Erkenntnisse zur Virus-Gefahr

Corona: Infektionen über Oberfläche – neue Studie macht viele Maßnahmen obsolet

Coronavirus
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Coronavirus unter dem Mikroskop. (Symbolbild)

Bloß nichts anfassen, um sich nicht zu infizieren: Laut neuen Erkenntnissen der US-Seuchenschutzbehörde könnte diese Vorsichtsmaßnahme unsinnig sein.

Deutschland – Seit Beginn der Pandemie gehören Desinfektionsmittel zum Alltag dazu. Wir desinfizieren dabei nicht nur unsere Hände, sondern auch die Griffe von Einkaufswagen und andere Gegenstände. Hintergrund dieser Maßnahmen ist die Tatsache, dass es – insbesondere in den ersten Pandemie-Monaten – einige Studien gab, die darauf hindeuten, dass die Gefahr einer Ansteckung über Oberflächen groß ist. Das könnte ein verbreiteter Irrtum sein, betonen Forscher der US-Seuchenschutzbehörde aktuell (mehr News zum Coronavirus in NRW auf RUHR24).

CoronavirusSars-CoV-2
InfektionskrankheitCovid-19
Häufige SymptomeHusten, Fieber, Schnupfen, Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns

Ansteckungs-Gefahr: Studien zeigen 2020 mögliche Infektion über Oberflächen auf

Im April 2020 suchten Forscher an der Ruhr-Universität Bochum eine Antwort auf die Frage, wie lange das Coronavirus auf Oberflächen überleben kann. Die damalige Erkenntnis der deutschen Wissenschaftler lautete: Bei Raumtemperatur könnte das Virus bis zu neun Tage auf Oberflächen überleben.

Bereits im März 2020 waren US-Experten zuvor zu einem ähnlichen Schluss gekommen: Das Virus könne bis zu 24 Stunden auf Karton und bis zu drei Tage auf Plastik und rostfreiem Stahl überleben, hieß es in der entsprechenden Studie.

Corona: Alarmierende Ergebnisse zum Überleben des Virus auf Oberflächen

Die australische Wissenschaftsbehörde Csiro veröffentlichte im Jahr 2020 sogar noch alarmierendere Ergebnisse. Bis zu 28 Tage könne das Coronavirus auf glatten Oberflächen überleben, so die These. Insbesondere diese Studie war es, die dazu geführt hatte, dass fortan immer mehr Gegenstände im Alltag desinfiziert wurden.

So wurden Spielzeuge aus Wartezimmern von Kinderärzten entfernt, Desinfektionsmittel für Einkaufswagen aufgestellt oder Gemeinschaftsbücher in Schulen nach jeder Anwendung mit Desinfektionsmittel besprüht.

Video – Studie: Coronavirus überlebt auf glatten Oberflächen bis zu 28 Tage

Alles Maßnahmen, die der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, schon damals für überflüssig hielt. Denn, so Reinhardt, eine Ansteckung sei insbesondere über den Luftweg und nicht über Schmierinfektion möglich.

Corona: Neue Erkenntnisse – US-Behörde schätzt Risiko kontaminierter Flächen gering ein

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt jetzt auch das US-amerikanische Center for Disease Control and Prevention (C.D.C.). So schlussfolgert die US-Seuchenschutzbehörde nach neuesten Erkenntnissen, dass das Risiko, sich über Oberflächen zu infizieren, sehr gering sei. Es läge lediglich bei 1:10.000.

Laut Bericht der New York Times habe die Direktorin des C.D.C, Dr. Rochelle Walensky, bei einem Briefing im Weißen Haus zwar weiterhin betont, dass es möglich sei, sich über Oberflächen anzustecken, sie habe aber eingeräumt, dass das tatsächlich nicht wahrscheinlich sei.

Die Direktorin der US-Seuchenschutzbehörde (C.D.C), Dr. Rochelle Walensky

US-Forscher: Niemand hat sich jemals nachweislich über kontaminierte Oberfläche infiziert

Führende US-Wissenschaftler wie Linsey Marr, Expertin für Viren in der Luft, hätten daraufhin betont, dass zahlreiche Forscher diese Erkenntnis bereits seit Längerem teilten. Marr geht dabei noch weiter: „Es gibt wirklich keine Beweise dafür, dass sich jemals jemand mit Covid-19 durch Berührung einer kontaminierten Oberflächen infiziert hat“, so die Forscherin.

So habe sich in den Monaten der Pandemie gezeigt, dass sich das Coronavirus wirklich über die Luft verbreitet – und dementsprechend sei auch das Desinfizieren von Türgriffen und U-Bahn-Sitzen wenig sinnvoll.

Corona: Ansteckungs-Gefahr über Gegenstände – US-Seuchenschutzbehörde ändert Richtlinien

Die US-Seuchenschutzbehörde hat auf Basis ihrer neuen Erkenntnisse am 5. April ihre Richtlinien zur Oberflächenreinigung aktualisiert. In den Richtlinien heißt es nun, dass es ausreiche, Oberflächen wie gehabt mit Wasser und Seife zu reinigen.

Flächen in Bahnen, Bussen oder Schulen müssten nicht mehr coronabedingt desinfiziert werden. So betont Donald Milton, Aerosolwissenschaftler an der University of Maryland, laut Bericht der New York Times, es sei „nicht hilfreich, viel zu sprühen und Chemikalien zu versprühen.“

Coronavirus: US-Behörden halten Desinfektion nur in seltenen Fällen sinnvoll

Eine Desinfektion von Oberflächen in Geschäften, Bussen oder anderen öffentlichen Räumen empfiehlt die US-Seuchenschutzbehörde nur noch dann, wenn sich dort nachweislich ein Infizierter aufgehalten hat. Dr. Walesky erklärt während des Briefings im Weißen Haus Anfang April 2021: „Die Desinfektion wird nur in Innenräumen empfohlen – in Schulen und zu Hause –, in denen innerhalb der letzten 24 Stunden ein Verdacht auf oder ein bestätigter Fall von Covid-19 aufgetreten ist.“

Die neuen Richtlinien gelten dabei nicht für Gesundheitseinrichtungen. Weiterhin betonen die Forscher außerdem, dass es wichtig sei, sich gründlich die Hände zu waschen sowie die Abstandsregeln einzuhalten.

Infektionsgefahr durch kontaminierte Oberflächen – das sagen RKI und BfR

Das Robert Koch-Institut (RKI) macht übrigens keine genauen Angaben zum Risiko einer Infektion über Oberflächenkontakt. Dort heißt es lediglich, „eine Übertragung durch kontaminierte Oberflächen ist insbesondere in der unmittelbaren Umgebung der infektiösen Person nicht auszuschließen.“

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schließt eine Infektion über Oberflächen weiterhin nicht aus. Vonseiten des Instituts heißt es aber auch, es sei bislang kein Fall nachweislich bekannt, in dem sich jemand über kontaminierte Oberflächen angesteckt habe.

Auch das BfR sieht daher „keine Notwendigkeit“, Türgriffe und andere Dinge im Privatbereich zu desinfizieren. Ausgiebiges Händewaschen mit Seife sowie die regelmäßige Reinigung von Oberflächen und Türklinken mit haushaltsüblichen tensidhaltigen Wasch- und Reinigungsmitteln schütze ausreichend vor einer möglichen Schmierinfektion, heißt es auf der Seite des Instituts.

Fazit nach einem Jahr Pandemie: Das sagen Wissenschaftler zur Gefahr durch kontaminierte Flächen

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass die meisten Wissenschaftler eine solche Schmierinfektion über kontaminierte Oberflächen grundsätzlich für möglich halten. Das Risiko wird aber nach mehr als einem Jahr Pandemie als sehr gering eingeschätzt.

So gibt es nach Aussagen der Forscher bislang keinen belegten Fall, in dem eine Übertragung des Virus über eine kontaminierte Oberfläche stattgefunden hat. Die durch Studien zu Beginn der Pandemie befeuerte Angst, man könne sich so leicht auch über Türgriffe oder andere Flächen infizieren, hat sich nicht bewahrheitet.

Bestätigt hat sich hingegen, dass die Übertragung über die Luft das Coronavirus verbreitet. Dementsprechend sind Abstands- und Hygieneregeln nach Meinung der Experten weiterhin sinnvoll. Das Desinfizieren sämtlicher Oberflächen halten viele Forscher aber mittlerweile für überflüssig.

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