Menschen könnten sich anstecken

Warnung: Resistente Keime in Hundefutter können auch für Menschen gefährlich werden

Hundefutter für Senioren im Test
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Ein Forscherteam aus Portugal fand heraus, dass Hundefutter oft resistente Keime enthält.

Jedes Jahr stecken sich zehntausende Menschen in Deutschland mit resistenten Keimen an. Eine bislang unterschätzte Verbreitungsquelle lauert im Hundefutter.

Deutschland - Dem Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zufolge, erkranken jedes Jahr in Europa rund 670.000 Menschen an Infektionen mit resistenten Keimen. In Deutschland sind es rund 54.500 Personen. Etwa zwei Drittel der Fälle gehen auf medizinische Behandlungen zurück - der Grund für die übrigen Fälle ist unklar. Forscher der Fakultät für Pharmazie an der Universität Porto (Portugal) wollen nun eine neue, unerwartete Quelle ausfindig gemacht haben, berichtet RUHR24*.

Multiresistente KeimeMRSA
EntstehungDurch vermehrten Einsatz von Antibiotika
VorkommenKrankenhäuser, Arztpraxen, Fleisch, Hundefutter

Resistente Keime in Hundefutter: Forscherteam aus Portugal macht erschreckenden Fund

Das Forscherteam um die Wissenschaftler Dr. Ana R. Freitas, Dr. Carla Novais und Dr. Luísa Peixe untersuchte Hundefutter aus Supermärkten sowie Tierhandlungen in ganz Europa auf Bakterien vom Typ Enterokokken.

Dabei handelt es sich um resistente Keime, die beim Menschen unter anderem Harnwegsinfekte sowie Wundinfektionen auslösen können. Sie zählen primär zu den sogenannten Krankenhauskeimen, die nosokomiale Infektionen (Infektionen, die im Zusammenhang mit medizinischen Maßnahmen stehen) auslösen.

Rohes Hundefutter liegt im Trend: Immer mehr Tierhandlungen bieten „Barfing“ an

Die Forschungsergebnisse der portugiesischen Wissenschaftler wurde auf dem „European Congress of Clinical Microbiology & Infectious Diseases (ECCMID)“ vorgestellt, der vom 9. bis zum 12. Juli in Wien (Österreich) stattfand. Das Erschreckende: Alle Beteiligten der Studie bewerten das untersuchte Hundefutter als „internationales Risiko für die öffentliche Gesundheit“. Besonders problematisch: Rohfutter für Hunde.

Das Verfüttern von rohem Futter, auch als „Barfen“ bekannt, hat in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom in Deutschland ausgelöst. Mittlerweile bekommt man das rohe Fleisch in zahlreichen Tierhandlungen - teilweise gibt es sogar Geschäfte, die sich ausschließlich auf Barfing konzentrieren.

Hundefutter enthält resistente Keime: Rohfutter besonders oft mit Enterokokken belastet

Was viele Hundehalter wohl nicht geahnt hätten: Dass die Produkte massiv zur Verbreitung von resistenten Keimen beitragen! Doch genau das hat das Forschungsteam aus Portugal jetzt herausgefunden: Sie haben dazu insgesamt 55 Hundefutter-Proben von 25 national und international erhältlichen Marken analysiert. Darunter allerdings nicht nur Rohfutter, sondern auch andere Sorten.

Untersucht wurden 22 Proben Nassfutter, acht Proben Trockenfutter, vier Proben Halbnassfutter, sieben Proben Leckerlis sowie 14 Proben roh-gefrorenes Futter, das unter anderem Ente, Lachs, Pute, Huhn, Lamm, Gans, Rind und Gemüse enthält.

Das Forscherteam fand heraus, dass viele Sorten Hundefutter resistente Keime enthielten.

Resistente Keime im Hundefutter: Viele Antibiotika wirken nicht mehr

Die Ergebnisse sind nicht nur für Hundebesitzer erschreckend: 30 der 55 Proben enthielten Enterokokken. Mehr als 40 Prozent der Enterokokken waren resistent gegen die Antibiotika Erythromycin, Tetracyclin, Quinupristin-Dalfopristin, Streptomycin, Gentamicin, Chloramphenicol, Ampicillin oder Ciprofloxacin. Weitere 23 Prozent der Proben waren resistent gegen Linezolid.

Die Resistenz gegen Linezolid sehen die Forscher als besonders kritisch an, weil es sich dabei um ein Reserveantibiotikum handelt, das erst eingesetzt wird, wenn alle anderen Medikamente bereits versagt haben.

Resistente Keime können auf den Menschen übertragen werden und für Infektionen sorgen

Bei den Rohfutter-Proben waren die Forschungsergebnisse besonders bedenklich: Alle Proben des rohen Futters enthielten multiresistente Enterokokken - auch solche, die gegen Linezolid resistent sind. Im Vergleich enthielten nur drei der nicht rohen Hundefutter resistente Keime.

Bei einer anschließenden genetischen Sequenzierung der Bakterien kam heraus, dass es sich bei den Hundefutter-Enterokokken um die gleichen Keime handelt, die schon bei Krankenhauspatienten in Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden nachgewiesen wurden. Eine Übertragung der Bakterien von Hundefutter auf Mensch sei nicht auszuschließen.

„Der enge Kontakt von Menschen mit Hunden und die Kommerzialisierung der untersuchten Marken in verschiedenen Ländern stellt ein internationales Risiko für die öffentliche Gesundheit dar“, sagte Dr. Ana R. Freitas in Wien. Die europäischen Behörden müssten sich den potenziellen Gesundheitsrisiken bei der Hundefütterung bewusst werden und die Herstellung von Futter überprüfen. Dazu zähle nicht nur die Auswahl der Zutaten, sondern auch ein besseres Hygienekonzept, rät das Forscherteam aus Portugal.

Multiresistente Keime: So entstehen sie

Das Robert Koch-Institut (RKI) weist auf seiner Website darauf hin, dass Resistenzen gegen Antibiotika „ganz natürlich in der Umwelt“ vorkommen. Der Grund dafür sind Mutationen im Erbgut der Bakterien oder durch Aufnahme von Resistenz­genen aus der Umgebung.

Durch den Einsatz von Antibiotika entsteht ein sogenannter Selektionsdruck: Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind, können überleben und sich weiter vermehren. Wenn Antibiotika zu oft oder über einen viel zu langen Zeitraum angewendet* werden, begünstigt dies die Verbreitung von multiresistenten Keimen.

Resistente Keime im Fleisch: Massentierhaltung begünstigt Verbreitung von MRSA

In Arztpraxen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen besteht ein besonders hohes Risiko, sich mit multiresistenten Keimen (MRSA) anzustecken. Der Grund dafür ist der erhöhte Selektionsdruck durch die vermehrte Anwendung von Antibiotika. Aber auch in Fleischprodukten können sich vermehrt resistente Keime befinden.

2019 hatte der Jahresbericht des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) gezeigt, dass die Keimbelastung bei Geflügelfleisch viel zu hoch ist. Besonders besorgniserregend waren schon damals die hohen Resistenzen beim Geflügelfleisch gegenüber Antibiotika*. Sie lagen deutlich höher als bei Schweine- und Rindfleisch. Grund dafür ist der vermehrte Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung.

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So können sich Menschen und Haustiere vor multiresistenten Keimen im Fleisch schützen

Um Mensch und Tier vor resistenten Keimen zu schützen, empfiehlt es sich, rohe tierische Produkte immer separat zuzubereiten und diese, wenn möglich, getrennt von allen anderen Lebensmitteln im Kühlschrank zu lagern. Zudem sollte das rohe Fleisch vor der Zubereitung gut abgewaschen und getrocknet werden.

Küchengeräte, Messer und Bretter, die Kontakt mit dem rohen Fleisch hatten, sollten regelmäßig gewaschen werden. Außerdem ist eine regelmäßige Handhygiene unerlässlich. *RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.