Bund hat einheitliche Empfehlungen

Corona: Öffnung der Schulen kommt – diese Maßnahmen plant das Bundesbildungsministerin

Es ist derzeit die Frage, welche die Politik am meisten umtreibt: Wann und wie können die Schulen und Kitas wieder öffnen? Jetzt liegen Leitlinien dafür vor.

Bonn/NRW – Schulen öffnen oder nicht: Es gibt wohl kein Thema, dass derzeit so viel diskutiert wird wie das nach dieses. Viele Experten – darunter auch die deutschen Kinderärzte – warnen vor den Folgen durch weiteren Unterrichtsausfall. Dabei sind es nicht nur verpasste Lernstoffe, die Kopfzerbrechen bereiten, auch der fehlende soziale Kontakt könnte nach Expertenmeinung zu Spätfolgen führen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (49, CDU) hat jetzt eine Leitlinie zum besseren Schutz vor dem Coronavirus SARS-CoV-2 in Schulen vorgelegt.

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)oberste Bundesbehörde
BehördenleitungAnja Karliczek (49, CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung
HauptsitzBionn, NRW

Schulöffnungen in der Corona-Pandemie: Alleingänge fehlgeschlagen – Forderungen nach gemeinsamen Schutzkonzepten

Bildungspolitik bleibt auch nach den Beschlüssen vom 10. Februar weiter Ländersache. Doch, obwohl der Föderalismus in der Bildungspolitik ganz bestimmt seine Vorteile hat, stößt er in der Corona-Pandemie wohl an seine Grenzen. So kritisiert die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, die Beschlüsse seien ein „Eigentor“. Bereits im Vorfeld der Bund-Länder-Gespräche wurden immer wieder einheitliche Konzepte gefordert – auch für die Bildungssysteme. Insbesondere, weil Schulabschlüsse bundesweit anerkannt werden müssen, scheinen Alleingänge einiger Kultusminister in Pandemiezeiten fehl am Platz.

So ist der letzte Versuch, im Alleingang Schulen zu öffnen, sogar kläglich gescheitert. Kurz bevor Baden-Württemberg am 27. Januar als erstes und einziges Bundesland die Öffnung der Grundschulen verkünden wollte, wurden Fälle von Mutationen in Kitas bekannt – und die geplanten Schulöffnungen in Baden-Württemberg gestoppt.

Öffnungen der Schulen – Bildungsministerin macht Infektionsschutz zur Chefsache

Aufgrund der weiter sinkenden Infektionszahlen werden aber die Rufe nach Schulöffnungen mittlerweile aber bundesweit immer lauter. Höchste Zeit also für ein einheitliches Schutzkonzept für die Schulen.

Einen solchen ersten Leitfaden hat Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (49, CDU) jetzt vorgestellt – und Bildungspolitik damit auch ein Stück weit zur Chefsache erklärt. Die AWMF S3-Leitlinien zu „Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen“ wurden mithilfe von zahlreichen Experten entwickelt.

Leitlinien für die Schulöffnung: Wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen für Schulen

An den Leitlinien für besseren Schutz vor SARS-CoV-2 in Schulen der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) mitgewirkt haben unter anderen zum Beispiel das Robert Koch-Institut (RKI), verschiedene Gesundheitsämter, der Bundeselternrat, die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und viele mehr.

Außerdem wurden rund vierzig internationale Studien ausgewertet, die Aufschlüsse über die Auswirkungen von verschiedenen Hygienemaßnahmen in Schulen und Kitas geben. Ziel der Leitlinie ist es, wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen zur Verfügung zu stellen, an denen Entscheidungsträger sich orientieren können. Das BMBF informiert auch auf Twitter über diese neuen Empfehlungen für Schulen:

BMBF stellt auf Twitter vor: Neue Leitlinie für besseren Corona-Schutz in Schulen

Bildungsministerin spricht sich für Schulöffnungen aus – konsequente Einhaltung aller Maßnahmen erforderlich

Bildungsministerin Anja Karliczek (49, CDU) sagt dazu, die Leitlinie gebe „konkrete Empfehlungen, welche Maßnahmenpakete ergriffen werden sollten, um das Infektionsrisiko in den Schulen so gering wie möglich zu halten – für einen möglichst sicheren, geregelten und kontinuierlichen Schulbetrieb in Pandemiezeiten.“

Sie kommt dabei zu dem Schluss, dass Schulen auch in der Pandemie geöffnet werden könnten. Allerdings nur, wenn viel konsequenter gehandelt wird als bislang. So erklärt Anja Karliczek weiter: „Wenn Schulen geöffnet werden, ist es zwingend notwendig das gesamte Maßnahmenpaket zur Prävention und Kontrolle der Sars-CoV-2-Übertragungen konsequent anzuwenden.“

Sichere Schulöffnungen: Leitfaden des Bildungsministeriums definiert Maßnahmen

Mit anderen Worten: Einige wenige Maßnahmen reichen nicht. Vielmehr müssen alle von den Experten definierten Schutzvorkehrungen auch umgesetzt werden. Dieses sind dabei die wesentlichen Punkte:

  • Die Kontakte der Schüler sollen auf die eigene Lerngruppe begrenzt werden.
  • Bei hohem Infektionsgeschehen soll die Schüleranzahl auch innerhalb der Gruppe reduziert werden. Zum Beispiel durch die Halbierung von Klassen.
  • Je nach Infektionsgeschehen soll Wechselunterricht stattfinden oder die gestaffelte Schulöffnung nach Jahrgängen umgesetzt werden.
  • Das Tragen von Masken soll bei Schülern, Lehrern und Schulpersonal konsequent eingehalten werden.
  • Bei hohem Infektionsgeschehen soll ein medizinischer Mund-Nasen-Schutz zum Einsatz kommen.
  • Bei Schülern oder Lehrern mit hohem Risiko für schwere Krankheitsverläufe sollen auch FFP2-Masken zum Einsatz kommen.
  • Das Risiko einer Ansteckung soll auch auf Schulwegen minimiert werden. Dazu sollen die Schüler auch auf dem Schulweg Masken tragen. Zudem soll es mehr Verkehrsmittel im ÖPNV oder einen gestaffelten Unterrichtsstart geben.
  • Musikunterricht sollte ohne „aerosolgenerierende Aktivitäten“ (wie Singen oder Blasinstrumente) durchgeführt werden.
  • Sportunterricht sollte im Freien und kleinen Gruppen stattfinden – aber ohne Maske.
  • Schüler mit Symptomen, die auf eine SARS-CoV-2-Infektion hinweisen, sollen bis 48 Stunden nach Abklingen der Symptome nicht am Präsenzunterricht teilnehmen – das gilt auch für leichte Krankheitsanzeichen.
  • Es soll regelmäßig gelüftet werden, und zwar mittels Querlüftung bei weit geöffneten Fenstern alle 20 Minuten für 3-5 Minuten, im Sommer alle 10-20 Minuten. Räume, in denen das nicht möglich ist, sollten nicht genutzt werden.
  • Der Einsatz mobiler Luftreiniger soll erweitert werden.
  • Außerdem gelten weiterhin die Quarantäneregeln: Wenn Schüler oder Lehrer direkten Kontakt zu einer infizierten Person hatten, dürfen sie 14 Tage nicht am Unterricht teilnehmen.

Leitlinien zur Reduzierung des Risikos durch SARS-CoV-2 an Schulen – Lob und Kritik vom Lehrerverband

Der Deutsche Lehrerverband hat sich bereits zu den Leitlinien geäußert. In einem Interview mit dem Fernsehsender Welt vom 8. Februar (Montag) lobte Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger (66) zunächst die Tatsache, dass es nun endlich bundeseinheitliche Empfehlungen zum Infektionsschutz in Schulen gibt.

Zugleich kritisierte er aber auch, dass diese Vorgaben nicht an konkrete Inzidenzzahlen gekoppelt sind. So wird im vorliegenden Leitfaden stets nur von „hohem oder mäßigem Infektionsgeschehen“ gesprochen – ohne genau zu definieren, ab welchem Wert man von hoch sprechen muss. Heinz-Peter Meidinger warnt zudem davor, die Schulen zu früh öffnen, denn eine dritte Welle wäre fatal. Man solle „lieber noch ein paar Tage warten“ und bei geringerem Infektionsgeschehen starten, so Meidinger im Interview (alle Infos zum Coronavirus in NRW auf RUHR24.de).

Schulöffnungen oder nicht? Angela Merkel will im Februar Strategie auf den Weg bringen

Viele Politiker vertreten ebenfalls die Meinung Heinz-Peter Meidingers, dass man mit dem Öffnen der Schulen noch abwarten sollte. So ist auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (66, CDU) nach Medienberichten weiter eine Verfechterin des vorsichtigen Kurses. Vor allem die Mutationen, die sich auch in Deutschland verbreiten, stellen weiter eine Unbekannte dar und sprechen gegen schnelle Schulöffnungen. Andererseits betonen die Kultusministerkonferenz sowie führende Kinderärzte, wie wichtig es sei, die Schulen und Kitas bald zu öffnen. Einigkeit herrscht insgesamt darüber, dass man „Schulen als Erstes wieder öffnen“ muss.

Werden die Schulen nun also bald geöffnet oder nicht? Fakt ist, die Leitlinien der Bildungsministerin gibt lediglich Empfehlungen, wie geöffnet werden soll – aber nicht wann. Durch den wachsenden Druck auf die Politik ist zu erwarten, dass man zumindest bald konkretere Termine für die Öffnungen nennen wird. Angela Merkel (66, CDU) hat bereits angekündigt, man wolle am 10. Februar eine Strategie für die Öffnungen der Schulen auf den Weg bringen.

Schulöffnungen nach dem Lockdown: Corona-Chaos scheint vorprogrammiert

Dass man die Schulen noch bis Ostern geschlossen hält, wie von einigen Virologen gefordert, gilt daher mittlerweile als unwahrscheinlich. Zu vermuten ist, dass noch vor Ostern zunächst die Grundschulen sowie die Abschlussklassen schrittweise wieder öffnen werden. Die vorliegenden Leitlinien sollen dabei als Wegweiser dienen. Wie die Bundesbildungsministerin betont müssen „natürlich die jeweiligen Schulverantwortlichen gemeinsam mit den Gesundheitsämtern die Entscheidungen treffen“.

Das heißt mit anderen Worten: Die konkrete Umsetzung der Maßnahmen bleibt weiter den jeweiligen Entscheidungsträgern überlassen. Bei gleichzeitigem Fehlen einer konkreten Koppelung an Inzidenzwerte scheint das Chaos an Schulen bereits jetzt vorprogrammiert. Alleine das Erstellen von alltagstauglichen Konzepten, nach denen man Wechselunterricht vorbereitet, Klassen einteilt und vieles mehr wird dabei sicher noch eine Weile dauern.

Rubriklistenbild: © Wolfgang Kumm

Mehr zum Thema