Lage in deutschen Kliniken spitzt sich zu

Corona: Triage – erste Entscheidungen über Leben und Tod? Arzt-Aussage sorgt für Entsetzen

Ein Grund für den harten Lockdown ist die Sorge vor einer Auslastung der Intensivbetten. Und die ist berechtigt: Ein Arzt aus Sachsen schlägt jetzt Alarm.

Update, Freitag (18. Dezember), 8.00 Uhr: Gab es in Deutschland bereits Entscheidungen über Leben und Tod? Diese Frage sorgt seit Mitte der Woche in den Medien für Diskussionen. Hintergrund ist ein Bericht eines Arztes aus Sachsen. Am Dienstagabend soll er gesagt haben, in seiner Klinik sei bereits mehrfach Triage angewendet worden – man hatte also entscheiden müssen, wer beatmet wird und wer nicht.

Triage in Deutschland? Mehrere Experten widersprechen Arztbericht entschieden

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, gibt Entwarnung. Demnach würde medizinisches Personal in Deutschland derzeit nicht mit einer derartigen Gewissensfrage konfrontiert. Es gäbe noch genügend Reserven an Intensivpflegeplätzen.

Auch die DIVI äußert sich ähnlich. Bereits seit Wochen bestünden Pläne für eine Notfallsituation: „Im so genannten Kleeblattkonzept wurde Deutschland in fünf Regionen eingeteilt, um Patienten innerhalb dieser zu verlegen.“ Jede Region habe einen zentralen Koordinator, der die Verlegungen regelt.

Auch PD. Dr. Christian Kleber, Verantwortlicher Koordinator für die Verteilung von COVID-19-Patienten in Sachsen und leitender Oberarzt am Universitätsklinikum Dresden dementiert die Berichte des Arztes aus Sachsen: „Ich möchte mit Nachdruck deutlich machen, dass es aktuell noch freie Intensivbetten in Sachsen gibt und Patienten über die Krankenhausleitstellen dementsprechend verteilt werden“.

Intensivkapazitäten am Limit – weitere Warnungen von Medizinern

Ganz anders äußert sich hingegen der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, gegenüber der Rheinischen Post. Mit zunehmender Überfüllung würden immer mehr Ärzte vor einer Triage-Entscheidung stehen.

Eine ähnliche Aussage kam am gestrigen 17. Dezember aus Heidelberg. Laut Spiegel-Bericht schleißt auch der Ärztliche Direktor der Uniklinik Heidelberg, Ingo Autenrieth, eine Triage nicht mehr aus. Einem lokalen Radiosender soll er gesagt haben: „Eine Triage hatten wir noch nicht, das kann aber auf uns zukommen. Wir sind darauf eingestellt.“

Triage in Sachsen? Klinik dementiert die Aussagen

Der sächsische Arzt soll seine Aussagen über kritische Entscheidungen in seiner Klinik gegenüber dem Nachrichtenportal t-online zunächst bestätigt haben. t-online berichtet weiter, er sei am Mittwoch später nicht mehr zu erreichen gewesen.

Eine Sprecherin des Klinikums dementierte die Aussage des Arztes gegenüber der Bild: „Die ist ein Missverständnis. Zu keinem Zeitpunkt wurde hier jemand nicht oder nicht mehr beatmet.“ Ministerpräsident Kretschmer verteidigt den Mediziner, obwohl er übertrieben habe. Eigentlich, so Kretschmer, sei es wichtig, dass sich die Ärzte nicht „wegguckten“, sondern sich zu Wort meldeten.

Erstmeldung, Mittwoch (16. Dezember): Langsam werden auch hierzulande die Kapazitäten an Intensivbetten knapp. So sind derzeit laut DIVI-Intensivregister deutschlandweit nur noch rund 4.700 Intensivbetten verfügbar. Damit sind bereits 86 Prozent aller Betten belegt. Das Problem dabei ist die Verteilung, denn in Gemeinden wie Dortmund, in denen die Fallzahlen hoch sind, gibt es bereits jetzt fast keine Kapazitäten mehr.

Begriff Triage
Ursprung Katastrophenmedizin
Verfahren Priorisierung von Patienten im Falle von Ressourcenmangel

Corona-Pandemie: Entscheidung über Leben und Tod – erste Triage-Fälle in Sachsen

Besonders dramatisch ist die Corona-Lage derzeit in Sachsen. Hier kam es nun auch zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie zum schlimmstmöglichen Fall für Intensivmediziner: Der Entscheidung darüber, wer noch beatmet wird und wer nicht.

Mit dem Direktor einer Klinik im sächsischen Zittau hat erstmalig ein deutscher Arzt während der Pandemie öffentlich bestätigt, dass Ärzte Entscheidungen über Leben und Tod fällen müssen.

Corona-Notlage in Sachsen – Kliniken teilweise am Limit

Laut einem Bericht von t-online ist das sogar schon mehrfach im Krankenhaus Zittau der Fall gewesen. Darüber habe Mathias Mengel, Ärztlicher Direktor des Klinikum Oberlausitzer Bergland gGmbH, am Dienstagabend berichtet. Gegenüber t-online habe der Mediziner sich wie folgt geäußert: „Wir waren in den vergangenen Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheiden mussten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht“.

Mengel führte weiter aus, dass stets versucht werde, auf andere Kliniken auszuweichen, das sei aber oft nicht möglich. Denn die Klinik sei „im Epizentrum, manche Häuser nehmen gar nicht mehr auf“. Die Entscheidungen über Leben und Tod würden dann kurzfristig entschieden. Der Landkreis der Klinik hatte laut sächsischem Sozialministerium am Dienstag eine Sieben-Tages-Inzidenz von über 500.

Wirbel um Aussagen zur Triage – unklare Statements der Verantwortlichen

Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung erklärte die Sprecherin des Gesundheitszentrums des Landkreises Görlitz, zu dem das betroffene Krankenhaus gehört, dass zu möglichen Fällen von Triage keine Aussage ihrerseits gemacht werden könnten. Die Aussagen Mengels würden noch überprüft. Mittlerweile hat sich laut Spiegel-Bericht auch Sachsens Ministerpräsident Kretschmer geäußert. Die Aussage des Arztes sei ein „Hilferuf“ gewesen. Sie sei nicht so gemeint, dass Patienten ihrem Schicksal überlassen worden seien.

Auch das Oberlausitzer Bergland-Klinikum in Zittau hat den Bericht des Arztes nicht bestätigt. Es teilte dem MDR aber mit, dass die Versorgungssituation extrem angespannt sei und viele Patienten wegen Kapazitätenmangel verlegt werden mussten. Dass an den Aussagen Mengels aber vielleicht doch mehr dran ist, lässt ein Zitat des Görlitzer Landrats Bernd Lange vermuten.

Der Landrat führt gegenüber dem MDR Sachsen aus, der Arzt hätte mit den Äußerungen auf die schwierige Lage des Personals aufmerksam machen wollen: „Wie gehen wir mit der Situation um, wen nehmen wir als erstes in die Intensivbetten rein, wen nehmen wir in die Beatmung rein, wer könnte noch verlegt werden“, so Lange. Eigentlich wollte er damit wohl beschwichtigen, allerdings führt er hier ebenfalls die Entscheidung mit auf, wer beatmet werden kann und wer nicht.

Mögliche Fälle von Triage – die Lage spitzt sich deutschlandweit zu

In einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Olaf Scholz am 13. Dezember sprach auch Bayerns Ministerpräsident davon, dass es in Deutschland bereits Fälle von Triage gebe. Im Wortlaut: „Alle drei Minuten stirbt jemand in Deutschland wegen Corona. Die Kliniken ächzen derzeit unter der Belastung. Teilweise gibt es schon Triage in Deutschland, nämlich, dass man entscheidet, wer behandelt wird oder wer woanders hinverlegt werden muss.“

Laut Bildzeitung hatten verschiedene Mediziner Söder allerdings widersprochen, demnach sei man von einer Triage noch weit entfernt. Mehrere Medien warfen Söder daraufhin Panikmache vor.

„Triage“ in deutschen Kliniken: Top-Virologe warnt bereits im November davor

Der Fachbegriff „Triage“ stammt vom französischen Verb „trier“ („sortieren“ bzw. „aussuchen“). Der Begriff kommt aus der Katastrophenmedizin. Er bezeichnet die Entscheidung darüber, wer bei zu wenigen Ressourcen für zu viele Patienten priorisierten Zugang zur medizinischen Versorgung erhält.

Bei einer Veranstaltung in seiner Heimat Meppen erklärt Top-Virologe Christian Drosten den Begriff im November wie folgt: „Wir haben dann auf der Intensivstation einen beatmeten Intensivpatienten mit Covid-19, der ist alt, und der liegt da seit einer Woche, und der hat eine Überlebenschance von ungefähr 30 bis 50 Prozent. Vielleicht auch 60. Und dann kommt ein Patient, der ist 35 und der hat drei kleine Kinder. Und der hat die gleiche Krankheit und einen schweren Verlauf.“

Im Worst-Case-Szenario hieße das laut Drosten: „Wenn sie den nicht jetzt an ein Beatmungsgerät anschließen, ist der übermorgen tot. Das wissen sie als Intensivmediziner. Was machen sie? Sie müssen einen älteren Patienten abmachen. Das ist, was Triage bedeutet“. Die klare Aussage Drostens zu diesem Zeitpunkt: Die Kapazitäten sind begrenzt.

Mögliche Triage in Deutschland – die Gesetzeslage ist nicht eindeutig

Zu hoffen ist, dass der Lockdown Wirkung zeigt und eine solche Entscheidung den Medizinern in weiteren Kliniken Deutschlands erspart bleibt. Für den Fall der Fälle gibt es seit April 2020 Empfehlungen der DIVI über die Entscheidungen bei der Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der COVID-19-Pandemie.

Obwohl bereits im Frühsommer solche Forderungen laut wurden, gibt es vonseiten der Regierung hingegen keine klaren Regelungen: Denn das verbietet das Grundgesetz dem Staat. Die in Artikel 1 GG festgeschriebene „Würde des Menschen“ untersagt es der Politik einzugreifen. Dementsprechend wurde ein Eilantrag auf eine gesetzliche Regelung vom Bundesverfassungsgericht im August 2020 abgewiesen. Mittlerweile gibt es eine neue Klage, die klare Gesetze fordert – weitere Entscheidungen stehen noch aus.

Rubriklistenbild: © Fabian Strauch/dpa

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