Immer mehr Nachweise

Corona: Mutationen in NRW und Deutschland – wie viele Fälle es schon gibt

Wie weit haben sich die Virus-Mutationen in Deutschland verbreitet? Das ist derzeit die Gretchenfrage in der Pandemie. Erste Erkenntnisse liegen jetzt vor.

Deutschland – Aufgrund der Gefahr durch die Mutationen des Coronavirus hat die Bundesregierung nicht nur die Einreise aus Risikogebieten eingeschränkt, sondern auch eine verstärkte Sequenzierung der positiven Corona-Proben angeordnet. Das RKI legt jetzt einen Bericht zu den Virus-Varianten in Deutschland vor – insbesondere zur britischen Variante B.1.1.7. Die offiziellen Daten werfen allerdings Fragen auf, den besten Überblick scheint aktuell ein Wissenschaftler zu haben, der die Fälle privat zählt.

Robert Koch-Institut (RKI)selbständige Bundesoberbehörde
Gründung1. Juli 1891
AufsichtsbehördeBundesministerium für Gesundheit

Corona-Mutationen in Deutschland – erste Ergebnisse der Sequenzierungen liegen wohl vor

Wir befinden uns aktuell in einem Wettlauf mit den Virus-Mutanten. Zwar sinken die Fallzahlen immer weiter, die Verbreitung der Mutationen könnte die Erfolge des Lockdowns aber gefährden. Umso wichtiger, endlich Aufschluss über die Verbreitung zu bekommen.

Verantwortlich für die Genomsequenzierung in Deutschland ist insbesondere das Konsiliarlabor für Coronaviren an der Berliner Charité sowie auch das Robert Koch-Institut (RKI). Das Institut hat nun seinen ersten Bericht zur Verbreitung der Virus-Varianten vorgelegt.

Virus-Mutationen in Deutschland: RKI richtet technische Plattform zur Übermittlung ein und sammelt alle Daten

Zur Verfolgung und Dokumentation der Mutationen hat das RKI den Deutschen Elektronischen Sequenzdaten-Hub (DESH) eingerichtet, der noch im Aufbau ist. Alle Labore, die Sequenzierungen von Corona-Proben vornehmen, sind laut der entsprechenden Verordnung der Bundesregierung dazu verpflichtet, diese dem RKI zu melden.

Beachtet wird die britische Mutation B.1.1.7, die südafrikanische B.1.351 sowie die brasilianische Mutante P.1. Die britische Mutation gilt als deutlich ansteckender als der Wildtyp. Nach ersten Erkenntnissen der britischen Forscher-Gruppe NERVTAG könnte sie auch etwas tödlicher sein. Die brasilianische und die südafrikanische Virus-Mutante stehen hingegen im Verdacht, dem Immunsystem entwischen zu können. Das könnte die Wirksamkeit von Impfungen oder Medikamenten gefährden.

Mutationen des Coronavirus: Erster Bericht des RKI über Mutanten liegt vor

Veröffentlicht wird der Bericht zu Virusvarianten von SARS-CoV-2 in Deutschland vom 5. Februar 2021, insbesondere zur „Variant of Concern (VOC) B.1.1.7“, auf der Webseite des RKI. Er soll zu einer ersten Einschätzung der Lage in Deutschland dienen.

Die seit dem 26. Januar 2021 über die Upload-Plattform DESH für SARS-CoV-2 übermittelten Daten zeigen laut RKI, dass die Anzahl der britischen Variante B.1.1.7 im Januar 2021 bei rund sechs Prozent (5,73 Prozent) lag. Insgesamt wurde deutschlandweit in 1.797 von 30.928 Proben die Mutation nachgewiesen, die auf die britische Variante schließen lässt. Außerdem, so das RKI, sei „mit einer weiteren Erhöhung des Anteils der Virusvariante B.1.1.7 zu rechnen.“

Virus-Mutanten in Deutschland: Christian Drosten kündigte erste Datenerfassung bereits an

Der Chef der Berliner Charité, Virologe Christian Drosten, hatte zuvor bereits erste Ergebnisse verraten. In seinem NDR-Podcast (Folge 74: „Durststrecke mindestens bis Ostern“) führt er an: „Wir werden eine einstellige Prozentzahl sehen“ und diese sei auch „nicht ganz so hoch“.

Christian Drosten betont dabei, er „kenne natürlich Zahlen“, würde diese aber nicht so gerne schon öffentlich machen. Denn alle Ergebnisse gelten noch als vorläufig. Auch das RKI betont in seinem Bericht, dass „die vorliegenden Daten aus der Analyse von Gesamtgenomsequenzierungen (...) auf Grund geringerer Nachweiszahlen (bisher in 2021) noch keine statistisch belastbare Aussage über das Vorkommen“ liefern könnten.

Corona-Mutationen: Verwirrung um die Daten – gemeldete Zahlen weichen stark voneinander ab

Tatsächlich ist festzustellen, dass die Fallzahlen aus dem offiziellen Bericht des RKI Fragen aufwerfen. So verzeichnet das RKI (stand 31. Januar) lediglich 195 Meldungen von Mutanten insgesamt – davon nur 27 der südafrikanischen Variante B.1.351 und 168 der britischen Variante. Alleine Baden-Württemberg meldet aber bereits offiziell mehr als 300 Fälle von Mutanten.

Das ist wohl mit darauf zurückzuführen, dass es insbesondere in den letzten Tagen viele neue Meldungen gab – auch scheint es eine Diskrepanz zwischen den offiziell gemeldeten Fällen der Bundesländer und denen der einzelnen Städte zu geben. Wie der Westfälische Anzeiger berichtet, seien beispielsweise in NRW bis Mittwoch, 3. Februar, 31 Fälle der in Großbritannien entdeckten Virusvariante B.1.1.7 und 7 Fälle der südafrikanischen Variante B.1.351 bestätigt. Einzelne Städte würden aber viel höhere Zahlen melden: Allein in Köln gäbe es bereits 114 Fälle der Variante B.1.1.7 und 52 Fälle der Variante B.1.351.

Überblick über die drei besorgniserregenden Mutationen in Deutschland: Daten-Wissenschaftler führt eigene Liste

Neben den offiziellen Daten des RKI gibt es auch eine private Auflistung eines Daten-Analysten, die eindeutiger erscheinen. Wie t-online erstmalig berichtet, verfolgt der Cambridge-Absolvent Cornelius Römer seit Anfang Januar jeden Fall von Mutationen in den Medien und hat darauf basierend eine eigene Übersicht über Mutationsnachweise erstellt.

Vorab: Die Daten haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. So listet Cornelius Römer nur die Fälle auf, die in den Medien publik wurden. Wie er selbst auf Twitter schreibt, wird aber längst nicht von jedem Mutanten-Nachweis berichtet. Dennoch bieten seine Übersichten einen ersten Einblick in die Verbreitung der Virus-Varianten.

So teilt der Analyst beispielsweise auf Twitter eine Übersicht über die bestätigten Fälle von Virus-Mutationen pro 100.000 Einwohner nach Bundesland gelistet:

Twitter/Cornelius Römer: Mutationsnachweise pro 100k Einwohner nach Bundesland (4. Februar)

Wie beschrieben, sind dieses keine offiziellen Daten. Es ist aber eine Mindestanzahl an Fällen, da Cornelius Römer nur die Mutationen aufführt, die in den Medien genannt und die bereits bestätigt wurden – also keine reinen Verdachtsfälle. Eine Übersicht über die genauen Fallzahlen bietet Cornelius Römer in einer eigens angelegten Tabelle.

Corona-Mutationen in NRW – so viele Fälle von Virus-Varianten sind laut Cornelius Römer bislang bestätigt

Nach absoluten Fallzahlen liegt NRW nach den Tabellen von Cornelius Römer weit über denen des RKI. Mit 510 bestätigten Fällen liegt das Bundesland nach seiner Tabelle direkt hinter Baden-Württemberg, das mit 619 Fällen besonders betroffen ist. Von den 510 bestätigten Mutationsnachweisen sind nach den Daten des Wissenschaftlers 380 auf die britische Variante zurückzuführen, 125 auf die Südafrikanische und fünf sind noch unklar (alle Infos zum Coronavirus in NRW auf RUHR24.de).

Nordrhein-Westfalen hat zur besseren Überwachung bereits ein eigenes Projekt gestartet, das Modellprojekt „Molekulare Surveillance von Sars-CoV-2-Varianten in NRW“. Besonders betroffene Bundesländer gehen sogar noch einen Schritt weiter: Sowohl Baden-Württemberg als auch Schleswig-Holstein testen mittlerweile jede positive Corona-Probe auch auf Mutanten.

Den Mutationen auf der Spur: In Nordrhein-Westfalen ist die Stadt Köln Vorreiter

Baden-Württemberg war als erstes Bundesland besonders von den Mutationen betroffen gewesen, in Schleswig-Holstein gibt es aktuell eine größere Verbreitung vor allem in Flensburg. Beide Bundesländer sind jetzt wohl aus dem Schaden klug geworden und testen daher alle Proben. Ebenso die NRW-Stadt Köln, in der es in vier Kitas zu Ausbrüchen von Mutationen kam.

Wie t-online unter Berufung auf das Ärzteblatt berichtet, lassen die Ergebnisse aus Köln eine erste Hochrechnung zu. Demnach seien sechs Prozent aller positiven Kölner Corona-Proben auf britische Mutanten zurückzuführen, weitere drei Prozent auf die südafrikanische Variante.

Auch Cornelius Römer schätzt den Gesamtanteil an Mutanten höher ein als das RKI. Der Analyst geht von einem Gesamtanteil von bis zu 15 Prozent aus. Bleibt also abzuwarten, welche Erkenntnisse die weiteren Sequenzierungen bringen werden.

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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