Immer mehr Kinder krank

Corona: Familien senden mit #Elternimpfen verzweifelten Hilferuf

In den sozialen Medien wird unter dem Hashtag #Elternimpfen gerade hitzig diskutiert, ob Mütter und Väter früher geimpft werden sollen. Viele Eltern fühlen sich im Stich gelassen.

Deutschland – Viele Eltern trifft die Corona-Pandemie besonders hart. Für zahlreiche Familien stellt sich insbesondere in der jetzigen Phase der Pandemie ein Gefühl der Perspektivlosigkeit ein. In den sozialen Medien fordern daher immer mehr Eltern und auch Mediziner, dass Mütter und Väter früher gegen das Coronavirus geimpft werden.

CoronavirusSars-CoV-2
InfektionskrankheitCovid-19
Häufige Symptome (unter anderen)Husten, Fieber, Schnupfen, Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns

Corona-Pandemie: Perspektivlosigkeit unter Familien wird immer schlimmer

Neben den Schul- und Kitaschließungen sind es vor allem fehlende Freizeitbeschäftigungen für die Kinder, die an den Nerven zerren. Denn die Tatsache, dass Kinder seit über einem Jahr auf Geburtstagsfeiern, Sportvereine, Zoobesuche oder Ähnliches verzichten müssen, macht viele Eltern traurig. Oftmals fehlt ihnen zugleich die Zeit, sich anständig mit den Kindern zu beschäftigen. Denn viele sind schließlich berufstätig (Infos zum Coronavirus in NRW auf RUHR24).

Das hat zur Folge, dass Kinder, die sonst oftmals ab ihrem zweiten Lebensjahr in der Kita sind, seit Monaten zuhause sitzen – neben Eltern, die am Rechner beschäftigt sind. Die Situation in Schulen und Kitas ist und bleibt jedoch weiter chaotisch – keiner kann wirklich einschätzen, wie es weitergeht.

Ein zusätzliches Problem für Familien: Während sich langsam ein Impffortschritt abzeichnet und offen von führenden Politikern über Privilegien für Geimpfte diskutiert wird, ist für Kinder noch nicht einmal Vakzin zugelassen.

Corona bei Kindern: Immer mehr Jüngere sind krank, einen Impfstoff gibt es für sie nicht

Das hat gute Gründe, schließlich müssen Impfstoffe für Kinder besonders sorgfältigen Prüfungen unterzogen werden. So durchläuft beispielsweise der Impfstoff von Biontech/Pfizer derzeit erste Studien auch an kleineren Kindern. Fakt ist aber: Bis es EU-weit einen Impfstoff für Kinder geben wird, kann es noch dauern.

Gleichzeitig gibt es unter Kindern immer mehr Neuinfektionen. In der Gruppe der 15- bis 19-Jährige liegt die Inzidenz im aktuellen Bericht des RKI vom 20. April bei 270 – und damit so hoch wie in keiner anderen Altersgruppe. Und auch bei jüngeren Kindern steigen die Fälle. So sind die Inzidenzen bei den 0- bis 4-Jährigen seit Anfang März von 60 auf 127 gestiegen – bei den 4- bis 9-Jährigen von 73 auf 184. Galten Kinder lange Zeit als weniger gefährdet, sehen immer mehr Mediziner mit Sorge auf die zunehmenden Fallzahlen.

Covid-19: Auch Kinder leiden unter Langzeitfolgen

Zwar haben Kinder weiterhin insgesamt weniger schwere Verläufe im Falle einer Covid-19-Erkrankung als Ältere, aber auch hier treten in seltenen Fällen Komplikationen auf durch die sogenannte PIMS-Krankheit. Dabei handelt es sich um ein durch Covid bedingtes Entzündungssyndrom, das schwere Verläufe haben kann.

In Großbritannien gibt es mit Long-Covid-Kids eine Interessengruppe, die betroffenen Eltern eine Lobby gibt. Und in Schweden, das von Schul- und Kitaschließungen gänzlich abgesehen hat, gibt es im Astrid-Lindgren-Krankenhaus in Stockholm eine ganze Langzeit-Covid-Station für Kinder.

Mehr Neuinfektionen unter Kindern – einige Eltern fordern unter #Elternimpfung Priorisierung

Durch die zunehmenden Neuinfektionen unter Kindern sind zugleich auch Eltern stärker gefährdet als zuvor. Daher sprechen sich zahlreiche Eltern, aber auch Mediziner bei Twitter unter dem Hashtag #Elternimpfen für eine Priorisierung von Müttern und Vätern aus.

Angeheizt wird die Debatte durch einen Artikel der Soziologin Michaela Mahler mit dem provokanten Titel „Eltern sind der letzte Rest“. Ihre Forderung: Eltern minderjähriger Kinder sollten priorisiert werden, denn sie seien „per se pflegende Angehörige“. Sie könnten sich nicht schützen und keinen Abstand halten. Auch dann nicht, wenn Schulen offen haben.

Corona: Die Fallzahlen bei Kindern steigen. (Symbolbild)

#Elternimpfen – Kein „Vordrängeln“, aber Eltern sollen insgesamt mehr Beachtung finden

Mahler geht es nicht darum, dass Eltern sich vordrängeln vor Risikogruppen. „Aber sie sollten innerhalb ihrer Priorisierungsgruppe mehr wahrgenommen werden“, so die Soziologin. Sie kritisiert, dass Eltern stattdessen aber zur Restgruppe zählen, berichtet auch die Frankfurter Rundschau.*

Ein weiteres Argument der Befürworter von schnelleren Impfungen für Eltern: Auch Lehrerkräfte und Erzieher wurden ohne große Diskussion in der Impf-Priorisierung vorgezogen. Und zwar zum Schutz der Kinder – aber insbesondere auch zu ihrem eigenen Schutz.

Impfungen von Eltern – auch Lehrer wurden in ihrer Gruppe bereits vorgezogen

Die Soziologin Michaela Mahler kommt daher zu dem Schluss, dass der gleiche Maßstab auch für Eltern gelten müsse. Denn sie trügen gleichsam zum Infektionsgeschehen in Schulen bei.

Mehr noch als die Lehrer seien sie außerdem ein Bindeglied zwischen Kindern und Gesamtgesellschaft. Denn Eltern könnten auch Infektionen weiterverbreiten – beispielsweise in Büros –, die aus den Schulen und Kitas in ihre Haushalte gelangten.

#Elternimpfen geht viral – auch Karl Lauterbach mischt sich ein

Damit findet sie auf Twitter viel Zuspruch, denn viele Eltern fühlen sich in ihrer aktuellen Situation von der Politik im Stich gelassen. Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mischt sich in diese Diskussion ein.

Er sieht mit fortschreitender Impfkampagne eine zunehmende Gefahr für Familien: „Wenn Ältere geimpft sind, gehen Eltern durch große Ausbrüche mit ihren Kindern voll ins Risiko“, meint der Mediziner.

Eltern früher gegen Corona impfen: Bundesfamilienministerin für „Cocon-Strategie“

Tatsächlich hatte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey bereits am 14. Januar auf einer Pressekonferenz davon gesprochen, dass Kinder mit einer „Cocon-Strategie“ geschützt werden sollten. Da sie nicht selbst geimpft werden können, sollten „alle Erwachsenen, die um Kinder herum sind, auch einen entsprechenden Impfschutz, so schnell es irgend geht, haben können“.

Diese Forderung wurde bislang nicht weiterverfolgt. Wie BR24 berichtet, spricht sich aber auch Grünen-Landtagsabgeordnete dafür aus. Wenn man Eltern früher impfen würde, würde sich immerhin eine Art Kokon bilden, so Haubrich.

Soziologin Michaela Mahler: Eltern nicht „systemrelevant“ – Pandemie zeigt geringe Wertschätzung auf

Soziologin Michaela Mahler geht es dabei aber nicht nur um einen besseren Schutz von Familien in der Pandemie. Vielmehr kritisiert sie zugleich, die fehlende Wertschätzung von Eltern in der Gesellschaft. So würden „systemrelevante“ Berufsgruppen bei der Impfung vorgezogen. Dass Eltern bei dem Begriff „systemrelevant“ nicht mitgemeint seien, zeige ein Problem auf, dass schon vor Corona bestand – und das „durch die Pandemie nun an die Oberfläche gespült“ werde.

Die Care-Arbeit von Eltern werde in unserer Gesellschaft nicht als gleichwertige Arbeit wahrgenommen und daher auch nicht entlohnt, so die Soziologin. Stattdessen würde es von vielen als Privatvergnügen angesehen, Kinder zu bekommen – schließlich, so die Meinung vieler, habe man sich das Elternsein ja selbst ausgesucht. Dass Kinder und Familien auch aus volkswirtschaftlicher Sicht eine wichtige Rolle spielen, werde dabei vergessen. *Die Frankfurter Rundschau ist ein Angebot des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © INA FASSBENDER

Mehr zum Thema