Zu viel Nitrat im Wasser

Grundwasser belastet: Kosten für Trinkwasser drohen zu explodieren

In Deutschland landet immer noch zu viel Dünger auf dem Acker und gelangt so ins Grundwasser. Die Regierung setzt Verordnungen nur mittelmäßig um – auf Kosten der Bürger.

Dortmund – Erst Anfang Juni hatte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz davor gewarnt, dass in Deutschland eine Trinkwasserknappheit droht. Nun der nächste Hammer: Die deutsche Bundesregierung soll beim Schutz des Grundwassers geschlafen haben – die Folgen muss die Bevölkerung womöglich bald mit steigenden Wasserpreisen bezahlen.

Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW)Lobbyverband mit Sitz in Berlin
PräsidentJohannes Kempmann
Mitarbeiterzahl> 150, darunter RWE, E.ON, EnBW und Vattenfall

Grundwasser in Deutschland in Gefahr: zu hohe Nitrat-Werte

Aber von Anfang: Was ist das das eigentliche Problem? Konkret geht es um Nitrat-Richtlinie der Europäischen Union. Diese schreibt vor, wie viel des Düngemittels auf deutschen Äckern eingesetzt beziehungsweise welche Grenzwerte im Grundwasser nicht überschritten werden dürfen.

Grundsätzlich ist Nitrat wichtig für das Wachstum von Getreide, Gemüse oder Salat. Aber wird zu viel mit der Stickstoffverbindung gedüngt, können die Pflanzen es nicht mehr aufnehmen und das Düngemittel gelangt ins Grundwasser. In Deutschland ist in der EU-Grundwasserrichtlinie einheitlich festgelegt, dass der Grenzwert von maximal 50 mg Nitrat pro Liter Wasser nicht überschritten werden darf.

In der Realität sieht das jedoch ganz anders aus. Wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) festgestellt hat, wurden bei 28 Prozent der Grundwasserproben „aus landwirtschaftlich beeinflussten Messstellen“ die Werte überschritten. In Regionen mit Massentierhaltungsbetrieben soll die Belastung noch höher sein – teilweise bis zu 400 mg pro Liter.

Düngemittel im Grundwasser: Regierung schläft bei der Umsetzung der Richtlinien

Seit Jahren steht die deutsche Bundesregierung in der Kritik, die europäischen Richtlinien nicht vollständig umzusetzen und es bei der Düngeverordnung, die das europäische Recht in Deutschland umsetzen soll, nicht so genau zu nehmen. Schon 2020 drohten der Bundesregierung Strafzahlungen mit bis zu 857.000 Euro pro Tag.

Nun hat Deutschland erneut Ärger mit der EU-Kommission, denn die prüft wieder die überarbeitete Düngeverordnung. Friedhelm Taube, Agrarwissenschaftler der Uni Kiel und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik, ahnt schon heute, was am Ende der Prüfung herauskommen wird.

Grundwasser mit Nitrat belastet – auf Kosten der Bevölkerung

In einem von ihm erstellten Gutachten zu dem Schutz des Grundwassers kommt er zu dem Schluss: „Sie [die Düngeverordnung, Anmerk. d. Red.] entspricht nicht den Ansprüchen der konsequenten Umsetzung der EU-Nitrat-Richtlinie“. Das Gutachten liegt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) vor, die zuerst darüber berichteten.

Er kritisiert, dass die deutsche Regierung erneut zu viele Ausnahmen in ihrer Düngeverordnung festgesetzt hätte, die nicht auf wissenschaftlichen Untersuchungen basieren. Für Taube ist daher klar, dass die Regierung die Düngeverordnung noch einmal dringend anpassen muss.

Wissenschaftler fordern, die zulässigen Düngemengen deutlich zu reduzieren.

Kommt die EU-Kommission zu demselben Ergebnis wie Taube, drohen erneut Strafzahlungen. Mit Folgen für die Bevölkerung. Denn die sind gleich in zweierlei Hinsicht von dem Problem betroffen. Zum einen steht Nitrat in Verdacht krebserregend zu sein. Bislang wurde das jedoch nur bei Tierversuchen nachgewiesen.

Problem mit Nitrat im Grundwasser: Gesundheitsschädigend und explodierende Wasserpreise

Ob das auch für Menschen gilt, können Forscher noch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Dennoch warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) davor, langfristig große Mengen an Nitrat aufzunehmen. Auch für Babys und Kleinkinder kann die Verbindung schädlich sein. Im Gegensatz zu Erwachsenen ist der junge Körper noch nicht in der Lage, Nitrat vernünftig abzubauen. Es drohen Erstickung oder Magen-Darm-Infektionen.

Hinzu kommt, dass der Wasserpreis für die Verbraucher enorm steigen könnte, wenn die Nitratbelastungen im Grundwasser weiter zunimmt. Der BDEW geht von Mehrkosten in Höhe von zwei Dritteln im Gegensatz zum aktuellen Preis von 0,2 Cent pro Liter aus.

Grund für die höheren Kosten könnten zum einen die Strafzahlungen der Bundesregierung sein. Zum anderen aber auch, weil Versorgungsunternehmen stets mit großem Aufwand das Grundwasser aufbereiten müssen, um die Nitratkonzentration im Trinkwasser unter den Grenzwert zu drücken. Denn generell unterliegt das Grund- aber vor allem das Trinkwasser in Deutschland höchsten Sicherheits- und Qualitätsstandards. Das schlägt sich am Ende auf dem Preis nieder, den Verbraucher für das Wasser bezahlen.

Grundwasser in Deutschland enthält zu viel Nitrat: Experten haben klare Forderung

Der Wissenschafter hat daher ganz klare Forderungen an die deutsche Bundesregierung.

  • Die zulässigen Düngemengen müssen vorübergehend um 20 Prozent reduziert werden. Das hätte nur geringe Auswirkungen auf die Erträge der Bauern. Nach seinen Berechnungen würde die Nitratkonzentrationen jedoch signifikant sinken.
  • Verstärkte Kontrollen der Bauern: Die Einfuhr von Nährstoffen sollte mit der Ausfuhr von Produkten abgeglichen werden, umso Überdüngenen besser nachvollziehen zu können.

Den Forderungen schließt sich auch der BDEW an: „Wir brauchen in Deutschland endlich eine echte und nachhaltige Verringerung der Nitrateinträge insbesondere in den roten Gebieten mit einer Überschreitung des europäischen Grenzwertes von 50 Milligramm je Liter Grundwasser“, so eine Sprecherin gegenüber dem RND. Die aktuellen gesetzlichen Regelungen würden nicht ausreichen.

Rubriklistenbild: © Julian Stratenschulte/dpa