Werte ums Tausendfache überschritten

Rückrufe: Massenhaft giftiger, mutagener Stoff in Lebensmitteln gefunden – EU reagiert

RUHR24 berichtete zuletzt immer wieder von Rückrufen wegen Gift in Lebensmitteln. Tatsächlich steigt die Fallzahl dramatisch – jetzt reagiert die EU.

Deutschland – Bereits seit Herbst kommt es vermehrt zu Rückrufen von verunreinigten Lebensmitteln. Immer häufiger lautet der Grund dabei: „Gefährliches Pflanzengift gefunden“. Für Verbraucher besteht bei Verzehr der Produkte Gesundheitsgefahr. Ungewöhnlich schnell hat die EU-Kommission daher jetzt die Einfuhrbeschränkungen verschärft.

Ethylenoxid farbloses, hochentzündliches Gas
Klassifikation Ether, Organische Verbindungen
Dichte 882 kg/m³
Molmasse 44,05 g/mol

Lebensmittel-Rückrufe wegen Rückständen von giftigem Gas – Gefahr durch Ethylenoxid

Von den Rückrufen betroffenen sind in zunehmendem Maße sesamhaltige Lebensmittel, die mit Ethylenoxid verunreinigt sind. Ethylenoxid tötet Schimmel, Bakterien und Pilze ab und wird es zum Beispiel als Desinfektionsmittel in der Gesundheitsbranche eingesetzt. Als Gas ist Ethylenoxid giftig und krebserregend. Beim Einatmen des kann es zu schweren gesundheitlichen Folgen kommen.

Auch der Verzehr von mit Ethylenoxid belasteten Lebensmitteln, die den zugelassenen Höchstwert überschreiten, ist gesundheitsgefährdend. Daher ist Ethylenoxid in der Landwirtschaft und in der Lebensmittelindustrie in Deutschland seit Langem verboten. Das Verbot ist durch die Verordnung für Pflanzenschutzmittel geregelt.

Rückrufe immer häufiger – Ethylenoxid in unzähligen EU-Einfuhren entdeckt

Das Problem: In vielen Ländern, insbesondere Indien, ist Ethylenoxid als Pflanzenschutzmittel noch zugelassen. Bei Sesam wird es eingesetzt, um eventuelle Bakterien abzutöten. Durch Importe in die EU kann es deshalb vorkommen, dass mit dem Gift belastete Sesam-Produkte in den Handel kommen (mehr Nachrichten über Rückrufe auf RUHR24.de).

Diese Fälle haben aber nun ungeahnte Ausmaße angenommen. In zahlreichen Kontrollen wurden verunreinigte Sesamsamen gefunden und an das Europäische Schnellwarnsystem (RASFF) gemeldet. Dazu heißt es in einem Amtsblatt der EU:

  • Im September 2020 wurden über das RASFF sehr große Mengen an Ethylenoxid in bestimmten Chargen mit Sesamsamen gemeldet, die in Indien ihren Ursprung haben oder von dort versandt wurden und in die Union verbracht worden sind. Diese Mengen überschreiten den gemäß der Verordnung (EG) Nr. 396/2005 des Europäischen Parlaments und des Rates (4) geltenden Rückstandshöchstgehalt von 0,05 mg/kg für Ethylenoxid um mehr als das Tausendfache

Rückruf: Ethylenoxid in Sesamsamen aus Indien – „ernstes Risiko für die Gesundheit der Bevölkerung“

Die Experten gehen davon aus, dass diese Menge an Ethylenoxid bzw. dessen Abbauprodukt 2‑Chlorethanol ein „ernstes Risiko für die Gesundheit“ der Verbraucher darstellen. Daher fordern sie sofortige Konsequenzen.

So heißt es im Amtsblatt: „Zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung in der Union müssen daher besondere Bedingungen bezüglich Pestizidrückständen bei Sesamsamen aus Indien festgelegt werden.“ Grund für die akute Gesundheitsgefahr und das schnelle Eingreifen der EU ist die toxische Wirkung von Ethylenoxid.

Rückrufe: Krebserregend, Erbgut schädigend und mutagen – so gefährlich ist Ethylenoxid

Denn Ethylenoxid wird als mutagener Stoff der Kategorie 1B, als karzinogener Stoff der Kategorie 1B und als reproduktionstoxischer Stoff der Kategorie 1B eingestuft. Mit anderen Worten: Es gilt als krebserregend, Erbgut schädigend und Mutationen auslösend zugleich.

Dementsprechend hat die EU-Kommission nun ungewohnt zügig gehandelt: Im Amtsblatt heißt es, da von den Sesamsamen „ein ernstes Risiko für die menschliche Gesundheit ausgeht und demzufolge schnell reagiert werden muss“, solle die neue Verordnung bereits am dritten Tag nach ihrer Veröffentlichung in Kraft treten.

Einfuhrkontrollen nach Rückrufen verschärft – EU-Maßnahmen gegen verunreinigte Sesamsamen

Konkret hat die EU mit der Durchführungsverordnung von Oktober Pestizidrückstände als Gefahr bei Sesamsamen aus Indien aufgenommen. Seit dem 26. Oktober 2020 muss nun bei allen Sendungen mit Sesamsamen aus Indien eine Bescheinigung beiliegen, dass die Erzeugnisse im Hinblick auf Pestizidrückstände analysiert wurden und sie den Vorschriften über Höchstgehalte entsprechen. 

Zusätzlich müssen mindestens 50 Prozent der Sendungen bei der Einfuhr in die EU auf Rückstände von Ethylenoxid untersucht werden. 

Das Chemische- und Veterinär-Untersuchuchungsamt in Stuttgart hat indes gesondert auf die Vorfälle reagiert. In den letzten Wochen wurde hier ein spezielles Analyseverfahren entwickelt. Dadurch soll es in Zukunft möglich sein, Lebensmittel routinemäßig auf Ethylenoxid und sein Abbauprodukt zu untersuchen.

Rubriklistenbild: © Christian Charisius/dpa; Collage: RUHR24

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