Top-Virologe warnt

Nach Corona: Kommt die MERS-Pandemie? Das wissen Experten aktuell

Viele Experten sind sich einig: Die Corona-Pandemie wird nicht die letzte gewesen sein. Ein Top-Virologe warnt jetzt vor MERS. Wie groß ist die Gefahr?

Deutschland – Die Corona-Krise hat aktuell das Weltgeschehen fest im Griff. Fast jeden Tag erreichen uns weitere Horrorzahlen. Selbst hierzulande berichten erste Ärzte und Krankenpfleger darüber, dass viele Intensivbetten bereits belegt sind. Dabei sind es nicht nur die gesundheitlichen Folgen von COVID-19, die viele Menschen ängstigen. Die Angst vor Arbeitslosigkeit oder gesellschaftlichen Folgen aufgrund der Lockdown-Maßnahmen ist ebenso allgegenwärtig.

Hoffnung auf mehr Normalität in 2021 machen uns Forscher derzeit mit der mit der Impfstoffentwicklung. Virologe Christian Drosten warnt jetzt allerdings bereits vor einer weiteren Pandemie-Gefahr – und zwar durch MERS.

Virus MERS-CoV
Familie Coronaviridae
Art Middle East respiratory syndrome-related coronavirus
Ordnung Nidovirales

Drosten über MERS – gefährliches Virus ist vielleicht der „nächste Kandidat“

Christian Drosten, der vielen aus den aktuellen Nachrichten bekannt ist, verweist in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Capital auf eine Gefahr durch MERS-CoV. Nach Corona werde er sich weiter der Erforschung dieses Virus widmen. „Wenn der Rummel jetzt vorbei ist, dann werde ich mit einer kleinen Arbeitsgruppe ein neues Thema aufbauen“, so Drosten (Capital, Ausgabe 12.2020). Denn MERS sei „der nächste Kandidat“ für eine Pandemie.

Drosten ist Institutsdirektor an der Berliner Charité und Direktor des Fachbereichs Virologie von Labor Berlin. Er forscht bereits seit vielen Jahren über Coronaviren. So wurde er beispielsweise 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt, da er als Erster einen diagnostischen Test gegen SARS-CoV-1 entwickelte. Auch bei der Entwicklung der ersten Tests gegen MERS-CoV sowie SARS-CoV-2, dem derzeit grassierenden Virus, war er maßgeblich beteiligt.

Krankheitsverlauf bei MERS – extrem hohe Sterblichkeitsrate

Das MERS (Middle East respiratory syndrome)-Coronavirus trat erstmalig 2012 auf und kann zu schweren Atemwegsinfektionen, Lungenentzündung und Nierenversagen führen. Die durch MERS ausgelösten Krankheiten verliefen bislang in den meisten Fällen schwer. Bekannt ist dabei aber nicht, bei wie vielen der Infizierten eine Krankheit ausbrach.

Was das MERS-Virus so gefährlich macht, ist insbesondere seine extrem hohe Sterblichkeitsrate. So starben laut WHO bislang rund 35 Prozent aller Infizierten an diesem Coronavirus. Ein Medikament gegen MERS gibt es bislang nicht – therapiert wird es durch Linderung der Symptome.

MERS – weltweite Fallzahlen der WHO im Überblick.

Geringe MERS-Fallzahlen weltweit – bislang nur drei Deutsche infiziert

MERS trat bislang vor allem auf der Arabischen Halbinsel auf – und hier insbesondere in Saudi Arabien. Entdeckt wurde es in Großbritannien, wo ein arabischer Patient behandelt wurde, der mit dem Virus infiziert war. Bisher wurden laut WHO weltweit rund 2.500 Fälle und 850 Todesfälle bestätigt. In Deutschland gab es nur drei Infizierte – bei allen handelte es sich um importierte Krankheitsfälle.

Zum Vergleich: Stand heute (8. Dezember) haben wir in Deutschland mehr als eine Million bestätigte Corona-Fälle. Weltweit sind es mehr als 66 Millionen. Über 1,5 Millionen Menschen sind an COVID-19 gestorben (alle Nachrichten zur Corona-Pandemie in NRW auf RUHR24.de).

MERS-CoV – Ansteckungsgefahr geringer als bei COVID-19

Dass MERS in den Jahren 2013 bis 2016 nicht zur weltweiten Pandemie geworden ist, liegt vermutlich an der deutlich geringeren Ansteckungsgefahr. Als Reservoir und Überträger auf den Menschen gelten Dromedare, bei denen sich Infizierte in engem Kontakt angesteckt hatten. Die ursprüngliche Quelle sind Vermutungen nach Fledermäuse.

Laut RKI ist zwar auch bei MERS eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung möglich, bis dato aber selten. Es gebe auch keine Hinweise auf einen anhaltenden, unkontrollierten Ausbruch durch Ansteckungen von Mensch zu Mensch. Dennoch seien importierte Krankheitsfälle jederzeit möglich, die hierzulande zu weiteren Ansteckungen führen könnten. So war das Virus auch 2015 nach Südkorea gelangt. Zwischen Mai und Juli 2015 infizierten sich dort 186 Menschen mit MERS.

Gefahrenpotenzial durch MERS – laut WHO Krankheit mit „höchster Priorität“

Trotz bislang geringer Fallzahlen stuft die WHO MERS als Priority Disease ein. Demnach hat die Erforschung dieser Krankheit sowie die Entwicklung von Medikamenten laut Experten höchste Priorität. Bis dato wissen Experten vom Virus:

  • Die durch MERS ausgelöste Krankheit ist gefährlich, da die Sterblichkeitsrate hoch ist.
  • Die weltweiten Fallzahlen sind im Vergleich zum neuen Coronavirus niedrig.
  • Das liegt an der geringeren Ansteckungsgefahr.
  • Bislang gibt es keine Hinweise auf eine unkontrollierbare pandemische Entwicklung.

Es ist allerdings noch nicht geklärt, wie hoch das Risiko ist, dass MERS eine Mutation entwickelt, die dem Menschen gefährlich werden kann. Dieser Frage ist Virologe Christian Drosten bereits vor der Corona-Krise nachgegangen. In dem von der Bundesregierung geförderten Forschungsprojekt RAPID (Risikobewertung bei präpandemischen respiratorischen Infektionserkrankungen) sollte unter anderem die Mutationsfähigkeit von MERS untersucht werden.

Pandemie-Risiko durch MERS – werden Mutationen zur Gefahr?

Coronaviren sind dafür bekannt, dass sie häufig mutieren. In einem Bericht von Zeit Online erklärt Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien an der Universität Basel, dass SARS-CoV-2 ca. alle zwei Wochen mutieren würde. (Gerade erst wurde bei Nerzen in Dänemark eine Mutation des Virus entdeckt.) Die meisten Mutationen sind für den Menschen aber ungefährlich, da dieses Coronavirus bereits gut an den Menschen angepasst ist.

Das ist bei MERS anders. So heißt es bei RAPID, das Virus sei zwar bisher schlecht an den Mensch als Wirt angepasst. „Mutationen, die eine höhere Ansteckungsgefahr und in der Folge eine Pandemie bewirken können, werden jedoch befürchtet.“ Und weiter: „MERS-CoV zählt daher zu den derzeit bedrohlichsten, sogenannten „präpandemischen“ Infektionserregern.“

Experten unsicher über MERS-Risikopotenzial – weitere Forschungen nötig

Andere Experten schätzen das Risiko durch MERS hingegen aktuell – ebenso wie das RKI – nicht so hoch ein. Beispielsweise geht Infektiologe Till Koch im Interview mit MDR Wissen nicht von gefährlichen MERS-Mutationen aus. Es gäbe derzeit keine wissenschaftlichen Gründe anzunehmen, „dass das MERS-Coronavirus in wenigen Monaten die nächste Pandemie auslösen wird.“

Fazit: Insgesamt ist das Virus wohl noch nicht gut genug erforscht. Um das Pandemie-Risiko durch MERS besser abzuschätzen, sind weitere Studien nötig. Dass MERS durch Mutationen möglicherweise gefährlich werden kann, darüber herrscht scheinbar Einigkeit. Die akute Gefahr bewerten Experten aber unterschiedlich viele schätzen sie als eher gering ein.

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