Keine Perspektive für die Bürger

Corona in Deutschland: Virologin „entsetzt“ über Politik-Strategie

 Virologin Melanie Brinkmann
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Fühlt sich von der Politik im Stich gelassen – Virologin Melanie Brinkmann kritisiert Corona-Beschlüsse.

Viele Mediziner halten den aktuellen Kurs der Bundesregierung für falsch. Besonders harte Worte fand kürzlich die Braunschweiger Virologin in einem Interview.

Deutschland – Die Zahlen steigen, die Impfungen laufen weiter schleppend und auch die Teststrategie ist noch keine große Hilfe im Kampf gegen das Coronavirus. Laut aktuellen Umfragen sind immer mehr Bürger frustriert über die derzeitige Situation hierzulande. Virologin Melanie Brinkmann macht ihren Frust gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger deutlich – sie übt scharfe Kritik an der Corona-Politik der Bundesregierung.

CoronavirusSars-CoV-2
InfektionskrankheitCovid-19
häufige SymptomeHusten, Schnupfen, Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns

Corona-Lockerungen trotz steigender Inzidenzen: Experten warnen vor Öffnungsschritten

Die Corona-Zahlen steigen aktuell und in Deutschland sind weder genügend Menschen geimpft, noch sind die Testkapazitäten ausreichend. Viele Experten halten Öffnungen bei dermaßen hohen Zahlen daher grundsätzlich für falsch. So kritisiert Epidemiologe Karl Lauterbach aktuell die Schulöffnungen. Und auch die führenden Intensivmediziner fordern einen sofortigen Lockdown.

Virologin Melanie Brinkmann (47) von der Technischen Universität Braunschweig warnt schon seit Wochen vor zu laschen Beschlüssen. Bereits am Dienstag (9. März) kritisiert sie gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger insbesondere die Tatsache, dass immer noch langfristige Strategien fehlen (mehr Infos zum Coronavirus in NRW auf RUHR24.de).

„Intellektuelle Beleidigung“ statt Corona-Perspektive – Virologin Melanie Brinkmann teilt aus

„Was uns gerade präsentiert wird, ist eine intellektuelle Beleidigung an alle und keine Perspektive“, sagte die Wissenschaftlerin im Interview. Ihr Hauptvorwurf an die Politik: Die Zeit des Lockdowns sei nicht genutzt worden, um Maßnahmen zu entwickeln, wie man der Lage Herr werden kann.

Entscheidend für Melanie Brinkmann sind dabei:

  • zügiges Impfen,
  • intelligentes Testen
  • und effizientere Kontaktnachverfolgung.

Bei sämtlichen der drei Punkten hakt es aktuell in Deutschland noch. So ist die Impfstrategie durch das Aussetzen des AstraZeneca-Vakzins erneut ins Stocken geraten. Auch die Schnelltests laufen schleppend an. Selbsttests sind im Einzelhandel ebenso nicht wie vorgesehen verfügbar.

Virologin Melanie Brinkmann: Erneute Schließungen sind in der Corona-Pandemie vorprogrammiert

Aufgrund der Zahlen müsse man diese drei Maßnahmen erst umsetzen, bevor man an Lockerungen denken könne, meint Melanie Brinkmann. Die Forscherin der TU Braunschweig ist sich sicher, dass wir sonst „wieder schließen müssen, weil uns die Intensivstationen volllaufen werden.“

Betroffen wären dann aber vor allem die 50- bis 80-Jährigen, denn viele der über 80-Jährigen seien ja bereits geimpft. Das könnte laut Brinkmann zu einem besonderen Problem werden, denn die Anzahl der Personen in dieser Bevölkerungsgruppe ist noch deutlich größer.

Video – Drosten warnt: Für Ungeimpfte ab 50 Jahre wird es bald „brenzlig“

Corona-Politik in Deutschland: Virologin bemängelt schlechte Pandemiebekämpfung

Die Virologin erklärt, sie sei „desillusioniert, wie schlecht Pandemiebekämpfung in Deutschland ginge“. Dabei wolle sie solche Aussagen von sich selbst eigentlich gar nicht lesen, schließlich sei sie Wissenschaftlerin. Ihre Kritik ist insbesondere auch deshalb bezeichnend, weil sie eigentlich zu den Beratern von Bund und Ländern zählt.

Aber sie sei eben auch Bürgerin, so Brinkmann weiter. Sie bemängelt „Ich fühle mich da als Bürgerin mit alten Eltern einerseits und drei schulpflichtigen Kindern andererseits im Stich gelassen.“ Konkret kritisiert Brinkmann dabei die Schulöffnungen ohne Testkonzept.

Steigende Corona-Zahlen: Melanie Brinkmann hält Schulöffungen für falsch

Tatsächlich könnte eine höhere Ansteckungsrate in den Schulen und Kitas noch zum Problem werden. Das RKI warnte vor einigen Tagen bereits davor, dass die Inzidenz bei Kindern „rasant“ steige. Aus Großbritannien ist bekannt, dass sich die deutlich ansteckendere Mutanten B.1.1.7 vor allem auch über die Schulen verbreitet hat.

Erste Eltern aus NRW fordern daher bereits die Abkehr vom Präsenzunterricht. Auch der Bürgermeister von Dortmund Thomas Westphal spricht sich für eine Schließung der Schulen aus. Das Thema wird kontrovers diskutiert, denn andererseits halten viele Kinderpsychologen und auch Eltern die Schulöffnungen für extrem wichtig.

Virologin: Im Kampf gegen das Coronavirus müssen wir jetzt schnell handeln

Virologen wie Melanie Brinkmann gehen aber davon aus, dass es in der derzeitigen Situation ohne klare Öffnungsstrategie „fatal“ sei. Denn, so meint die Forscherin: „Wer die Dynamik des Virus verstanden hat,“ könne darüber nur „entsetzt“ sein.

Die gute Nachricht: Selbst als Öffnungs-Kritikerin sieht Melanie Brinkmann den Kampf nicht grundsätzlich als verloren an. Allerdings müsse man, was kluge Schutz-Maßnahmen wie Teststrategien und Kontaktnachverfolgungen angeht, den „Raketenantrieb zünden“.

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