Der Trend zu mehr Radwegen hält an

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Sie halten fit und sportlich und immer mehr Stadtplaner erkennen ihr Potenzial für eine umwelt- und klimafreundliche Infrastruktur der Zukunft. Die Rede ist von Fahrrädern. Dieses Potenzial wird mit einer Zahl eindrucksvoll belegt: Gab es 2005 „nur“ 67 Millionen Drahtesel, sind es heute schon knapp 76 Millionen. Tendenz steigend.

Dieser Trend ist auf der ganzen Welt zu beobachten: 

Das Weltverkehrsforum, eine internationale Organisation mit 65 Mitgliedsstaaten, berichtet, dass von März bis April 2020 in über 150 Städten – u. a. durch den Einsatz von Absperrpfosten und Fahrbahntrennern – neue Rad- und Fußwege eingerichtet worden sind. Zahlreiche weitere sind in Planung. Brüssel hat sogar in der Innenstadt die Geschwindigkeit auf 20 km/h eingeführt, weil die Stadtverwaltung langfristig den Fuß- und Radverkehr priorisiert.

Wenn Corona zu neuen Radwegen führt 

Dieser Anstieg von Radwegen ist im Zusammenhang mit Corona zu sehen. Die kolumbianische Hauptstadt Bogota hat in ihrer Anti-Corona-Strategie explizit Radwege miteinbezogen. Die Stadt hat kurzfristig Radwege geschaffen, damit die Menschen nicht mehr eng auf eng in den Bussen und Bahnen sitzen müssen. 

In Deutschland ist der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg der Vorreiter. Der Leiter des Straßen- und Grünflächenamts, Felix Weisbrich, sieht den Ausbau der Radwege naturgemäß positiv. Daher hat er den Input aus Bogota aufgegriffen. Als er die Bilder aus Bogota gesehen habe, so Weisbrich, sei ihm sofort klar gewesen, dass er handeln müsse. Und er hat einen ehrgeizigen Plan: Berlin soll, was neue Radwege gegen die Corona-Pandemie angeht, die erste Stadt in Europa sein. Dieses Ziel hat er erreicht. 

Auf die Breite kommt es an 

Im Kampf gegen Corona müssen auch Radfahrer die Abstandsregeln einhalten. Die meisten halten sich an diese Bestimmung. Doch das Problem liegt woanders. 

Beispiel: Der Radstreifen am Halleschen Ufer ist eine wichtige Verkehrsader in Kreuzberg. Doch der Radstreifen war zu eng und nicht eindeutig zur Autofahrbahn abgegrenzt. Viele Radfahrer fühlten sich hier unsicher und wichen unerlaubterweise auf den Gehweg aus, wo sie den Fußgängern zu nah kamen.

Die Lösung: Radwege bauen, die zwei bis drei Meter breit sind. 

Das Sicherheitsgefühl nicht vernachlässigen

Die Breite des Radweges hat aber einen weiteren Vorteil: Sie schafft ein Sicherheitsgefühl. Zahlreiche Studien haben belegt, dass es einen Zusammenhang zwischen der Benutzung des Radweges und dem Sicherheitsgefühl gibt. Wenn der Radweg nicht eindeutig von der Auto-Fahrbahn abgegrenzt ist, fürchten sich viele Radfahrer um ihre Sicherheit. Das Ergebnis: Sie verzichten aufs Rad oder fahren auf dem Bürgersteig. Daher greifen immer mehr Stadtplaner dazu, die Radwege deutlich von der Straße abzutrennen. 

So auch im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg: Zu Beginn rückten Mitarbeiter des Bezirksamts heraus; zogen einen Streifen, der die Breite des Radwegs regelt; und trennten anschließend den Weg mit Baken, Pollern oder Absperrpfosten

Ergebnis: Hier sind Radfahrer „unter sich“. Hier können keine Autos auf dem Weg oder am Gehwegrand parken. Das erhöht die Sicherheit noch einmal zusätzlich: Denn nun kann kein Autofahrer die Fahrt der Radler gefährden, indem sie nicht auf den Verkehr achten, wenn sie ihre Autotür öffnen. 

Viele Radwege werden Corona überleben 

Radwege sind viele Jahre stiefmütterlich behandelt worden. Doch jetzt erleben sie einen Boom. Um die Akzeptanz sicherzustellen, müssen sie die Radwege sicherer gemacht und mit Baken oder Absperrpfosten abgesichert werden. Eine Stadtplanung, die diesen Aspekt vernachlässigt, wird keinen Erfolg haben. 

Berlin wird auch hier eine Vorreiterrolle für Deutschland übernehmen: Felix Weisbrich hat in seinem Bezirk schon bei 80 Straßenabschnitte temporäre Radwege eingerichtet (Stand: Mai 2020). Und es sollen noch mehr werden. Die Chance ist gut, dass vieler dieser Radwege auch nach Corona bestehen bleiben.

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