Ökostrom oft gar nicht „grüner“

Ökostrom im Test: Viele Tarife „mangelhaft“ - über die Hälfte fällt durch

Ökostrom im Ökotest
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Ökostrom – zwei Drittel der Produkte fallen im Ökotest durch.

Ökotest stellt in seiner aktuellen Ausgabe Ökostrom auf den Prüfstand. Das enttäuschende Ergebnis: Zwei Drittel der Tarife nützten der Umwelt nicht.

Deutschland – Als Ökostrom wird solcher Strom bezeichnet, der zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammt. Dieser Strom wird beispielsweise mit Windkraftwerken oder Solarstromanlagen gewonnen. Mit zunehmendem Umwelt- und Klimabewusstsein entscheiden sich auch immer mehr Verbraucher für solchen „grünen Strom“. Das Problem dabei: Viele Ökostromprodukte haben gar keinen zusätzlichen Nutzen für die Umwelt – das belegt auch der aktuelle Ökotest.

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Verbreitete Auflage112.904 Exemplare
ChefredakteurHans Oppermann

Ökostrom im Ökotest: 70 Prozent fallen durch – viele Produkte haben keinen Nutzen für die Umwelt

Die Tester von Ökotest haben insgesamt 69 Ökostromprodukte geprüft. Das wirklich erschreckende Ergebnis: 49 (!) davon erhalten die Note „mangelhaft“. Insgesamt schneiden nur 10 mit „sehr gut“ ab.

Denn viele Produkte tragen überhaupt nicht zum Ausbau erneuerbarer Energien bei. Aber wie kann das sein, wenn der Strom doch „Ökostrom“ heißt?

Statt Ökostrom: Jeder deutsche Stromverbraucher finanziert erneuerbare Energien

Der Grund: In Deutschland wird der Ausbau der erneuerbaren Energien ohnehin gesetzlich gefördert – und zwar über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Die erneuerbaren Energien werden hierzulande also vor allem über die entsprechende EEG-Umlage finanziert – und die zahlt sowieso jeder Stromverbraucher über seine Stromrechnung. Die Umlage macht dabei rund ein Fünftel des Strompreises aus.

Auch die Verbraucherzentrale verweist darauf, dass Ökostrom oft nicht sinnvoll ist. Verbraucher, die sich für einen Ökostromtarif entscheiden, trügen „nur wenig zur Energiewende bei“.

Dazu heißt es bei den Verbraucherschützern:

  • Jeder Haushalt – egal ob Ökostromkunde oder nicht – fördert erneuerbare Energien über die sogenannte EEG-Umlage auf seiner Stromrechnung.“
  • Und weiter: „Durch dieses System der Förderung gibt es in Deutschland bereits einen hohen Anteil Ökostrom im allgemeinen Strommix – rund 50 Prozent.“

Wenn grüner Strom in „normalen“ Tarifen ist – was ist dann der Unterschied zu „Ökostrom“?

Der Knackpunkt dabei: Nur „grüner Strom“, dessen Erzeugung nicht über die EEG-Umlage vergütet wurde, darf als „Ökostromprodukt“ vermarktet werden. Denn sonst würden die Betreiber von Stromanlagen für denselben Strom zweifach Geld erhalten: über die staatliche Förderung und über zusätzliche Verkäufe.

Auch, wenn man sich für einen Ökostromtarif entscheidet, kommt der Strom aus dem nächsten Kraftwerk. Möchte ein Stromanbieter eine bestimmte Menge davon als Ökostrom vermarkten, muss er dazu Herkunftsnachweise kaufen. Diese belegen, dass der Strom aus erneuerbaren Energien stammt.

Die „grüne Lüge“: Warum Ökostrom der Umwelt oft nichts bringt

Von diesen Nachweisen gibt es in Deutschland aber gar nicht viele. Denn die meisten Produzenten von erneuerbarem Strom haben sich für die staatliche Förderung entschieden. So stellt auch Ökotest fest: „Klar ist: Das, was wir als Ökostrom kaufen können, hat wenig mit dem zu tun, was die große Energiewende in Deutschland antreibt.“

Dementsprechend kommt der meiste grüne Strom, der als „Ökostrom“ verkauft wird, aus anderen Ländern. Und dieser würde dort ohnehin produziert. Die Verbraucherzentrale bemerkt dazu: „Insgesamt aber gibt es nachher genauso viel grünen und grauen Strom wie vorher – dem Klima ist nicht geholfen.“

Ökostrom-Anbieter im Test – diese Produkte sind wirklich „grün“

Es gibt allerdings auch gute Ökostromprodukte, die den Ausbau erneuerbarer Energien voranbringen. So stellt Ökotest fest, dass viele Anbieter (auch viele, die nicht im Test sind) empfehlenswerte Produkte haben.

Beim Test wurde insbesondere bewertet, ob ein Produkt zum Ausbau erneuerbarer Energien über das EEG hinaus beiträgt. Außerdem relevant waren transparente Angaben von Zertifizierungen und Belegen (zum Beispiel Nachweise darüber, welche Institute Stromlabel vergeben haben). Unter den zehn Anbietern, die dementsprechend mit „Sehr gut“ bewertet werden, sind dies die drei besten:

Video: Erneuerbare Energien weiter auf dem Vormarsch

„Sehr guter“ Ökostrom – Anbieter setzen sich für eine politische Energiewende ein

Das Besondere bei diesen guten Anbietern: Sie setzen sich für einen EEG-unabhängigen Ausbau der erneuerbaren Energien ein – und damit für eine politische Energiewende. Die Tester merken an: Solche Produkte leisten einen Beitrag zur Energiewende außerhalb der staatlichen Finanzierung. Und das ist äußerst sinnvoll. Denn die EEG-Umlage ist in 2021 erstmals gesunken – Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (62, CDU) spricht sich aktuell dafür aus, sie schrittweise ganz abzuschaffen.

Guter oder sehr guter Ökostrom wird also nicht nur grün produziert. Vielmehr setzen sich die Anbieter für eine nachhaltige Energieversorgung ein, die unabhängig von staatlicher Finanzierung funktioniert. Nur mit dem Wechsel zu einem solchen Anbieter kann man auch wirklich etwas bewirken.

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