Vorwurf gegen Marken

WHO wirft Nestlé Falschinformationen bei Produkten vor – Konzern reagiert

Durch „skrupellose Vermarktung“ würden Verbraucher verunsichert, so der Vorwurf der WHO.

Dortmund – Wer gerade ein Baby bekommen hat, will wahrscheinlich nur das Beste für den kleinen Erdenbürger, auch in puncto Ernährung. Viele Marken und Lebensmittelhersteller werben damit, dass Flaschenmilch für Säuglinge besonders gesund sei. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisiert dieses Vorgehen und spricht von einer „skrupellosen Vorgehensweise“.

NameWeltgesundheitsorganisation (WHO)
HauptsitzGenf, Schweiz
Gründung7. April 1948

WHO und Unicef verurteilen Verunsicherung von Schwangeren und Eltern

Wenn bei Mutter und Kind gesundheitlich nichts dagegen spricht, überwiegen die Vorteile des Stillens dem der anderen Babynahrung. Muttermilch ist auf die Bedürfnisse eines Babys abgestimmt, Kinder, die gestillt werden, sind laut Quarks & Co durch Studien belegt gesünder.

Allerdings würden junge Eltern und Schwangere durch Werbung und Versprechen vieler Hersteller von Babynahrung, wie etwa Flaschenmilch, verunsichert. Unicef und die WHO werfen ihnen sogar „skrupellose Vermarktung“ vor, ohne Unternehmen beim Namen zu nennen. Laut WHO würden irreführende und wissenschaftlich nicht belegte Behauptungen aufgestellt, um Eltern dazu zu bringen, Säuglingsnahrung zu verabreichen, statt mit Muttermilch zu füttern.

Warnung vor Babynahrung: WHO sieht Gefahr in falschen Versprechungen

Das hat offenbar zur Folge, dass die Industrie für Babynahrung boomt: Bereits 2019 war sie einer Studie zufolge 55 Milliarden Dollar (entspricht 48 Mrd. Euro) wert. In den vergangenen 20 Jahren sei zwar die Stillquote angestiegen, im gleichen Zeitraum habe sich der Umsatz der Säuglingsnahrungshersteller fast verdoppelt, wie der Tagesspiegel berichtet.

Doch wie genau sieht das angeblich skrupellose Vorgehen aus? Aus derselben Studie, auf die die WHO sich bezieht, geht hervor, dass Firmen gezielt auf sozialen Medien den Vorteil von Säuglingsnahrung propagieren. Auch Gesundheitspersonal würde mit „zweifelhaften Informationen“ versorgt, die dann auch an Eltern weitergegeben werden.

Die Fehlinformationen umfassen etwa die Behauptung, dass Babys dank Säuglingsnahrung länger schlafen würden oder Muttermilch gar mit der Zeit an Qualität verliere. Außerdem sollen bestimmte Produkte angeblich auch Allergien vorbeugen – eine Behauptung, die übrigens auch Muttermilch nachgesagt wird und laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wissenschaftlich umstritten ist.

Vorteile von Muttermilch: WHO kritisiert Werbung für Babynahrung

Wer sein Baby in den ersten Lebensmonaten ausschließlich stillt, kann laut WHO aber tatsächlich lebenslange, gesundheitliche Vorteile erzielen. So soll das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleibigkeit und Diabetes verringert werden. Auch die Mütter sollten Vorteile haben: Für sie soll durch das Stillen das Brustkrebs-Risiko sinken.

Bei der Warnung gehe es der Organisation nicht darum, Säuglingsnahrung komplett aus den Supermarkt- oder Drogerie-Regalen zu verbannen. Manche Säuglinge sind auf diese Nahrung angewiesen. Laut dem BfR entspricht sie grundsätzlich auch den Ernährungsbedürfnissen von Babys. Auch Öko-Test hat einige Sorten von Säuglingsmilch untersucht. In der Studie werden nur die Vermarktungsmethoden kritisiert, die Mütter manipulierten. Die Geburt eines Kindes dürfe kein kommerzielles Geschäft sein.

Die Studie vergleicht die Werbung für Säuglingsnahrung auch mit solcher für Tabak oder Glücksspielangeboten, „bei denen der Verkauf Vorrang vor der Gesundheit und Entwicklung des Kindes hat.“

Die Weltgesundheitsorganisation WHO kritisiert die Hersteller von Babynahrung.

Vorwürfe der WHO: Babynahrungs-Hersteller weist Kritik ab

Einer der größten Hersteller für Babynahrung Nestlé hält allerdings dagegen. Der Konzern teilte auf Anfrage des Tagesspiels mit, dass er in 163 Ländern gar nicht für Nahrung für Babys unter zwölf Monaten werbe. Bis Jahresende wolle Nestlé seine Werbung für Babynahrung bis zum sechsten Monat weltweit stoppen. 2020 hat Foodwatch noch vor Säuglingsmilchpulver von Nestlé gewarnt. Der Vorwurf: Das Milchpulver habe zu viel Mineralöl enthalten.

„Nestlé unterstützt die Annahme von Gesetzen über das Marketing von Babynahrung in allen Ländern“, teilte das Unternehmen zur aktuellen Kritik von der WHO mit. Laut der Weltgesundheitsorganisation würden sich nur 25 Länder an einen 1981 festgelegten Verhaltenskodex für die Vermarktung von Babynahrung weitestgehend halten. Deutschland gehöre nicht dazu.

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