Absagen gehören zu Bewerbungen dazu

Leon Windscheid: "Vor sozialen Berufen habe ich großen Respekt"

WWM-Gewinner Dr. Leon Winscheid steht aktuell mit seinem Programm „Altes Hirn, neue Welt“ auf der Bühne. Foto: Treffer-Magazin
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WWM-Gewinner Dr. Leon Winscheid steht aktuell mit seinem Programm „Altes Hirn, neue Welt“ auf der Bühne. Foto: Treffer-Magazin

Wenn ihr euch nicht erinnert, tun eure Eltern es ganz sicher: Leon Windscheid, damals Mitte 20, gewann vor vier Jahren in der TV-Show „Wer wird Millionär?“ eine Million Euro*. Wir haben mit ihm über Bewerbungen geredet.

Der Redner, Entertainer und Buchautor („Hey Hirn. Warum wir ticken, wie wir ticken“) hat Treffer erzählt, wie er seinen Weg vom „normal schlauen Schüler“ (Selbsteinschätzung) zum promovierten Wirtschaftspsychologen gemacht hat.

Treffer: Was wolltest du als Kind werden?

Leon Windscheid: Als Kind habe ich davon geträumt, später einmal auf einem Müllwagen mitfahren zu dürfen – nicht als Beifahrer, sondern auf dem Trittbrett an der Seite bzw. hinten. Mich hat das immer beeindruckt, wie die Männer da ihren Job gemacht haben. Dieses lässige Auf- und Abspringen, das hatte für mich etwas Abenteuerliches. Meine Eltern, beide Lehrer, wären von dieser Idee sicherlich nicht so begeistert gewesen. Aber vor kurzem habe ich eine Studie gelesen, wonach die Menschen Müllmänner vertrauenswürdiger finden als Lehrer. Tja, wäre ich Müllmann geworden, hätte ich die beiden in Sachen Image jedenfalls ausgestochen.

Was warst du in der Schule: Klassensprecher oder Klassenclown?

Weder noch. Klassensprecher zu sein, wäre mir viel zu viel Arbeit gewesen. Und Klassenclown? Nein, das war auch nicht meine Rolle.

Vom Tellerwäscher zum Millionär

Was war dein schlimmster Ferien- bzw. Nebenjob neben der Schule?

Ich habe mir mein Taschengeld früh mit dem Verteilen von Prospekten aufgebessert. Das war ganz okay, es sein denn, es regnete, man wurde von Hunden verfolgt oder ein paar Damen beschwerten sich, weil ihr Werbeprospekt nicht ordentlich gefaltet im Briefkasten lag. Später habe ich dann in einem Bistro als Tellerwäscher angeheuert und mich zum Kellner hochgearbeitet. Den Job kann ich nur empfehlen: Das Trinkgeld ist super!

Du bist heute Doktor der Psychologie, hältst Vorträge, betreibst ein Eventschiff. Welcher Beruf wäre für dich nicht infrage gekommen?

Ich mag keine Berufe, bei denen ich das Gefühl habe, sie bringen eigentlich niemanden weiter. Investmentbanker ist so ein Beruf: Da wird Geld um des Geldes willen bewegt – und es entsteht: nichts. Kein Produkt, keine Dienstleistung, kein Mehrwert, nichts zum Wohl der Menschen.

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Vor welchen Berufen hast du Hochachtung?

Leon Windscheid: In einer Zeit, in der intelligente Maschinen dem Menschen immer mehr analytisches Verhalten, mathematisches Denken und das Abrufen und Verarbeiten von Informationen abnehmen können, halte ich persönlich Berufe für sinnvoll, in denen es um Mitmenschlichkeit und um Werte, um Kreativität und Fantasie geht. Vor jemandem, der alte Menschen pflegt, habe ich tatsächlich mehr Hochachtung als vor jemandem, der einen Algorithmus schreibt. Gerade die MINT-Berufe, also Berufe, in denen es um Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik geht, haben heute zwar sehr gute Berufsaussichten. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sich das in 15, 20 Jahren verändert und dann soziale Berufe im Fokus stehen: ob das nun der Lehrer oder der Altenpfleger ist.

Wenn die Unternehmen dich nicht mehr für Vorträge buchen oder du nicht mehr mit einem Live-Programm touren willst, was machst du dann?

Vielleicht würde ich mich dann als Psychotherapeut niederlassen. Denn das Thema „Psychische Gesundheit“ ist ein ganz großes und wichtiges. Da kann man den Menschen wirklich helfen.

Was rätst du den Treffer-Leserinnen und Lesern, die jetzt gerade Bewerbungen schreiben?

Ich bin ja auch Unternehmer und bekomme jede Menge Bewerbungen. Mir ist es wichtig, dass man in der Bewerbung direkt vermittelt, dass man für den Beruf brennt – und warum. Man muss zeigen, dass dieses Interesse Hand und Fuß hat, irgendein Indiz, dass dem Leser der Bewerbung zeigt: Der erzählt das nicht einfach so, der hat schon Ahnung.

Absagen gehören zu Bewerbungen dazu

Wie kann man mit Absagen umgehen?

Ach, die gehören doch dazu. Wer Bewerbungen schreibt, wird auch Absagen bekommen. Darauf muss man sich ganz nüchtern einstellen. Man darf den Kopf nach der ersten Absage nicht in den Sand stecken. Ich kann mich noch gut an einen Tag erinnern, an dem ich morgens von einer Firma eine Absage für einen Job bekam und zu Tode betrübt war, und nachmittags kam die Zusage von einer anderen Firma – und da war das Gefühl dann „himmelhoch jauchzend“.

Womit würdest du im Vorstellungsgespräch punkten?

Leon Windscheid: Mit Offenheit, Selbstbewusstsein und Humor. Wenn man zeigt, dass man Lust hat, etwas zu machen, dann ist das doch die halbe Miete. Man sollte sich aber auch bewusst sein, dass ein Vorstellungsgespräch immer ein gegenseitiges Kennenlernen ist. Wenn man kein gutes Gefühl hat, kann man sich auch gegen ein Unternehmen entscheiden. Allein das Wissen, dass man seinem Gegenüber nicht ausgeliefert ist, sondern auch selbst die Zügel in der Hand hat, kann die Situation im Vorstellungsgespräch unheimlich entspannen. Und irgendwelche Pannen kann man mit einem Lachen überspielen.

Welche Pannen wären das?

Der größte Horror wäre für mich sicherlich, wenn mir vor lauter Anspannung oder Stress der Schweiß ausbricht. Das ist mir mal passiert, als ich einen Vortrag gehalten habe: Ganz langsam rollte mir eine Schweißperle die Nase runter. Also, das wäre schon schlimm für mich in einem Vorstellungsgespräch. Aber ich weiß auch aus Erfahrung, dass die Unternehmen dem nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Eigentlich hat jeder Verständnis dafür, dass man in so einer Situation aufgeregt ist. In dem Sinne: Allen, die sich gerade bewerben, einen guten Start in die Ausbildung.

Danke für das Gespräch – und weiterhin viel Spaß bei deinen Vorträgen, mit deinem Live-Programm und natürlich mit der MS Günther ...

* Das Schiff MS Günther hat Leon Windscheid in Münster von seinem Millionengewinn gekauft und vermietet es seitdem als Event­location.

Dieser Artikel erschien zuerst im "Treffer", dem Ausbildungsmagazin der Ruhr Nachrichten.

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