Kommen Lockerungen viel zu früh?

Corona-Mutationen „werden uns überrennen“: Merkel-Beraterin macht Ansage

Die Mutationen könnten im Kampf gegen Corona zu echten Spielverderbern werden. Immer mehr Experten sind sich sicher: Wir werden sie nicht mehr aufhalten.

Deutschland – Die Fallzahlen sinken aktuell und die Forderungen nach Lockerungen – insbesondere bei Schulen und Kitas – werden lauter. Viele Experten sehen den derzeitigen Verlauf der Corona-Pandemie dennoch mit Sorge. Grund dafür sind die Mutationen, die sich immer weiter in Deutschland verbreiten.

Mutationspontan auftretende Veränderungen des Erbgutes
Nachweis Genomsequenzierung
Organismus mit neuem, durch Mutation entstandenen MerkmalMutant

Wettlauf gegen Corona-Mutationen schon verloren: Merkel-Beraterin ist sich sicher

Virologin Melanie Brinkmann, die zu den Beratern von Bundeskanzlerin Angela Merkel (66, CDU) zählt, äußerte ich jetzt gegenüber dem Spiegel besonders besorgt. Sie ist sich sicher: Wir haben den Wettlauf gegen die Mutanten schon verloren – und damit ist sie nicht alleine.

Auch Virologin Sandra Ciesek (43), die gemeinsam mit Christian Drosten (48) den NDR-Podcast betreibt, hatte bereits in Folge 73 des Podcasts Zweifel geäußert, ob es überhaupt noch möglich sei, die Verbreitung der deutlich ansteckenderen Virus-Varianten aufzuhalten. Insbesondere die britische Variante B.1.1.7 werde sich wahrscheinlich weiter verbreiten, äußerte auch Sandra Ciesek.

Corona-Mutationen: Experten sprechen von „zweiter Pandemie“

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (57) sprach jetzt in einem ntv-Interview sogar davon, dass wir nicht eine Pandemie im Land hätten, sondern zwei Pandemien. Denn für die Eindämmung der Mutanten würden ganz andere Regeln gelten als für den Wildtyp. Da sie ansteckender seien, müsse man auch den zu erreichenden Inzidenz-Wert sowie den R-Wert neu definieren.

Während die Maßnahmen für das „alte“ Corona-Virus ausreichten, müsse man sie für die Mutationen eventuell sogar noch verschärfen, so Karl Lauterbach. Denn während die Fallzahlen des Wildtyps insgesamt fallen, steigen die der Mutationen weiter an (alle Infos zum Coronavirus in NRW auf RUHR24.de).

Merkel-Beraterin mit pessimistischer Prognose – Mutanten „überrennen“ uns mit „Raketenantrieb“

Die Ansicht, dass man die Corona-Maßnahmen eher noch verschärfen müsse – statt zu lockern – teilt auch Virologin Melanie Brinkmann (47) vom Helmholtz Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig. Melanie Brinkmann zählt zum wissenschaftlichen Beraterstab von Angela Merkel (66, CDU) und gilt als Verfechterin einer besonders harten Linie im Kampf gegen das Virus.

In einem Spiegel-Interview vom 5. Februar findet sie deutliche Worte zur aktuellen Situation. So ist die Virologin sich sicher, dass der Wettlauf gegen die Mutanten „längst verloren“ ist. Es sei nur noch eine Frage „von wenigen Wochen“, bis die Mutationen sich auch hierzulande durchsetzen würden.

So habe sie auch bei den Gesprächen mit Angela Merkel (66, CDU) und den Ministerpräsidenten verdeutlicht, dass die Mutanten „uns überrennen“ würden, denn sie hätten durch die Mutationen „einen Raketenantrieb“ bekommen.

Virologin Melanie Brinkmann ist sich sicher: Mutanten werden uns in wenigen Wochen „überrennen“.

Kampf gegen das Corona-Virus: Verfechter der „No Covid“-Strategie fordern bessere Maßnahmen

Melanie Brinkmann gehört zur einer Gruppe von Wissenschaftlern, die eine „No Covid“-Strategie verfolgen. Damit verbunden sind die Forderungen nach mehr Tests, konsequenteren Kontrollen und besserer Kontaktnachverfolgung.

Wichtig ist dabei eine Unterscheidung: „No Covid“ ist nicht gleich „Zero Covid“. Letztere wollen Veränderungen der ganzen Gesellschaft, während „No Covid“-Vertreter lediglich die Null als Ziel haben und dazu effektivere Corona-Maßnahmen fordern. Zu den Anhängern von „No Covid“ zählt übrigens auch einer der wichtigsten Ökonomen in Deutschland, der Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo), Clemens Fuest (52).

Auch wegen der Mutationen – immer mehr Experten fordern eine Inzidenz von unter 10

Er warnt in einem taz-Interview vor den negativen Folgen für die Wirtschaft, wenn wir das Virus nicht endlich in den Griff bekommen – und es schlimmstenfalls nach schnellen Öffnungen vielleicht sogar zu einer dritten Welle käme. Im Sinne von „No Covid“ solle man dabei aber die Betriebe nicht schließen, um die Wirtschaft nicht zu schädigen, sondern bessere Hygienemaßnahmen, mehr Test und noch mehr Homeoffice einführen.

Zu den effektiveren Maßnahmen zählt auch, die Inzidenz bestenfalls auf 0 – zumindest aber unter 10 – zu bringen, statt auf unter 50, wie es derzeit von der Politik als Ziel definiert ist. Gerade in Bezug auf die Mutanten sprechen auch Karl Lauterbach und andere Gesundheitsexperten mittlerweile von der 10 als Ziel-Inzidenz. Erst bei diesem Wert könne man die Kontakte zuverlässig nachverfolgen – was als besonders wichtig angesehen wird.

Grafik: Mutationen können für Viren vorteilhaft sein

Lieber unbeliebt, aber ehrlich: Virologin wirft Politikern falsche Versprechungen vor

Melanie Brinkmann betont, sie sei lieber die ehrliche Überbringerin schlechter Nachrichten als zu sagen, was alle hören wollen. Außerdem verdeutlicht sie noch einmal, dass es die unter den Wissenschaftlern vorherrschende Meinung sei, dass man hart durchgreifen müsse.

In diesem Zusammenhang wirft sie der Politik vor, die falsche Hoffnung, man bekäme die Virus-Varianten noch in den Griff, würden „genährt von falschen Versprechungen einiger Politiker“. So würde suggeriert, jetzt wäre ja der Impfstoff da und alles wäre gut. Nach Melanie Brinkmann ist hingegen Fakt: „Wir kriegen niemals genügend Menschen geimpft, bevor die Mutanten durchschlagen.“

„No Covid“-Anhänger: Schuld an zweiter Corona-Welle waren zu lasche Maßnahmen

Viele Politiker würden außerdem erst einmal schauen, ob es wirklich so schlimm kommt – und erst handeln, wenn es zu spät ist. Ebenso sei es auch durch den Lockdown-Light im November zur zweiten Welle gekommen.

Bekanntlich hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (66, CDU) schon damals für härteres Durchgreifen ausgesprochen, war aber an den Ministerpräsidenten gescheitert. Inwieweit das in dieser Woche anders laufen wird, bleibt abzuwarten – die nächsten Bund-Länder-Gespräche sind für den 10. Februar geplant.

Corona-Krisengipfel: Kommen erste Lockerungen oder nicht? Mutationen spielen entscheidende Rolle

Angela Merkel (66, CDU) hat gegenüber RTL angekündigt, sie müsse sich noch anschauen, inwieweit sich die Virus-Mutationen verbreiten. Der erste Bericht des RKI dazu liegt mittlerweile vor. Demnach macht die britische Mutante aktuell sechs Prozent aller Corona-Fälle aus. Laut RKI-Präsident Lothar Wieler sind sie damit auf dem Vormarsch und „werden gefährlicher“.

Andererseits wird der Druck auf die Politiker aber immer größer, bei den sinkenden Zahlen endlich Lockerungen zuzulassen. Allen voran sollen dabei die Schulen und Kitas wieder öffnen. Hierzu soll nach aktuellen Medienberichten am 10. Februar eine langfristige Strategie auf den Weg gebracht werden.

Optimistische Prognosen sind „immer widerlegt worden“: CSU-Spitzenpolitiker warnen vor schnellen Öffnungen

Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, spricht sich zumindest Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) dennoch weiter für einen harten Corona-Kurs aus. So habe er beim „Künzeller Treffen“ der hessischen CDU gesagt, die entscheidende Frage sei: „Haben wir noch die Geduld, das zu Ende zu bringen oder brechen wir das vorzeitig ab?“

Die Spitzenpolitiker warnten laut FAZ auf diesem Treffen vor vorschnellen Lockerungen. Denn „alle optimistischen Prognosen“ seien „immer widerlegt worden“. Demnach ist es wohl zu befürchten, dass auch im Hinblick auf die Verbreitung der Mutationen die pessimistischen Prognosen sich bewahrheiten werden – und auch Melanie Brinkmann am Ende mit ihren Aussagen leider Recht behalten wird.

Rubriklistenbild: © Marijan Murat/dpa

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