Neue Studien zu Corona bei Kindern

Corona: Ansteckungsgefahr in Schulen größer als gedacht? Aufregung um Drosten-Tweet

Schulen seien „keine Treiber der Pandemie“ – das ist derzeit eine der am häufigsten zitierten Aussagen. Neue Studien lassen allerdings daran zweifeln.

NRW – Die Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus könnte für Kinder deutlich größer sein als vermutet. Darauf lassen mittlerweile zahlreiche Studien schließen. Virologe Christian Drosten hat jetzt auf Twitter eine entsprechende Studie aus Großbritannien geteilt. Sein Tweet sorgt aktuell für eine Flut an Kommentaren. Denn die Frage nach der Rolle der Schulen betrifft viele Familien – und die Eltern-Lager sind gespalten.

Christian DrostenChefvirologe der Berliner Charité
Geboren: 12. Juni 1972 (Alter 48 Jahre)
Auszeichnungen Deutscher Radiopreis – Sonderpreis des Beirats

Corona-Pandemie – Ansteckung bei Kindern: Spielen Schulen eine entscheidende Rolle?

Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr von Kindern wirklich? Bereits seit Beginn der Pandemie wird diese Frage unter Experten heiß diskutiert. Hieß es ganz zu Beginn noch, Kinder seien eventuell besonders ansteckend, zeigte sich schnell, dass die Corona-Gefahr für Kinder deutlich geringer ist als für Erwachsene – insbesondere ältere Menschen.

Wer Kinder hat, erinnert sich vielleicht noch an die allererste Zeit der Pandemie: Viele Menschen haben im Supermarkt einen großen Bogen gemacht, weil Experten zunächst annahmen, das Coronavirus könnte für Kinder ebenso ansteckend sein wie etwa die Grippe – und damit zum Treiber der Pandemie werden.

Schnell waren sich Experten aber einig, Covid-19 unterscheidet sich hier deutlich von der Grippe und Schulen und Kitas sind keine Hotspots. Zahlreiche Studien haben diese Aussage belegt, beispielsweise kürzlich im Ärzteblatt veröffentlichte Ergebnisse. Virologe Christian Drosten verweist hingegen bereits seit Längerem darauf, dass die Ansteckungsgefahr auch in Schulen groß ist.

Ansteckung von Kindern in Schulen: Wird das Risiko von der Politik kleingeredet?

Das Problem dabei: Mittlerweile gibt es unter den Medizinern zahlreiche, die ebenfalls seiner Meinung sind – und die Studien zur Rolle der Kinder in der Pandemie widersprechen sich teilweise völlig. Gleichzeitig haben sich die Politiker andererseits derart auf die Erkenntnis versteift, Schulen spielten keine große Rolle, dass man den Eindruck gewinnt, Kinder seien gar nicht gefährdet. Das könnte ein fataler Fehlschluss sein, wie zahlreiche neuere Erkenntnisse zeigen.

Wie tagesschau.de berichtet, sagt beispielsweise Mikrobiologe Michael Wagner von der Uni Wien, er habe „das nie ganz verstanden, wie man sagen kann, in den Schulen passiert nichts, warum sich die Politik so verliebt hat in diese These. Es war ein politisches Narrativ, weil das natürlich vieles erleichtert, wenn es so wäre. Aber es ist ein wenig Wunschdenken. Und es ist auch ein wenig Kopf in den Sand stecken“.

Internationale Studien belegen Ansteckungsgefahr von Kindern – vermutlich hohe Dunkelziffer

Was derzeit als sicher gilt, ist dabei, dass Kinder ein geringeres Risiko für schwere Verläufe haben als Erwachsene. Was aber die Ansteckung selbst angeht, sind sich die Experten völlig unsicher bzw. uneinig. So gibt es mittlerweile Studien aus Chicago, Indien, Österreich und auch Bayern, die zu dem Ergebnis kommen, dass Kinder ebenso ansteckend sind wie Erwachsene:

  • Mikrobiologe Michael Wagner von der Uni Wien hatte mit seinem Team eine Massentest-Studie an österreichischen Schulen durchgeführt, mit dem Ergebnis, dass Kinder nicht wesentlich weniger Infektionen hatten als Erwachsene, wie der Spiegel und tagesschau.de berichten. Er komm zu dem Schluss: „Die Kinder spiegeln das Infektionsgeschehen um sie herum wider.“
  • Ein weiteres Beispiel ist eine Studie in Indien, die von einem internationalen Forscherteam durchgeführt wurde und im Wissenschaftsmagazin Science erschienen ist. Sie kommt zu ähnlichen Erkenntnissen. Infizierte Kinder gaben das Virus demnach vor allem an Gleichaltrige weiter. „Kinder sind sehr effiziente Überträger, was sich in früheren Studien nicht so gezeigt hat“, äußert sich Studienautor Ramanan Laxminarayan von der Princeton University dazu. 
  • Besonders erschreckend sind die Ergebnisse einer Münchner Studie: Das Helmholtz Zentrum München kommt zu dem Ergebnis, dass in Bayern wohl sechsmal mehr Kinder infiziert waren als gemeldet – die Dunkelziffer also sehr hoch war. Zwischen Januar 2020 und Juli 2020 untersuchten die Wissenschaftler dazu knapp 12.000 Blutproben von Kindern in Bayern im Alter zwischen 1 und 18 Jahren auf SARS-CoV-2-Antikörper.

Rolle der Schulen in der Pandemie – Virologe Christian Drosten warnte bereits im Frühjahr

Der Chefvirologe der Berliner Charité, Christian Drosten, hatte bereits im Frühjahr betont, dass Kinder eine ähnlich hohe Viruslast aufwiesen, wie Erwachsene – und daher auch genauso ansteckend sein könnten. Ein Problem bei Studien, die von einer geringen Gefahr ausgehen, könnte demnach sein, dass Kinder weniger Symptome zeigen, so auch weniger getestet werden – und daher die Daten verzerrt sind.

Video: Ansteckungsgefahr durch Kinder – Drosten bleibt bei Aussagen

Für seine Aussagen war Christian Drosten teilweise scharf kritisiert worden. Neue Studien aus England geben ihm aber ebenfalls Recht.

Sind Schulen eine größere Gefahr als gedacht? Drosten-Tweet zur Rolle der Schulen sorgt für Aufsehen

Auf Twitter verweist der Virologe auf eine britische Studie, die zeigt, dass Kinder sogar häufiger mit Sars-CoV-2 infiziert waren als Erwachsene. Seine provokante Frage dazu in Richtung seiner Kritiker: „Bestehen immer noch Zweifel an der Rolle des Schulbetriebs bei der Verbreitung von SARS-CoV-2?“

Die Fallzahlen bei Kindern ließen sich durch Schulschließungen außerdem senken:

Mit seinem Tweet hat der Virologe bei Eltern für viel Aufsehen gesorgt. So äußern vor allem solche Eltern Kritik, die die Gefahr durch Corona woanders sehen, wie ein Essener Mediziner. Sie sehen es mit großer Sorge, dass Kindern Bildungschancen genommen werden und den Kindern soziale Kontakte fehlen. Auch das Thema Kindeswohlgefährdung ist in diesem Zusammenhang sehr kritisch zu sehen. Denn ohne Kitas und Schulen können Kinder schlechter geschützt werden, die zu Hause misshandelt werden.

Sieht die Situation in Schulen kritisch – Virologe Christian Drosten

Kinder und Corona: Viele Eltern betrachten Schulöffnungen mittlerweile mit Sorge

Andererseits gibt es aber auch viele Eltern, die es mit Sorge betrachten, dass Schulen im Februar wieder teilweise geöffnet werden sollen. Unter dem Hashtag #SchulenUndKitasZu werden solche Sorgen derzeit geäußert.

Viele bemängeln, dass man die Kinder dem Risiko einer Ansteckung aussetze, obwohl man noch so wenig über das Virus weiß. Insbesondere die Langzeitfolgen sind nicht abschließend geklärt. Auch die Gefahr von höheren Infektionsraten durch Ansteckung über Kinder wird kritisch gesehen.

Corona-Ansteckung bei Kindern: keine abschließende Sicherheit – viele Fragen offen

Das Hauptproblem an der ganzen Thematik scheint hier zu sein, dass sich die Studien widersprechen: Die einen sagen dies, die anderen das. So kommt das RKI aktuell zu dem Ergebnis, dass Kinder insgesamt etwas weniger infektiös zu sein „scheinen“, die Viruslast aber ähnlich sei.

Dazu heißt es: „Die Infektiosität im Kindesalter wurde bisher selten untersucht und kann daher nicht abschließend bewertet werden.“ Die 7-Tage-Inzidenzen stiegen im Zuge der hohen Fallzahlen in den letzten Wochen auch bei Kindern – liegen aber insgesamt unter denen von Erwachsenen (alle Infos zum Coronavirus auf RUHR24.de).

Corona in Schulen: neue Gefahr durch Virus-Mutation

Neuerdings ist allerdings auch noch das Risiko durch die Virusmutation hinzugekommen, die im Verdacht steht, für Kinder noch ansteckender zu sein. Es ist zu befürchten, dass die von Christian Drosten geteilten britischen Daten auch darauf zurückzuführen sind.

So haben auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Minister vor der Mutation gewarnt. In ihren Pressekonferenzen im Anschluss an die Bund-Länder-Gespräche verwiesen sie auffallend eindringlich auf diese „neue und besondere Lage“, die die Situation in den Schulen noch verschärfen könnte. Markus Söder sprach sogar davon, Schulen könnten eine „entscheidende Rolle“ bei der Verbreitung der Virusmutation spielen.

Es bleibt ein scheinbar unlösbares Dilemma: Einerseits kann man die Kinder nicht wochenlang weiter zu Hause lassen – andererseits darf man die Ansteckungsgefahr in Schulen nach neuerer Datenlage auch nicht unterschätzen.

Rubriklistenbild: © Martin Rickett/dpa

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