernobyl handelte es sich um einen Reaktor mit baubedingten Sicherheitsmängeln, die zu einer Explosion und infolgedessen einem Brand im Inneren des Reaktors führten. Dieser Brand transportierte die freigesetzten radioaktiven Stoffe kilometerweit in die Atmosphäre, wodurch radioaktive Wolken bis zu uns nach Mitteleuropa befördert wurden.
So etwas kann in Saporischschja nicht passieren?
Nein. Die Brennstäbe dort sind, ähnlich wie bei den deutschen AKWs, durch ein Containment versiegelt. Das ist eine 50 Meter hohe Schutzhülle aus Beton, die den gesamten Reaktor umhüllt und nichts entweichen lässt. Selbst wenn der Reaktorkern schmelzen sollte, träte also keine Radioaktivität aus.

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Europas größtes Atomkraftwerk im ukrainischen Saporischschja ist seit Anfang März von russischen Truppen besetzt. Hier ist ein russischer Soldat vor dem ersten von insgesamt sechs Reaktorblöcken zu sehen.

„Der Reaktor selbst muss gar nicht beschossen werden, damit es zu einer Kernschmelze kommt“

Kann man also sagen, dass das AKW Saporischschja ein sicheres Kernkraftwerk ist? Vergleichbar mit den deutschen Anlagen?
Die deutschen Kernkraftwerke gehören zu den sichersten der Welt. Die zu Sowjetzeiten gebauten russischen Reaktoren sind vom Design und dem ganzen Sicherheitskonzept her ihren deutschen Pendants sehr ähnlich, weil es sehr ähnliche Reaktoren sind. Auch sind die Reaktoren von Saporischschja nur drei bis fünf Jahre älter als die letzten drei noch in Betrieb befindlichen deutschen Reaktoren, die 1988 und 1989 ans Netz gingen. 
Kann es auch durch militärischen Beschuss zu einer Kernschmelze in Saporischschja kommen? Die IAEA stellt in ihrer jüngsten Verlautbarung ja fest, dass es „in der weiteren Umgebung“ des AKWs weiterhin zu Raketeneinschlägen kommt.
Kommt auf das Szenario an. Träfe etwa eine Rakete den Reaktor und würde das Containment, also die Schutzhülle aus Beton, beschädigen, wäre das natürlich ein gravierender Schaden. Das hieße aber noch nicht, dass der Reaktorkern mit den Brennstäben selbst beschädigt würde. Problematisch ist eher, dass die Brennstäbe auch im abgeschalteten Zustand gekühlt werden müssen. Dafür ist eine beständige Stromzufuhr notwendig, wofür man zunächst auf das externe Stromnetz zugreift.
Was passiert, wenn diese externe Stromzufuhr etwa wegen eines Stromausfalls wegfällt?
Dann wird intern mit Dieselgeneratoren Strom erzeugt. Wird auch diese sekundäre Infrastruktur zur Stromversorgung zerstört und die Kühlung der Brennstäbe unterbrochen, dann könnte es theoretisch zu einer Kernschmelze kommen. Der Reaktor selbst muss also gar nicht beschossen werden.
Also könnte etwa ein Mangel an Diesel für die stromerzeugenden Dieselgeneratoren schlimmstenfalls zu einer Kernschmelze führen?
Das AKW Saporischschja, Europas größtes Kernkraftwerk, besteht aus insgesamt sechs Reaktoren und jeder Reaktor hat sein eigenes Sicherheitssystem. Wenn an einem abgeschalteten Reaktor im Notfall also tatsächlich der Diesel knapp würde, könnte man immer noch auf die Dieselvorräte der anderen fünf Reaktoren zurückgreifen.
Im AKW Saporischschja arbeitet das Personal unter russischer Besatzung und man muss davon ausgehen, dass es drangsaliert wird. Besteht die Gefahr, dass eine Kernschmelze auch durch menschliches Versagen ausgelöst werden kann, etwa weil das Personal unter hohem Stress steht?
Definitiv besteht ein deutlich höheres Fehlerpotential für Menschen, die unter diesem Kriegsstress arbeiten müssen. Aber dass durch stressbedingte Fehlschaltung eine Kernschmelze ausgelöst werden kann, halte ich für ausgeschlossen. Auf eine gravierende Fehlhandlung erfolgt die Reaktorschnellabschaltung und die Kühlung der Brennstäbe setzt automatisch ein. Sofern diese automatisierten Sicherheitsvorkehrungen alle funktionieren, kommt es nicht zur Kernschmelze. 

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