Doch nicht sicher?

Telegram-Studie bringt erschreckende Details über beliebten Messenger ans Licht

Der Ruf des Telegram-Messengers ist gut - zumindest besser als jener von Whatsapp. Eine Studie bringt jetzt allerdings Überraschendes ans Tageslicht.

Greifswald/Düsseldorf – In Sachen Datenschutz gibt es immer wieder Kritik bei WhatsApp. In Sachen Datenschutz bekam der Platzhirsch unter den Messengerdiensten daher Konkurrenz von Telegram – ein Angebot, das aufgrund der Verschlüsselung der Chat-Inhalte als sicher galt. Doch eine neue Studie bringt jetzt die dunklen Seiten von Telegram ans Licht.

Messaging-Dienst:Telegram
Erstveröffentlichungsdatum: 14. August 2013
Nutzer:rund 400 Millionen

Telegram oder WhatsApp: Welcher der sicherere Messenger-Dienst ist

Zu Beginn von Telegram hatte der Messenger-Dienst die Vorteile, dass man zum einen nicht die eigene Handynummer preisgeben musste, um Nachrichten verschicken zu können. Zum anderen, dass die Nachrichten durch eine sogenannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützt sind.

Seit 2016 nutzt auch WhatsApp diese sichere Art der Verschlüsselung, die unter anderem dafür sorgt, dass niemand außer einem selbst die Chats mitlesen kann. Was viele nicht wissen: Bei Telegram ist die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nicht automatisch aktiviert. Wer das nicht weiß und die „Secret“-Funktion nicht einstellt, kommuniziert dort also weniger sicher als bei einem WhatsApp-Chat.

Telegram: Messengerdienst ohne Zensur birgt Vor- und Nachteile

Dennoch hat Telegram für einige User – unabhängig von Sicherheits- und Datenschutzstandards – noch vermeintliche Vorteile. Bei Facebook und Twitter werden beispielsweise immer wieder Nutzer aufgrund ihrer Äußerungen gesperrt. Telegram nehme solche Löschungen bislang nicht proaktiv vor, heißt es vonseiten des Unternehmens.

Die fehlende Zensur, und dass sich Telegram weitgehend dem Zugriff von Strafverfolgungsbehörden oder anderen staatlichen Stellen entzieht, macht den Dienst deshalb auch weltweit für Oppositionsgruppen, Menschenrechtler, Whistleblower oder Journalisten interessant – aber eben auch für Hetze gegen Bevölkerungsgruppen.

Außerdem gibt es die Möglichkeit, eine Gruppe mit bis zu 200000 Mitgliedern zu führen – zuletzt war das in aller Munde, weil Michael Wender, Attila Hildmann und Xavier Naidoo die Funktion nutzen, um teilweise ungehaltene Theorien über die Coronakrise zu verbreiten. Für die Wissenschaftler sind das genug Gründe für die Annahme, dass Telegram eine geeignete Plattform für illegale Aktivitäten ist.

Studie über Telegram mit erschreckenden Erkenntnissen

Jakob Jünger und Chantal Gärtner von der Uni Greifswald haben deshalb im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) den Messengerdienst einmal genauer unter die Lupe genommen und rund 360000 Mitteilungen in etwa 900 Telegram-Gruppen untersucht. Die Forscher wollten wissen, ob der Messengerdienst ein Fall für die Medienaufsicht ist.

Und sie wurden fündig. Einige Erkenntnisse dürften sogar für die Polizei nicht ganz uninteressant sein. So haben Jakob Jünger und Chantal Gärtner reihenweise Rechtsverstöße und zahlreiche illegale Aktivitäten entdeckt. Von Rechtsextremismus und Hetze, Waffen- und Drogenhandel sei alles dabei, so die Wissenschaftler.

Telegram: Studie soll für besseres Verständnis des Messengerdienstes sorgen

Die Studie hatte mitunter zum Ziel, ein besseres Verständnis für die Aktivitäten auf Telegram zu bekommen und gegebenenfalls rechtliche Schritte einzuleiten. Denn „Regeln gälten nicht nur für Facebook und Youtube, sondern auch für Telegram“, sagte der Direktor der Landesmedienanstalt, Tobias Schmid, am Donnerstag in Düsseldorf bei der Präsentation der Studie. Telegram dürfe nicht als eine Art rechtsfreier Raum fungieren (mehr News über Telegram auf RUHR24.de)

Der Messengerdienst wird häufig zur Absprache illegaler Aktivitäten genutzt – aber auch als Raum für sozialen Kontakt.

So stellten die Wissenschaftler fest, dass „Telegram oftmals als Instrument von regulierungsrelevanten und problematischen Akteuren“ genutzt wird. So falle zwar die Verbreitung von Falschinformationen und Verschwörungstheorien in der Regel in den Bereich der Meinungsfreiheit, nicht aber der Aufruf zu in dem Zusammenhang stehenden nicht-erlaubten Versammlungen – beispielsweise jüngst zu Anti-Corona-Demos, wie neulich in der Innenstadt von Dortmund.

Telegram: Marktplatz für Waffen und fragwürdige Inhalte

Weitaus bedenklicher sind jedoch die Erkenntnisse der Studie, dass Telegram als Marktplatz für illegale Waren funktioniert. So fanden die Forscher insgesamt 14 Kanäle und 24 Gruppen, in denen Drogen verkauft wurden, 2 Kanäle für Waffen und zig weitere, in denen es Dokumente oder gefälschte Waren gibt.

Und es kommt noch schlimmer: Auch fanden Jakob Jünger und Chantal Gärtner zahlreiche Kanäle im rechtsextremistischen Bereich sowie 48 Kanäle mit pornografischen Inhalten. Potenziell rechtswidrige Inhalte werde man nun den Strafverfolgern übergeben, teilten die Forscher am Donnerstag (5. November) bei der Veröffentlichung der Studie mit.

Telegram: Erkenntnisse der Studie mit Konsequenzen

Und weiter: „Die Medienregulierung steht nun vor der Herausforderung, gleichzeitig die Meinungsfreiheit und vor Diskriminierung zu schützen“, fasst der Forscher Jakob Jünger die Erkenntnisse aus der Studie zusammen. Denn trotz aller illegaler und rechtsverstoßender Aktivitäten auf Telegram, sei der Messengerdienst weiterhin „für viele Menschen ein Raum für den sozialen Kontakt, kreative Kommunikation und die Entfaltung von Meinungen und Diskursen“, heißt es in der Studie.

Tobias Schmid entgegnete darauf, dass die Freiheit im Netz nur dann funktioniere, wenn Regeln eingehalten werden. Aber „wir kommen an der Erkenntnis nicht vorbei, dass sich die Organisationsform von Telegram der Rechtsdurchsetzung strukturell entzieht und dass das systematisch missbraucht wird“, so der LfM-Direktor in Düsseldorf. Man werde deshalb die Aufsichtstätigkeit entsprechend erweitern und hoffe auf eine Kooperation mit dem Gesetzgeber. (mit dpa-Material)

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