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Hohe Corona-Inzidenz durch mehr Tests? Was an der Aussage dran ist

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt weiter und weiter. Immer wieder taucht die Aussage auf, die aktuelle Teststrategie sei der Grund für die hohen Inzidenzen. Was ist dran an der Aussage?

NRW – Die neue Teststrategie der deutschen Bundesregierung sieht vor, dass sich alle Bürger einmal pro Woche auf das Coronavirus testen lassen können. Das verstärkte Testen ist eine der Maßnahmen, die dabei helfen soll, die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen. Doch trotz vermehrter Corona-Tests gehen aktuell die Inzidenzen durch die Decke. Oder gerade deshalb?

BehördeRobert Koch-Institut (RKI)
Staatliche EbeneBund (Bundesministerium für Gesundheit)
SitzBerlin
Amtierender PräsidentLothar Wieler

Mehr Corona-Fälle - mehr Tests: Gibt es einen Zusammenhang?

In NRW haben inzwischen (Stand. 1. April) bereits fünf Städte bei dem Inzidenzwert wieder die 200er-Marke überschritten (alle aktuellen Entwicklungen im Corona-Ticker auf RUHR24). Das RKI meldet fast täglich über 10.000 Corona-Neuinfektionen. Experten wie Karl Lauterbach (SPD) oder RKI-Chef Lothar Wieler sagen, dass sich Deutschland bereits mitten in der dritten Infektionswelle befindet.

Andere hingehen behaupten, die hohen Corona-Zahlen seien vor allem darauf zurückzuführen, dass derzeit mehr getestet wird. In den sozialen Netzwerken verbreiten sich zudem Aussagen und Sprüche wie „Klar gibt es mehr Corona-Fälle, da mehr getestet wird. Wenn es mehr IQ-Tests gäbe, hätten wir auch mehr Idioten.“ Ganz so einfach ist es allerdings nicht

Hohe Fallzahlen nicht nur mit verstärkten Testungen zu erklären

Eine Sprecherin des Robert Koch-Instituts (RKI) äußerte sich bereits im November gegenüber Correctiv dazu. Sie sagte, es sei unstrittig, dass die Zahl der Tests einen gewissen Einfluss auf die Zahl der positiven Fälle hat. Aber die hohe Infektionszahl hänge nicht nur von der Anzahl der Corona-Tests ab, sondern auch von dem Vorkommen der Infektionen in der Bevölkerung.

Auf der Webseite des RKI heißt es außerdem: „Eine Erhöhung der Zahl durchgeführter Tests kann zu einem Anstieg der Fallzahlen führen, da zuvor unentdeckte Infizierte erkannt werden.“ Aber: „Das heißt aber nicht, dass umgekehrt die beobachteten steigenden Fallzahlen nur mit dem vermehrten Testaufkommen zu erklären wären, geschweige denn mit einem vermeintlich hohen Anteil an falsch-positiven Ergebnissen der PCR-Testung.“

Hohe Corona-Inzidenz: Nur positive PCR-Tests werden einberechnet

Der Hintergrund: Für die 7-Tage-Inzidenz wird berechnet, wie viele Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner innerhalb von einer Woche in einer Region auftreten. Die Schnelltests, die jetzt vermehrt zum Einsatz kommen, werden dabei nicht mit einberechnet, sondern nur, wenn ein positives PCR-Testergebnis vorliegt.

Dennoch liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, dass aufgrund der durch die Schnelltests veränderten Teststrategie mehr Fälle entdeckt werden. Die Zahl der Dunkelziffer dürfte also im Gegensatz zur ersten Welle abnehmen, in der nur Menschen mit Symptomen getestet wurden (mehr Infos zum Coronavirus in NRW auf RUHR24.de).

Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), will negative Test-Ergebnisse in die Statistik einbeziehen.

Um künftig diesbezüglich präzisere Aussagen treffen zu können, ob die Schnelltests doch einen Einfluss auf die Infektionsrate haben, schlug Lothar Wieler vom RKI vor, die Quote der negativen PCR-Tests mit in die Statistik einzubeziehen. Wie die Tagesschau berichtet, kann dadurch ermittelt werden, ob die durch die Schnelltests vorausgewählten Personen, die Zahl der PCR-Test mitbestimmen - sollte die Quote sinken.

Hohe 7-Tage-Inzidenz wegen Schnelltests? RKI sieht keinen Zusammenhang

Ein Blick in den Lagebericht, den das RKI jeden Mittwoch veröffentlicht, bringt weitere Klarheit, ob die Anzahl der Tests mit der Höhe des Inzidenzwertes in Verbindung gebracht werden kann. Denn im Lagebericht wird der Anteil der positiven Corona-Tests sowie die Anzahl der ingsesamt durchgeführten PCR-Tests dokumentiert.

Ein Beispiel: Im Januar, in der zweiten Kalenderwoche des Jahres, wurden 1,18 Millionen PCR-Tests durchgeführt. 124.037 davon waren positiv. Das bedeutet, die Positivrate lag Anfang Januar bei 10.44 Prozent. In der letzten Kalenderwoche vom 31. März wurden 1,4 Millionen Testungen durchgeführt und rund 130.000 waren positiv. Das führt zu einer Positivrate von 9,33. Im Februar lag diese Rate laut den Lageberichten des RKI zwischenzeitlich bei 6,11 bei ebenfalls rund 1,1 Millionen Corona-Tests.

Anzahl der Corona-Tests und Anstieg der Inzidenz: kein direkter Zusammenhang

Diese Positivrate zeigt, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen den hohen Inzidenzwerten und der Anzahl der Tests gibt. Im Januar und auch zum aktuellen Zeitpunkt werden im Schnitt genauso viele PCR-Tests durchgeführt wie im Februar, als die Zahlen niedrig waren – was dafür spricht, dass tatsächlich die Zahl der Neuinfektionen derzeit wieder zunimmt.

Dennoch sollte auch hier beachtet werden, dass noch weitere Parameter bei der Bestimmung der 7-Tage-Inzidenz mit einfließen. So hat sich im Laufe der Pandemie nicht nur die nationale Teststrategie geändert, sondern Engpässe in Laboren und Lieferschwierigkeiten beim Material haben immer wieder für Verzögerungen bei der Meldung der aktuellen Zahlen eine Rolle gespielt. Es wird also deutlich, dass der Anstieg der Zahlen nicht gänzlich getrennt von der Anzahl der Tests betrachtet werden kann. Es alleine aber darauf zurückzuführen ist nicht möglich.

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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