Expertenmeinungen gehen auseinander

Corona: Doppel-Mutante aus Indien in NRW angekommen – Mediziner beobachten Lage genau

In Indien explodieren aktuell die Corona-Fallzahlen. Mitverantwortlich ist nach Meinung einiger Mediziner eine neue Variante des Virus – genannt B.1.617.

Update, Freitag (30. April), 12.20 Uhr: Inzwischen hat die indische Mutation des Coronavirus NRW erreicht. Laut wa.de wurde die Mutation B.1.617 in Köln nachgewiesen. In der NRW-Stadt soll es bislang zwei Fälle geben. Allerdings geht der Impfstoffhersteller Biontech und Pfizer davon aus, dass ihr Corona-Impfstoff auch gegen die aus Indien stammende Mutation des Coronavirus wirksam ist. Grund dafür sei, dass die Veränderungen der indischen Mutation bereits von anderen Varianten von SARS-CoV-2 bekannt ist, bei denen der Impfstoff ebenfalls funktioniere.

Erstmeldung, Mittwoch (21. April), 11.18 Uhr: Die indische Mutante des Coronavirus hat mittlerweile auch Europa erreicht. Noch ist die Datenlage laut Robert Koch-Institut (RKI) zu gering, um die Gefahr, die von ihr ausgeht, zutreffend einschätzen zu können. Die Meinungen der Mediziner gehen in dieser Hinsicht auseinander – viele sehen allerdings mit Sorge auf diese als „Doppelmutante“ bezeichnete Variante. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft sie daher derzeit als „Variant of Interest“ ein – also als Variante, die unter Beobachtung steht.

CoronavirusSars-CoV-2
InfektionskrankheitCovid-19
Häufige SymptomeHusten, Schnupfen, Fieber, Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns

Indische Corona-Mutante: Karl Lauterbach (SPD) sieht „besondere Gefahr“ für Deutschland

Der in der Corona-Pandemie als Mahner geltende SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt bereits jetzt vor dieser neuen Mutante. Am Samstag (17. April) schreibt er auf Twitter, dass diese Variante „besorgniserregend“ sei.

Grund für seine Einschätzung sind Daten aus Großbritannien. Hier wurden mittlerweile 77 Fälle nachgewiesen und die Anzahl wachse schnell, trotzdem bereits viele geimpft sind, so Lauterbach. Weiter schlussfolgert der Mediziner: Da auch die britische Variante B.1.1.7 nach Deutschland gekommen ist, stelle die indische Doppelmutante „eine besondere Gefahr“ dar.

Corona: Indische „Doppelmutante“ hat zwei Mutationen im Spike-Protein

Mit dem dramatisch klingenden Namen „Doppelmutante“ wird die indische Variante übrigens deswegen betitelt, weil sie zwei Mutationsmerkmale aufweist. Sie sei aber, anders als teilweise fälschlich dargestellt, keine Kreuzung aus zwei Mutanten, stellt Christian Drosten, der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, in seinem Podcast klar.

Die Variante trägt vielmehr zwei Mutationen an einem Oberflächenprotein, die von anderen unter Beobachtung stehenden Linien bekannt sind – E484Q und L452R. Beide Mutationen im Spike-Protein werden damit in Verbindung gebracht, dass sie die Fähigkeit verbessern können, den Immunantworten des Körpers zu entkommen.

Fluchtmutation – britische Mediziner in Sorge vor impfresistenter Mutante aus Indien

Prof. Paul Hunter, Professor für Medizin an der University of East Anglia, mutmaßt daher gegenüber dem Guardian: „Diese beiden Fluchtmutationen, die zusammenarbeiten, könnten viel problematischer sein als die südafrikanischen und brasilianischen Varianten, die nur eine Fluchtmutation haben“.

Das bedeutet: „Die indische Mutante könnte noch weniger durch Impfstoffe kontrolliert werden als die brasilianischen und südafrikanischen Varianten.“ Es seien aber noch weitere Untersuchungen notwendig, um dieses abschließend zu klären.

Indische Mutation: Anders als seine Kollegen – Virologe Christian Drosten sieht keinen Grund zur Sorge

Anders ist die Einschätzung hier von Virologe Christian Drosten. In Folge 82 seines „Coronavirus-Update“ im NDR erklärt er ebenfalls, die indische Variante habe wahrscheinlich einen leichten Immunescape, was bedeutet, dass die Impfstoffe weniger wirksam sein könnten. Aber man könne wohl mit nur geringem Aufwand die Vakzine entsprechend anpassen.

Dementsprechend sehe er „keinen Grund zur Beunruhigung“. Er räumt allerdings ebenfalls ein, dass die neue Mutante in Indien immer häufiger nachgewiesen wird.

Corona: Indische Mutante vermutlich verantwortlich für explodierende Fallzahlen

Wie der Nachrichtensender ntv berichtet, hat das indische Gesundheitsministerium erstmals Ende März vom Auftreten dieser neuen Mutante gesprochen. Experten gehen davon aus, dass sie für die explodieren Fallzahlen mitverantwortlich ist. Denn sie wurde laut Indian Express in 60 Prozent der Tests im stark vom Virus betroffenen indischen Bundesstaat Maharashtra nachgewiesen.

Genau weiß man aber tatsächlich noch nicht, welchen Einfluss die Mutante hat. „Die Anzahl der Proben ist noch sehr gering – daher können wir nicht direkt darauf schließen, dass der Anstieg durch die Variante verursacht wird“, sagte Sujeet Kumar Singh, Direktor der staatlichen indischen Gesundheitsbehörde, laut Bericht von RP Online dem India Express

Indien, Neu Delhi geht in den Lockdown. Das Gesundheitssystem habe seine Grenzen erreicht, erklärte Chefminister Kejriwal.

Coronavirus: Mutante aus Indien auch bereits in Deutschland nachgewiesen

Mittlerweile sei sie auch in Ländern wie Deutschland, Australien, Belgien, Großbritannien, den USA oder Singapur zu finden, berichtet die Deutsche Presse-Agentur (dpa) unter Berufung auf das Robert Koch-Institut (RKI).

Das RKI habe auf Anfrage der dpa mitgeteilt, dass es in Deutschland mittlerweile acht Fälle der Variante B.1.617 gebe. Darüber berichtete auch hna*. Sie stehe hierzulande derzeit unter Beobachtung, für eine Einstufung als „besorgniserregend“ fehle bislang „die entsprechende Evidenz“ (mehr Nachrichten zum Coronavirus in NRW auf RUHR24).

Corona: Dramatische Lage in Indien – Großbritannien zieht Konsequenzen

Fakt ist: Die Lage in Indien ist weiter dramatisch. Am Montag (19. April) wurden mehr als 270.000 Neuinfektionen gezählt. Der britische Premierminister Boris Johnson hat gerade erst einen für Ende April geplanten Besuch in dem asiatischen Land abgesagt, wie mehrere Medien berichten.

Laut Bericht des Guardian hatte Prof. Christina Pagel, Direktorin der Abteilung für klinische operative Forschung am University College London, zuvor auf Twitter vor dem Besuch Johnsons in Delhi gewarnt. Auch sie sieht die Tatsache, dass die Variante in Großbritannien angekommen ist, als „besorgniserregend“ an.

Das Handelsblatt teilt aktuell mit, der britische Gesundheitsminister Matt Hancock wolle Indien auf eine „rote Liste“ setzen. Reisende, die aus Indien nach Großbritannien kommen, müssen in Quarantäne. *hna ist ein Angebot des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Sajjad Hussain/afp

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