„Drinnen lauert die Gefahr“

Masken draußen tragen: Forscher kritisieren Corona-Regel und fordern neue Maßnahmen

Maskenpflicht in Fußgängerzonen, in Parks oder beim Joggen – viele Gemeinden setzen darauf und wollen so das Coronavirus eindämmen. Experten rechnen jetzt mit diesen Regeln ab.

Dortmund – Zu Beginn der Corona-Pandemie war der bei Mund-Nasen-Schutz lediglich in Innenräumen, in Geschäften oder Arztpraxen zu sehen. Inzwischen muss er auch in Fußgängerzonen, in Grünanlagen oder an Flusspromenaden getragen werden. Führende Forscher der Aerosolforschung rechnen jetzt mit diesen Maßnahmen ab.

VereinigungGesellschaft für Aerosolforschung
GründungOktober 1972
Mitgliederaus Industrie, medizinischen Forschungsstätten und Universitäten in aller Welt

Corona in NRW: Städte erlassen auch draußen Maskenpflicht – Kritik von Experten

Viele deutsche Städte haben die Maskenpflicht mit der Zeit immer mehr ausgeweitet. In Dortmund beispielsweise wurde die Pflicht zum Mund-Nasen-Schutz in diesem Jahr auch auf Naherholungsgebiete ausgedehnt, betroffen von der Maskenpflicht sind Parks, Grünanlagen und der beliebte Phoenix See in Dortmund-Hörde. Dabei ist Dortmund nicht allein, auch andere große NRW-Städte sehen es in Pandemie-Zeiten nicht gern, wenn sich viele Menschen zur gleichen Zeit draußen aufhalten.

So hat Düsseldorf ein Verweilverbot für die Rheinuferpromenade erlassen – gehen erlaubt, sitzen und verweilen nicht. Und für die Osterfeiertage haben viele Städte die Regeln angezogen und beliebte Ausflugsziele in NRW direkt gesperrt. Die Angst vor Menschenmassen und einem großen Infektionsgeschehen war zu groß. Doch genau an diesem Vorgehen stoßen sich führende Aerosolforscher aus Deutschland und fordern einen Kurswechsel.

„Symbolische Maßnahmen“ haben keien Auswirkung – Corona-Infektionen finden drinnen statt

In einem offenen Brief fordern die führenden Köpfe der Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten dazu auf, den wissenschaftlichen Erkenntnissen der vergangenen Monate mehr Gehör zu verschaffen.

Bereits im Winter 2020 hätten die Forscher Erkenntnisse darüber sammeln können, dass eine Infektion mit dem Coronavirus außerhalb von geschlossenen Räumen fast unmöglich sei. In dem dazugehörigen Positionspapier hieß es: Eine Covid-19-Infektion sei im Wesentlichen ein Phänomen in Innenräumen und im Außenbereich würden nahezu keine Ansteckungen auftreten. „Leider werden bis heute wesentliche Erkenntnisse unserer Forschungsarbeit nicht in praktisches Handeln übersetzt“, heißt es in dem offenen Brief.

„Symbolische Maßnahmen“ wie eine Maskenpflicht beim Joggen hätten laut der Forscher keine nennenswerten Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen. Denn: „Die Übertragung der SARS-CoV-2 Viren findet fast ausnahmslos in Innenräumen statt. Übertragungen im Freien sind äußerst selten und führen nie zu ‚Clusterinfektionen‘, wie das in Innenräumen zu beobachten ist.“ Zu den besonders von Infektionsrisiko betroffenen Orten würden demnach Altenheime, Wohnheime, Schulen, Veranstaltungen, Chorproben oder Busfahrten zählen.

Corona-Maßnahmen müssen drinnen getrofffen werden –dort lauert die Gefahr

„Es werden Treffen in Parks verboten, Rhein- und Mainufer gesperrt, Innenstädte und Ausflugsziele für den Publikumsverkehr abgeriegelt. Auch die aktuell diskutierten Ausgangssperren müssen in diese Aufzählung irreführender Kommunikation aufgenommen werden“, heißt es weiter. Diese „irreführenden“ Regeln würden dazu führen, dass Bürger und Bürgerinnen ein falsches Bild der Situation hätten.

Laut GAeF hätten viele Menschen die falsche Vorstellung, dass die Gefahr draußen lauert, dabei ist es genau andersherum. „Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass DRINNEN die Gefahr lauert“, schreiben die Experten. Konkret fordern sie, dass Maßnahmen in Wohnungen, in Büros, in Klassenräumen, in Wohnanlagen und in Betreuungseinrichtungen getroffen werden müssen.

Aerosol-Experten fordern Kurswechsel: Corona-Übertragungen effektiv reduzieren

Die Experten für Aerosolforschung kritisieren Bund und Länder für andauernde Debatten über das „Flanieren an Flusspromenaden, den Aufenthalt in Biergärten, das Joggen oder das Radfahren“. Diese Diskussionen hätten nicht zuletzt zu Pandemiemüdigkeit der Menschen beigetragen, denn „nichts stumpft uns Menschen bekanntlich mehr ab als ein permanenter Alarmzustand“.

Daher fordert die GAeF einen Kurswechsel. Statt über Infektionen im Freien (die sich im Promillebereich befinden) zu debattieren, sollten die begrenzten Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden. Die Forscher machen Hoffnung: „Dabei lassen sich durch die kluge Koordinierung von Maßnahmen die Übertragungen effektiv reduzieren.“

In vielen Innenstädten in Deutschland gilt weiterhin die Maskenpflicht – dabei sind Infektionen außerhalb von geschlossenen Räumen sehr selten.

Experten nehmen Regierung an die Hand: Sechs goldene Regeln gegen Corona-Infektionsgeschehen

Dabei liefern die Aerosol-Experten auch gleich sechs goldene Regeln für den besseren Umgang mit dem Infektionsgeschehen in geschlossenen Räumen:

  1. Möglichst wenige Personen verschiedener Haushalte sollten sich in einem geschlossenen Raum aufhalten. Wichtiger Hinweis der GAeF: Ansteckungen können in Innenräumen auch dann stattfinden, „wenn man sich nicht direkt mit jemandem trifft, sich aber ein Infektiöser vorher in einem schlecht belüfteten Raum aufgehalten hat“.
  2. Treffen und Aufenthaltszeiten in geschlossenen Räumen sollten so kurz wie möglich sein.
  3. Durch häufiges Stoß- und Querlüften können Bedinungen wie im Freien geschaffen werden.
  4. Das Tragen von enganliegenden Masken ist in Innenräumen nötig, nicht draußen. „In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen.“
  5. Luftreiniger, die das Infektionsrisiko senken sollen, müssten überall dort installiert werden, wo sich Menschen länger in geschlossen Räumen aufhalten: Wohnheime, Schulen, Alten- und Pflegeheime, Betreuungseinrichtungen, Büros und andere Arbeitsplätze.
  6. Sollten Theater, Konzerte und Gottesdienste wieder zugelassen werden, dann sollten sie in großen Hallen stattfinden. Denn dort ist die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus viel geringer als in kleinen Versammlungsräumen.

Corona-Experten mit dringendem Appell an die Regierung: Mehr Bewegungsfreiheiten für Bürger

Die Aerosol-Experten appellieren an die Regierung: „Die Kombination dieser Maßnahmen führt zum Erfolg.“ Damit würden die Menschen in dieser schweren Zeit ein Stück Bewegungsfreiheit zurückgewinnen (mehr News zum Coronavirus in NRW bei RUHR24).

Zu den Unterzeichnern des offenen Briefs gehören der Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung, Christof Asbach, Generalsekretärin Birgit Wehner und der frühere Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin, Gerhard Scheuch.

Rubriklistenbild: © Lisa Krispin/RUHR24

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