Discounter als „Kriegsgewinnler“?

Aldi „zündet Lunte an Pulverfass“: Heikle Preis-Pläne bei Fleisch - und das trotz Corona

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Mit Desinfektionsmittel-Angeboten provozierte Aldi langen Schlangen vor seinen Filialen - nun will der Discounter offenbar Fleischpreise drücken.

Die Corona-Krise fördert große Probleme in der deutschen Wirtschaft zutage. Aldi will nun bestimmte Preise senken - Lieferanten, Kunden und ein Experte sind empört.

München/Mülheim - Die Corona-Pandemie hat etwas unerwartet ein sehr altes Problem wieder auf den Tisch gebracht - buchstäblich: Experten zufolge ist die Situation in der deutschen Fleischindustrie schon seit Jahren grenzwertig. Für die meist aus anderen Staaten stammenden Mitarbeiter. Und immer wieder auch für die Tiere. Nun bringen Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen neue Brisanz in die Thematik

Politiker der Grünen - aber auch der CSU - fordern angesichts dessen höhere Preise für Fleischprodukte. Doch ausgerechnet einer der Preismacher im deutschen Lebensmittelhandel plant anderes: Aldi will einem Bericht zufolge die Einkaufskosten für Fleisch- und Wurstwaren senken. Kommt es tatsächlich so, dürften andere Ketten wohl folgen.

Video: Klopapier nicht mehr der Renner

Aldi will trotz Corona Fleischpreise senken: Brief kursiert - und sorgt für Unmut

Die Lebensmittelzeitung zitiert online aus einem Brief von Aldi Süd, der dem Fachblatt nach eigenen Angaben vorliegt. Darin werde auf derzeit günstige Schweinefleisch-Preise verwiesen und gefordert: "Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, diese dynamische Entwicklung sehr kurzfristig aufzugreifen und in ein attraktives Angebot für unsere Kunden umzusetzen". 

Von Aldi Nord kursierten ähnliche Schreiben, heißt es unter Berufung auf Quellen in der Fleischindustrie weiter. Die beiden Discounter-Schwestern* planten eine Verkaufspreissenkung zum 29. Mai - eventuell könnten die Einkaufspreise gar rückwirkend zum 1. Mai gesenkt werden.

Video: Coronavirus - Fleischindustrie im Fokus

Aldi in der Corona-Krise: „Zündet Lunte an einem politischen Pulverfass“

Der verschärfte Billig-Kurs just beim heiklen Thema Fleisch sorgt wenig überraschend für Widerstand. So ist laut Lebensmittelzeitung unter Lieferanten von „sehr fordernden“ Gesprächen mit Aldi-Einkäufern die Rede.

Andere Gesprächspartner der Wochenzeitung wurden offenbar noch deutlicher. Aldi zünde „die Lunte an einem politischen Pulverfass“ werden Fleischhersteller zitiert, auch von „großem Unverständnis“ und einem „falschen Signal“ ist die Rede. Die notwendigen Corona-Maßnahmen setzten Anbieter ohnehin schon unter wirtschaftlichen Druck. Auch der Deutsche Tierschutzbund sprach mit Blick auf die von Aldi angestrebten Preissenkungen von einem völlig falschen Signal.

„Die Forderungen von Aldi sind komplett gewissenlos“, sagte zudem die Präsidentin des Bundesverbandes der deutschen Fleischwarenindustrie, Sarah Dhem, der dpa. Gerade angesichts der Bemühungen der Wurstbrache in den vergangenen Wochen, die Versorgungssicherheit in der Corona-Krise mit großem Aufwand sicherzustellen, passe die Forderung nicht in die Zeit. Auf Unmut in der Branche stoße die Höhe, das Tempo und Zeitpunkt der Preisforderungen.

Corona bringt Fleischindustrie in den Fokus - Aldi will offenbar trotzdem Preise drücken

Aldi habe auf Nachfrage Gespräche mit Wurst-Anbietern bestätigt, schreibt das Blatt. Die Preisentwicklung sei derzeit schwer vorauszusagen, argumentierte der Discounter: „Aus diesem Grund haben wir bei Anbietern von Wurstwaren hinterfragt, ob in dieser Situation das bisherige Ausschreibungsverfahren beibehalten, oder ein an die dynamischen Märkte angepasstes und damit flexibles, pragmatisches Vorgehen eingeschlagen werden sollte".

Zugleich bemühte sich der Discounter-Platzhirsch um Beschwichtigung. „Als verantwortungsvolle Kaufleute“ berücksichtige man stets den Nutzen der Kunden wie auch das „partnerschaftliche Verhältnis zu Lieferanten“. Bei einer Beruhigung der Märkte solle deshalb auch eine „Rückkehr zum bisherigen Procedere besprochen werden“. 

Aldi will Fleischpreise in Corona-Krise nutzen: Discounter als „Kriegsgewinnler“? Erste Boykott-Aufrufe

Trotzdem gibt es schon jetzt in den sozialen Netzwerken teils heftige Kritik. „Diese Läden müssen wir boykottieren“, war am Mittwoch auf Twitter gar bereits zu lesen. Der Sozialwissenschaftler Professor Stefan Sell sprach mit Blick auf die Debatte um Fleisch-Preise in einem Posting von „Kriegsgewinnlern“. Aldis Vorgehen passe zur aktuellen Diskussion „wie die Faust aufs Auge“.

Auf ganz andere Art und Weise war Aldi zuletzt selbst von der Corona-Krise betroffen: Nicht alle Kunden akzeptieren die Schutzmaßnahmen, in einer Filiale kam es zum Eklat. Geplant ist bei Aldi Süd offenbar auch eine technische Lösung für die Herausforderungen der Pandemie-Zeit. Mehr über die Geschichte des Aldi-Imperiums erfahren sie bei Merkur.de*.

fn

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