Raumfahrt

Ist die Venus ein „Prototyp für den Zustand der Erde“ in der Zukunft?

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Blick auf den Planeten Venus, der heute einer Gluthölle gleicht - früher aber möglicherweise einmal ein gemäßigtes Klima hatte.

Ist die Gluthölle Venus ein „Prototyp für den Zustand der Erde“ in der Zukunft? Das glaubt OHB-Chef Marco Fuchs und fordert eine europäische Mission zur Venus, um mehr über den Planeten zu erfahren.

Der Mars ist der Planet, der am häufigsten von Raumsonden untersucht wird. Im kommenden Jahr sollen gleich vier neue Missionen zum Mars aufbrechen. Das Interesse für den Mars* hängt unter anderem damit zusammen, dass er – genau wie die Erde - ein Gesteinsplanet ist. Außerdem ist er nah genug, um von der Erde aus erreichbar zu sein. Doch all das trifft auch auf einen weiteren Planeten zu: Die Venus.

Trotzdem ist seit der japanischen Raumsonde „Akatsuki“ 2010 keine Raumsonde mehr zur Venus aufgebrochen. Das stört Marco Fuchs, Vorstandsvorsitzender des börsennotierten Raumfahrtkonzerns OHB SE, der in Bremen sitzt. „Es kommt mir fast so vor, als wollte jeder auf den Mars*, weil man da so schöne Fotos machen kann“, kritisiert Fuchs in seiner monatlichen Kolumne „Space Encounter“ auf der Website des Unternehmens. Die Venus dagegen sei kaum im Fokus.

Venus war offenbar einst ein Planet mit stabilen Temperaturen und flüssigem Wasser

Das hält Fuchs für einen Fehler. „Erde und Venus entstanden unter sehr ähnlichen Bedingungen“, schreibt er. Eine Studie des Goddard Institute for Space Science der Nasa habe erst im September eine Studie vorgestellt, nach der die Venus einst ein gemäßigter Planet mit stabilen Temperaturen von 20 bis 50 Grad Celsius gewesen sein könnte. „Auf der Oberfläche gab es demnach auch flüssiges Wasser in Ozeanen“, so Fuchs.

Er glaubt, „dass wir von der Erde mit dem Blick zur Venus sozusagen auch einen Blick in unsere Zukunft werfen“. Die Venus sei „in ihrem Lebenszyklus fortgeschrittener als die Erde“, so Fuchs. Er glaubt, dass die Venus ein „Prototyp für den Zustand der Erde“ einige hundert Millionen Jahre in der Zukunft sein könnte und fragt: „Sehen wir in der Venus einen Endzustand von bewohnbaren Planeten dieser Größe? Können wir daraus Rückschlüsse auf die Veränderung von Klima und Umwelt ziehen?“

Die Wissenschaft weiß viel zu wenig über die Venus

Um solche Fragen zu beantworten, wüsste die Wissenschaft viel zu wenig über den Planeten Venus. Deshalb fordert der OHB-Chef eine Wissenschaftsmission zur Venus. „Deutschland sollte sich dabei auch aktiv darum kümmern, dass die Europäer schon bald eine Mission zur Venus unternehmen. Um die Geologie zu erforschen, ist eine robotische Landemission nötig, in dieser Disziplin gehören wir in Deutschland zu den führenden Ländern weltweit“, so Fuchs.

Die Venus ist heute eine Art Hölle: Dort herrschen Dank eines extremen Treibhauseffekts Temperaturen von durchschnittlich 464 Grad Celsius und ein Druck von 92 Bar. Die Atmosphäre der Venus ist heute dicht und undurchsichtig, sie besteht zu großen Teilen aus Kohlendioxid, Wolken in der Atmosphäre bestehen überwiegend aus Schwefelsäuretröpfchen. Die Umgebung ist also alles andere als lebensfreundlich. Doch das war wohl nicht immer so, wie die Studie zeigt, auf die Fuchs sich bezieht.

Hatte die Venus für Milliarden Jahre ein stabiles Klima?

Die „Pioneer“-Missionen der Nasa zur Venus hatten vor gut vierzig Jahren herausgefunden, dass es möglich ist, dass es auf der Venus einst flüssiges Wasser gab. Für ihre Studie (Abstract als PDF) haben Forscher um Michael Way vom Goddard-Institut der Nasa fünf Simulationen erstellt, bei der jede Simulation eine andere Menge flüssigen Wassers auf der Venus voraussetzt.

Die Überraschung: In allen fünf Szenarien konnte die Venus stabile Temperaturen zwischen 20 und 50 Grad Celsius halten - und zwar für etwa drei Milliarden Jahre. Doch vor etwa 750 Millionen Jahren änderte sich das: Dramatische Ausgasungen von CO2 und Wasserdampf setzten den Treibhauseffekt* in Gang, der heute das Klima der Venus dominiert. Die gigantischen Gasmengen konnten nicht durch Gestein gebunden werden – Forscher vermuten, dass Vulkanismus dahinterstecken könnte. Auch die Forscher um Way fordern weitere Missionen zur Venus, um deren Klimaentwicklung zu verstehen.

Wie sieht es mit Leben auf der Venus aus?

OHB-Chef Fuchs hat noch einen anderen Grund, warum er eine Mission zur Venus* fordert: „Herauszufinden, ob es im All möglicherweise auch ganz andere Spielregeln der Biologie gibt, ob es etwa Leben gibt, das nur durch Sonnenlicht entsteht, rechtfertigt eine derartige Mission aus meiner Sicht voll und ganz“, schreibt Fuchs. Er ist sich sicher: „Wenn wir also herausfinden, ob und wie auf der Venus lebensfreundliche Bedingungen geherrscht haben, können wir auch besser und gezielter nach möglichen lebensfreundlichen Exoplaneten Ausschau halten“.

Auch für weitere Erkenntnisse zum Klima der Erde wäre eine Venus-Mission hilfreich: „Wir verschaffen uns damit die Möglichkeit, die Klimamodelle auf der Erde weiterzuentwickeln und die Veränderungen unseres Planeten besser zu verstehen“, so Fuchs.

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Von Tanja Banner

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