Hohe Akzeptanz in der Bevölkerung

Corona-Vorbild Portugal? Maßnahmen für den Inzidenz-Sprung von Inzidenz 900 auf unter 30

Mit einer Inzidenz knapp unter 900 war Portugal zu Jahresbeginn weltweiter Corona-Hotspot. Aktuell öffnet das Land die Außengastronomie – die Inzidenz liegt bei unter 30.

Portugal – Das einstige Corona-„Sorgenkind“ hat sich zum „Musterschüler“ entwickelt. Lag die 7-Tages-Inzidenz in Portugal im Januar noch bei 880, ist sie aktuell auf unter 30 gesunken. Um das zu erreichen, hat das EU-Land einen klaren Weg verfolgt. Für Experten ist die Entwicklung in Portugal ein eindeutiger Beleg dafür, wie man die Pandemie eindämmen kann (mehr Infos zum Coronavirus in NRW auf RUHR24.de).

Portugalsüdeuropäisches Land auf der Iberischen Halbinsel
HauptstadtLissabon
Staats- und Regierungsformsemipräsidentiell Republik
RegierungschefAntónio Luís Santos da Costa (Premierminister)

Inzidenz von 880 – vor zwei Monaten war Portugal der weltweite Corona-Hotspot

Anfang Februar sorgten die Bilder deutscher Bundeswehrsoldaten in den Medien für Aufsehen, die im stark von Coronavirus betroffenen Portugal zur Unterstützung eintrafen. Mit an Bord des Airbus A400M waren mehrere Dutzend Beatmungs- und Infusionsgeräte, denn daran mangelte es damals in Portugal besonders.

Die Deutsche Luftwaffe trifft in Portugal ein.

Die portugiesische Regierung hatte sich zuvor Hilfe suchend an Deutschland gewandt, denn zu diesem Zeitpunkt war Portugal das am stärksten vom Coronavirus betroffene Land mit erschreckenden Zahlen: Die Sieben-Tage-Inzidenz lag bei 878. So viele Neuinfizierte gab es nirgendwo anders in der Welt.

Dramatische Lage auf den Intensivstationen – das portugiesische Gesundheitssystem stand vor dem Kollaps

Insbesondere die Ausbreitung der ansteckenderen britischen Corona-Mutante B.1.1.7 hatte für dramatische Zustände gesorgt. Das nationale Gesundheitssystem sei am Rande des Zusammenbruchs, vermeldete Portugal bereits Mitte Januar.

Es mangele an Betten für die Intensivpflege und an Pflegepersonal, um die Corona-Patienten zu versorgen. „Das Gesundheitssystem kann dieses Ausmaß an Infektionen nicht handhaben“, sagte Gesundheitsministerin Marta Temido gegenüber dem portugiesischen Sender RTP.

Friedhof in Lissabon: Noch vor zwei Monaten war die Lage in Portugal dramatisch. (Symboldbild)

Coronavirus: Von Inzidenz 900 runter auf 29 – Portugal hat es aus der Krise geschafft

Das Eintreffen der Bundeswehr in Portugal ist nur wenige Wochen her. Rund zwei Monate später liegt die landesweite Inzidenz bei 29. Mittlerweile werden die zu Jahresbeginn errichteten Notkrankenhäuser in Impfzentren verwandelt, wie das ZDF berichtet. Das Land wird damit aktuell für viele Mediziner zum Vorzeigebeispiel im Kampf gegen das Coronavirus.

Anders als beispielsweise in Israel sind es dabei nicht etwa die Impfungen, die Portugal aus der Corona-Krise geführt haben. Denn ebenso wie in Deutschland haben auch die Portugiesen mit Impfstoffknappheit zu kämpfen.

Corona: Kompromissloser Knallhart-Lockdown sorgt für stark sinkende Zahlen

Das Erfolgsrezept ist vielmehr ein knallharter, kompromissloser Lockdown seit Mitte Januar, der die Corona-Zahlen so deutlich senken konnte.

Folgende Einschränkungen mussten die Portugiesen hinnehmen:

  • Strenge Ausgangsbeschränkungen: Das Haus durfte nur aus triftigem Grund verlassen werden.
  • Strenge Homeoffice-Pflicht: Unternehmen müssen belegen, wenn Mitarbeiter nicht von zu Hause arbeiten können. Laut Spiegel-Bericht ist dieses Dekret vom Kabinett sogar bis Jahresende verlängert worden.
  • Gaststätten und Geschäfte – außer für Lebensmittel und den täglichen Grundbedarf – mussten schließen.
  • Auch fast alle Schulen waren ab dem 20. Januar geschlossen.

Corona in Portugal: Harter Lockdown senkt die Neuinfektionen drastisch

Die Ergebnisse sprechen dabei für sich. Mitte Januar 2021 hat der harte Lockdown in Portugal begonnen. Damals meldete Portugal rund 10.000 Neuinfizierte täglich. Die täglichen Neuinfektionen erreichten zwei Wochen später – am 28. Januar – mit mehr als 16.400 Infektionen binnen 24 Stunden ihren Höchstwert.

Seitdem sinken die Zahlen immer weiter, was die Aussage vieler Mediziner unterstützt, dass sich Maßnahmen nach rund zwei Wochen bemerkbar machen. Am 5. April 2021 meldet das Land nur noch 159 neue Fälle.

Nach wochenlangem Corona-Lockdown: Portugal lockert zu Ostern wieder

Die harten Wochen haben sich mittlerweile ausgezahlt: Noch vor Ostern hat das Land mit ersten vorsichtigen Lockerungen begonnen. Seit Montag (5. April) darf die Außengastronomie erstmals nach gut zweieinhalb Monaten wieder öffnen. Einzelhändler dürfen sich einen Tisch in den Eingang stellen und darüber verkaufen.

Ebenso dürfen Museen und Galerien, Straßenmärkte und Fitnesszentren sowie andere Sporteinrichtungen unter strengen Auflagen wieder öffnen. Auch die Schulen waren in Portugal während des harten Lockdowns geschlossen: Für Schüler zahlreicher Jahrgänge gibt es jetzt erstmals seit Wochen wieder Präsenzunterricht. Laut Spiegel-Bericht sollen ab dem 3. Mai dann auch Restaurants mit dem nötigen Distanzkonzept wieder öffnen.

Nach Knallhart-Lockdown: Portugal öffnet wieder die Außengastronomie. (Symbolbild)

Lockerungen unter Auflagen: Die Portugiesen bleiben vorsichtig im Kampf gegen Corona

Allerdings bleibt man dabei weiter vorsichtig. Bis heute gilt ein Reiseverbot fürs Wochenende: Zwischen Freitagnacht und Montagfrüh ist es Portugiesen verboten, den eigenen Landkreis zu verlassen. Wie das ZDF berichtet, durften die Portugiesen auch über Ostern nicht im Land herumreisen.

In geschlossenen öffentlichen Räumen gilt weiter Maskenpflicht. Wenn der Sicherheitsabstand von zwei Metern nicht eingehalten werden kann, müssen die Menschen auch im Freien Maske tragen. Auch die Gastronomie darf zwar wieder öffnen – dabei dürfen aber immer nur vier Personen zusammensitzen.

Keine Kompromisse und trotzdem hohe Akzeptanz – Bevölkerung hält sich an Auflagen

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist die hohe Akzeptanz in der Gesellschaft. Laut Medienberichten gab es in Portugal insgesamt sehr wenig Widerstand gegen die strengen Regeln. Selbst nicht bei Betrieben, die durch die Maßnahmen in ihrer Existenz bedroht waren. So sieht auch Portugals Außenminister Augusto Santos Silva das Mitwirken der Menschen als ausschlaggebend an.

Wie der Spiegel berichtet, habe er betont, es gäbe zwei Gründe für den Erfolg Portugals im Kampf gegen das Virus: „Der erste Grund war, dass ein voller Lockdown im richtigen Moment beschlossen wurde. Der zweite das außerordentliche Mitmachen der Bevölkerung.“

Corona in Portugal: Extremsituation sorgt für Akzeptanz der Maßnahmen

Ein wesentlicher Grund für die Akzeptanz ist wohl, dass die Menschen tief betroffen waren von der Extremsituation in den Monaten von Dezember bis Februar. Regierungschef António Costa sprach damals von einem „gigantischen Druck“, der auf den Krankenhäusern laste. Zu Spitzenzeiten gab es in ganz Portugal laut RND-Bericht nur noch sieben freie Intensivbetten.

Die Lage hatte sich damals vor allem auch deswegen zugespitzt, weil Portugal über vergleichsweise deutlich weniger intensivmedizinische Kapazitäten verfügt als Deutschland. Aber auch hierzulande warnen Intensivmediziner seit Tagen davor, dass sich die Lage zusehends verschärft.

Coronavirus: Deutsche Intensivmediziner warnen aktuell vor „dramatischer“ Situation

So betont der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx am Ostermontag (5. April) in einer Pressekonferenz, man müsse die Lage auf den deutschen Intensivstationen mittlerweile bereits als „dramatisch“ bezeichnen.

Seit dem 27. März sei die Zahl der wegen Covid-19 intensivmedizinisch behandelten Patienten in Deutschland von 2.700 auf mehr als 4.100 angestiegen. Aktuell werden die Rufe nach strengeren Maßnahmen wieder lauter. Nach neuen Umfragen ist sogar die Akzeptanz von Ausgangssperren in der Bevölkerung hoch.

Corona-Pandemie: Portugiesischer Knallhart-Lockdown ein Vorbild für Deutschland?

Auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet spricht sich derzeit für einen harten Brückenlockdown (wie er ihn nennt) aus, um die Zahlen zu senken. Die Politik tut sich aber insgesamt schwer, der coronamüden Bevölkerung weitere Beschränkungen aufzudrücken.

Denn viele Menschen haben die monatelangen Einschränkungen satt. Insgesamt wäre bei einer Verschärfung der Lockdown-Regeln hierzulande daher mit deutlich mehr Widerstand zu rechnen als in Portugal.

Corona-Pandemie im Griff: Portugal wird für Experten zum Musterbeispiel

Viele Mediziner und Virologen fordern hingegen schon länger wieder schärfere Regeln. So spricht sich aktuell beispielsweise neben den Intensivmedizinern auch Virologe Christian Drosten für einen „echten“ Lockdown aus.

Laut SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach könnte Portugal dabei ein Vorbild für Deutschland sein. Auf Twitter schreibt er bereits am 27. März: „Portugal hat durch einen kurzen harten Lockdown B117 besiegt und bisher keinen Rückfall. War vorher Hotspot der Welt. Ausgangssperren in allen stärker betroffenen Regionen waren ein zentraler Bestandteil.“

Rubriklistenbild: © Patricia de Melo Moreira/AFP

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