Kakao zählt nicht

Ritter Sport keine Schokolade? Absurder Vorfall sorgt für Verwirrung

Ritter Sport hat ein innovatives Produkt erfunden – und zwar aus 100 Prozent Kakao. Schokolade darf es nicht heißen. Denn die MUSS als solche Zucker enthalten.

Deutschland – Kakao ist ein wichtiger Bestandteil von Schokolade. Das ist auch in der deutschen „Kakaoverordnung“ so festgelegt. Aber Kakao alleine macht noch keine Schokolade – das steht spätestens jetzt fest. Denn der Schoko-Riese Ritter Sport darf sein neuestes Erzeugnis nicht „Schokolade“ nennen. Stattdessen heißt es jetzt „quadratische Tafel aus Kakao“ oder „Kakaofruchterzeugnis“.

Ritter SportSchokoladenmarke
UnternehmenAlfred Ritter GmbH & Co. KG.
HauptsitzWaldenbuch bei Stuttgart

Neues von Ritter Sport: Viel Kakao - aber keine Schokolade

Kakao ist wesentlich für jede Schokolade. Der Mindestanteil ist für die einzelnen Erzeugnisse sogar gesetzlich festgelegt. In der deutschen Verordnung über Kakao- und Schokoladenerzeugnisse (Kakaoverordnung) heißt es zur Schokolade, sie sei ein:

  • Erzeugnis aus Kakaoerzeugnissen und Zuckerarten, das mindestens 35 Prozent Gesamtkakaotrockenmasse enthält. Davon müssen davon mindestens 18 Prozent Kakaobutter und 14 Prozent Kakaotrockenmasse sein.

Und Milchschokolade ist laut der Verordnung:

  • Ein Erzeugnis aus Kakaoerzeugnissen, Zuckerarten und Milch bzw. Milcherzeugnissen. Dabei müssen mindestens 25 Prozent Kakaotrockenmasse und 14 Prozent Milchtrockenmasse sein.

Doch Achtung! Zu viel Kakao darf es aber offenbar aber nicht sein: Das neue Produkt von Ritter Sport Cacao y Nada („Kakao, sonst nichts“) ist aus 100 Prozent Kakaofrucht gefertigt, aus Kakaomasse, Kakaobutter, Kakaopulver und Kakaosaft – und damit per Gesetz keine Schokolade.

Schokolade nach deutschem Recht – Zucker ist Pflicht, Süße aus Kakao zählt nicht

Das Problem: Die Tafeln enthalten keinen Zucker – und auch keine „Zuckerart“. Dieses wäre aber notwendig, um die Produkte als Schokolade vermarkten zu können. Um lebensmittelrechtlich als Schokolade gelten zu können, müssten die Hersteller also Zucker hinzufügen. Ritter Sport selbst meint dazu: „Verrückt, oder?“

Auf konventionellen Zucker hat das Stuttgarter Unternehmen aber bewusst verzichtet. Stattdessen erhalten die Tafeln ihre Süße natürlich durch Kakaosaft. Der Saft der Kakaofrucht ist erst seit 2020 in der Europäischen Union als Zutat zugelassen. Er stammt von eigenen Plantagen aus Nicaragua.

Mit einem neuartigen Verfahren wird nach Angaben des Unternehmens der Saft aus den Kakaofrüchten für die Herstellung der Schokolade verwendet. Wie das Handelsblatt berichtet, läuft dazu ein entsprechendes Patentverfahren. Ritter Sport stellt das Produkt derzeit in den sozialen Medien vor, so gibt es auch auf Twitter entsprechende Threads des Unternehmens aus Stuttgart.

Ritter Sport stellt die neue Tafel Cacao Y Nada auf Twitter vor.

Schokolade ist keine Schokolade, Limonade ist keine Limonade – deutsches Lebensmittelrecht überholt?

Solche innovativen Verfahren sind wohl zu modern für das deutsche Lebensmittelrecht. Auch das Hamburger Start-up Lemonaide hat das zu spüren bekommen. Die Limonade verzichtet ebenfalls wie die neuen Ritter Sport-Tafeln auf einen hohen Zucker-Anteil, wie er sonst für Limonaden typisch ist.

Mit nur sechs Prozent Zucker enthält die Limo so wenig Zucker, dass sie gemäß dem Hamburger Fachamt für Verbraucherschutz, Gewerbe und Umwelt nicht als Limonade bezeichnet werden kann. Sie sollte umbenannt werden, zum Beispiel in „Erfrischungsgetränk“. Nach einer regelrechten Medienoffensive der Start-up-Gründer Felix Langguth und Paul Bethke soll eine entsprechende Abmahnung mittlerweile zurückgezogen worden sein. Die Hamburger Gesundheitssenatorin wolle sich sogar auf Bundesebene für eine Änderung des betroffenen Leitsatzes einsetzen, berichtet die Gründerszene.

Keine Schokolade, „aber auch kein Gemüse“: Ritter Sport setzt auf Werbeoffensive

Auch Ritter Sport hat mit seiner neuen Tafel jetzt schon mediale Aufmerksamkeit gewonnen. Viele Verbraucher kritisieren die „verstaubten“ Gesetze, die einem neuen Bewusstsein für gesunde und nachhaltige Ernährung – insbesondere den Verzicht auf Industriezucker – nicht mehr gerecht werden.

Aus der Not, die neuen Tafeln nach deutschem Lebensmittelrecht nicht als „Schokolade“ bezeichnen zu können, hat der Stuttgarter Schoko-Hersteller mittlerweile eine Tugend gemacht. Das Unternehmen nutzt die Tatsache jetzt zu Werbezwecken und setzt auf Slogans wie „Kakao, sonst nichts“, „Es gibt was Neues. Und es ist keine Schokolade“ oder „Offiziell KEINE SCHOKOLADE. Aber auch kein Gemüse ...“.

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