Krebserregende Stoffe

Papier-Strohhalme: Experten warnen vor Gesundheitsgefahr

Papier-Strohhalme liegen im Trend, da sie – im Gegensatz zu ihren Pendant aus Plastik – die Umwelt schonen sollen. Doch jetzt schockieren Studien über die Strohhalme.

Deutschland – Plastik war gestern: Jetzt sind Trinkhalme aus Papier im Trend. Die Öko-Trinkhalme sollen zur Vermeidung von Kunststoff beitragen, gelten bei vielen Verbrauchern aber als total unpraktisch. Offenbar ist das nicht das einzige Problem: Die Stiftung Warentest verweist jetzt auf Studien, wonach in Papier-Strohhalme krebserregende Stoffe gefunden wurden.

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)bundesunmittelbare rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts der Bundesrepublik Deutschland
Gründung2002
SitzBerlin

Strohhalme aus Papier: Plastik-Alternativen sorgen für Ärger

Bei aller Unterstützung nachhaltiger Produkte: Die neuartigen Trinkhalme aus Papier haben bei Verbrauchern bereits für viel Unmut gesorgt. Ein komisches Gefühl im Mund ist dabei noch das kleinste Problem. So lösen sich einige von ihnen beim Trinken leicht auf und sind einfach unstabil.*

Problem unstabile Trinkhalme: Stabilisierende Harze enthalten laut Stiftung Warentest Schadstoffe

Das Problem: Für Kinder war es schon bei Kunststoff-Strohhalmen kniffelig, sie in die Packung zu stechen. Die neuen Papphalme knicken noch viel leichter um – die Sauerei ist vorprogrammiert.

Um dem vorzubeugen und die als nachhaltiger geltenden Strohhalme stabiler zu machen, setzen die Hersteller dem Papier jetzt festigende Harze zu. Wie die Stiftung Warentest in ihrer Novemberausgabe mitteilt, können diese Harze gefährliche Schadstoffe enthalten.

„Kunterbunter Chlorpropanol-Cocktail“: Experten warnen vor Gefahr durch Strohhalme

So habe der Konsumentenschutz der Arbeitskammer Oberösterreich insgesamt elf Papierhalme geprüft. In jedem der Produkte hätten die Prüfer das möglicherweise krebserregende 3-MCPD (Monochlorpropandiol) nachgewiesen. Die Verwendung eines Papierstrohhalms allein stelle zwar kein unmittelbares Gesundheitsrisiko dar. Da auch andere Produkte, wie beispielsweise raffinierte Öle, den Stoff enthielten, sehen die Experten den Trend aber kritisch.

Bereits 2020 wäre eine Untersuchung des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe (CVUA-MEL) von insgesamt 64 Papierhalmen zu einem entsprechenden Ergebnis gekommen. Rund die Hälfte aller getesteten Trinkhalme seien mit einer erhöhten Menge an 3-MCPD belastet gewesen. In jedem fünften Produkt fanden die Experten zudem Dichlorpropanol (1,3-DCP), das ebenfalls im Verdacht steht, krebserregend zu sein.

Erschreckendes Fazit: In seinem Jahresbericht 2020 nennt das Amt mit Sitz in Münster die Papier-Strohhalme einen „kunterbunten Chlorpropanol-Cocktail“ (weitere Warnungen sowie Rückrufe auf RUHR24).

Potenziell krebserregende Stoffe in Papier-Strohhalmen – neue Gefahr für Verbraucher

EU-weite Vorgaben gibt es für die neuartigen Produkte noch nicht. Allerdings hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in einer Stellungnahme von Mai 2021 Alternativen für Plastikhalme bewertet und einen gesetzlichen Richtwert festgelegt. Die Experten gelangen zu dem Schluss, dass von Strohhalmen aus Papier und Pappe nach derzeitigem Kenntnisstand kein gesundheitliches Risiko ausgehe, wenn „bei der Herstellung die Vorgaben der BfR-Empfehlung eingehalten“ werden.

Eben dieses sei nach den zitierten Studien aber nicht der Fall, erklärt das CVUA-MEL: Die gefundenen Mengen lägen über dem vom BfR gesetzten Richtwert. Mehr noch: Nach den Experten sei das „Ausmaß der festgestellten Auffälligkeiten erstaunlich“.

Wasserlösliche Problemstoffe in Strohhalmen werden zur Gefahr für Verbraucher

Die Experten des Veterinäruntersuchungsamts sehen die Verwendung dabei noch deutlich kritischer, als die österreichischen Kollegen. Bei Papier-Strohhalmen bestünde ein besonderes Risiko, da die gefährlichen Stoffe wasserlöslich seien und so in die verzehrten Flüssigkeiten übergehen könnten.

Das CVUA-MEL kommt somit zu dem Ergebnis, dass ein großer Teil der Papier-Trinkhalme mit Rohstoffen hergestellt werden, die „nicht den für den deutschen Markt verbindlichen Qualitätsstandards für den Lebensmittelkontakt entsprechen“. Vielfach seien es dabei importierte Produkte aus China gewesen, die belastet gewesen sind.

Bei Verwendung dieser Trinkhalme zum Verzehr von Getränken bestehe daher die Gefahr, „dass es zu einer unvertretbaren Veränderung der Zusammensetzung der Getränke und zur Aufnahme von wahrscheinlich krebserregendem 3-MCPD und 1,3-DCP“ komme.

Kunststoff-Strohhalme werden der Umwelt zuliebe nicht mehr hergestellt. Aber Alternativen zu Plastik haben offenbar ein Schadstoff-Problem.

Plastik-Verbot seit Juli 2021: Essbare Strohhalme sind besser als Papp-Alternativen

Der Hintergrund des Dilemmas: Seit dem 3. Juli 2021 dürfen Einwegbesteck und -geschirr aus Plastik sowie Trinkhalme oder Wattestäbchen aus Kunststoff EU-weit nicht mehr produziert werden. Das Verbot gilt laut Bundesregierung auch To-go-Getränkebecher oder Fast-Food-Verpackungen.

Zwar darf der Handel die vorhandene Ware noch abverkaufen – doch die Hersteller sind gezwungen, bereits nach Alternativen zu suchen. So kommen aktuell immer mehr plastikfreie Produkte in den Handel. Da von einer Zunahme dieses Trends auszugehen sei, mahnt das CVUA-MEL, dass die Kontrollen schärfer sein müssten – langfristig käme man nicht um EU-Richtlinien für Plastikalternativen aus Papier herum.

Als Alternativen zu den schadstoffbelasteten Papier-Strohhalmen empfehlen die Stiftung Warentest sowie das BfR übrigens Edelstahltrinkhalme. Auch viele der essbaren Trinkhalme auf Getreidebasis hätten im Test überzeugt.

*In einer früheren Version des Textes wurden die Trinkhalme von Capri Sun erwähnt. Die Firma weist aber in einer Stellungnahme explizit darauf hin, dass die Papiertrinkhalme gemäß der geltenden EU-Richtlinien sowie der Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung hergestellt werden. „Es tritt nachweislich keine Migration toxischer Substanzen auf beziehungsweise geltende Grenzwerte werden nicht überschritten“, heißt es in der Stellungnahme.

Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich/dpa

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