Entscheidungen über Leben und Tod

Corona-Horror „Triage“: Was dieses Szenario für Patienten bedeuten würde

Steigen die Corona-Zahlen weiter stark an, könnte Deutschland in eine „Triage“-Situation geraten. Was das für Covid-19-Patienten bedeuten würde.

Dortmund - Bei einer Veranstaltung in seiner niedersächsischen Heimat Meppen sprach Christian Drosten (48) aus, was die politischen Entscheidungsträger mit den verschärften Corona-Maßnahmen im November unbedingt verhindern wollen. Steigt die Zahl der Neuinfektionen zu schnell, droht auch Deutschland eine Triage-Situation.

BegriffTriage
UrsprungNotfall- bzw. Katastrophenmedizin
VerfahrenEinteilung von Betroffenen in unterschiedlich priorisierte Kategorien bei einem Massenanfall von Verletzten

Coronavirus: Triage droht bei zu vielen schweren Covid-19-Verläufen

„Triage“ (aus dem Französischen: Sortieren) ist ein Begriff aus der Katastrophenmedizin. Er bezeichnet die Entscheidung darüber, wer bei zu wenigen Ressourcen für zu viele Patienten priorisierten Zugang zur medizinischen Versorgung erhält. Im Klartext: Wer wird (zuerst) behandelt und wer nicht?

Im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie (die Entwicklungen im NRW-Ticker) tauchte der Begriff angesichts steigender Fallzahlen zuletzt wieder vermehrt auf. Die Ressourcen für die Behandlung von schweren Krankheitsverläufen sind nicht unbegrenzt. Insbesondere wenn Patienten beatmet werden müssen, drohen Engpässe. In einigen Ländern gibt es sie bereits.

Coronavirus: Triage-Situation in Deutschland? Christian Drosten erklärt Worst Case

„Wir haben dann auf der Intensivstation einen beatmeten Intensivpatienten mit Covid-19, der ist alt, und der liegt da seit einer Woche, und der hat eine Überlebenschance von ungefähr 30 bis 50 Prozent. Vielleicht auch 60. Und dann kommt ein Patient, der ist 35 und der hat drei kleine Kinder. Und der hat die gleiche Krankheit und einen schweren Verlauf.“

„Wenn sie den nicht jetzt an ein Beatmungsgerät anschließen, ist der übermorgen tot. Das wissen sie als Intensivmediziner. Was machen sie? Sie müssen einen älteren Patienten abmachen. Das ist, was Triage bedeutet“, erklärt Christian Drosten das Worst-Case-Szenario.

Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité

Von solchen Zuständen ist man in Deutschland derzeit noch entfernt. Laut DIVI-Intensivregister sind in Deutschland aktuell 8.381 Intensivbetten frei (Stand 9. November, 13 Uhr). Gegenwärtig befinden sich 3.005 Corona-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, 1.688 (56 %) von ihnen werden invasiv beatmet.

Ohnehin seien in Deutschland weniger die technischen Ressourcen das Problem. „Unser Flaschenhals in Deutschland ist tatsächlich das Personal auf den Intensivstationen. Wenn sie nur noch eine Intensivschwester oder einen Intensivpfleger für drei oder vier Patienten haben, dann werden die überfordert“, erklärt Virologe Alexander Kekulé (62) im MDR-Podcast.

Triage im Zusammenhang mit Corona: Ärzte entscheiden über Behandlung von Patienten

Sollte Deutschland tatsächlich in eine Triage-Situation geraten, müssten allein die Ärzte darüber entscheiden, wer behandelt wird und wer nicht. Als Richtlinie dafür dienen Kriterien, die in einer gemeinsamen Empfehlung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin und anderer Fachgesellschaften festgelegt wurden.

„Die Priorisierung von Patienten sollte sich deshalb am Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht orientieren, was nicht eine Entscheidung im Sinne der „best choice“ bedeutet, sondern vielmehr den Verzicht auf Behandlung derer, bei denen keine oder nur eine sehr geringe Erfolgsaussicht besteht“, heißt es darin unter anderem.

Coronavirus: Verfassungsgericht lehnte Eilantrag zur Triage-Regelung ab

Die Politik hat sich in diese heikle Angelegenheit bislang nicht eingemischt. Allerdings werden Rufe laut, dass sich das Parlament mit dem Thema Triage befassen soll. Im Sommer ging deshalb ein Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht ein, der zunächst abgewiesen wurde. Geklagt hatten neun Menschen mit Behinderungen und Vorerkrankungen, die schlechtere Behandlungsmöglichkeiten oder gar einen Ausschluss von einer lebensrettenden medizinischen Behandlung befürchten.

Allerdings sei der Antrag laut der Verfassungsrichter auch „nicht von vorneherein unzulässig oder offensichtlich unbegründet“. Bis Mitte Dezember werden deshalb Stellungnahmen aus Berlin und der Länderregierungen erwartet. Danach will man in Karlsruhe entscheiden. Bis dahin bleibt die Hoffnung, dass Deutschland eine Triage-Situation abwenden kann und hierzulande kein Arzt im Zuge der Corona-Pandemie über Leben und Tod entscheiden muss.

Rubriklistenbild: © Peter Kneffel/dpa

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