Zu früh gefreut?

Corona-Impfstoff in Deutschland: Virologe Drosten bremst Euphorie um Impfungen

Impfstoff da – Corona vorbei? Ganz so einfach ist es nicht. Christian Drosten dämpft die Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Covid-19-Pandemie.

Berlin – „In einer Zeit, wo viele von uns schon in der Hoffnung auf den Impfstoff waren, schon das Ende der Krise erwarteten, kommt es nun zur bisher größten Bewährungsprobe.“ Nicht als erster und mutmaßlich auch nicht als letzter Politiker versuchte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) gleich zu Beginn der Pressekonferenz zu den Corona-Beschlüssen am Sonntag (13. Dezember) die Bevölkerung mit der Aussicht auf einen Impfstoff und ein baldiges Ende der Pandemie in den kommenden Wochen und Monaten zur Zurückhaltung zu bewegen.

VirologeChristian Drosten
Geboren12. Juni 1972 (Alter 48 Jahre), Lingen (Ems)
ArbeitgeberCharité in Berlin
AmtInstitutsdirektor Virologie

Christian Drosten kritisiert „verzerrte Wahrnehmung“ zum Corona-Impfstoff

„Ein letztes Mal die Zähne zusammenbeißen“ – das war das Narrativ der vergangenen Tage und Wochen. Hält es tatsächlich, was es verspricht? Charité-Virologe Christian Drosten (48) sieht Deutschland trotz der zu erwartenden baldigen Verfügbarkeit vielversprechender Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna noch lange nicht am Ende der Corona-Pandemie (alle Entwicklungen im NRW-Ticker).

Im NDR-PodcastCoronavirus-Update“ kritisiert Christian Drosten, dass in der Öffentlichkeit eine „verzerrte Wahrnehmung“ zu den bevorstehenden Corona-Impfungen in Deutschland entstanden sei. Dafür seien „sicherlich“ auch die Erfolgsmeldungen aus der Politik verantwortlich.

Christian Drosten moniert eine „verzerrte Wahrnehmung“ zum Corona-Impfstoff.

Es sei ein bisschen „unter den Tisch gefallen, über welche Mengen und Zeithorizonte man da eigentlich spricht“. Laut Christian Drosten werde es bis Ende Januar nicht so sein, dass schon ganz viele Leute in der Bevölkerung gegen das Coronavirus (SARS-CoV-2) geimpft sind. „Diese zeitlichen Vorstellungen werden so einfach nicht zu erfüllen sein.“

Corona-Impfstoff: Virologe Christian Drosten warnt vor drohendem Problem im Sommer

Die zuletzt um „C“ und „L“ ergänzten „AHA-Regeln“ müssen weiterhin eingehalten werden. Zudem macht der Chefvirologe der Berliner Charité deutlich, dass die derzeit in Aussicht stehenden Lieferzahlen der Impfstoffe die „pandemische Ausbreitung“ des Coronavirus nicht unterbrechen werden. Tatsächlich könnten im Sommer sogar weitere gesellschaftliche Schwierigkeiten auftreten.

„Wir werden zu irgendeinem Zeitpunkt im Sommer eine Situation haben, in der man vielleicht konstatieren kann, diejenigen, die ein sehr hohes Risiko haben und die sich impfen lassen wollten, die sind jetzt geimpft.“ Ab diesem Zeitpunkt, so prognostiziert Christian Drosten, werde es sehr schwierig, die Akzeptanz für die Corona-Maßnahmen aufrechtzuerhalten.

Corona: Christian Drosten warnt vor „anderer Art von Intensivpatienten“ im Sommer

„Die Bevölkerung besteht nicht nur aus Risikopatienten, sondern die besteht auch aus der Wirtschaft und alle müssen zu ihrem Recht kommen. Da wird man auch Veranstaltungen nicht mehr blockieren oder in der Teilnehmerzahl reduzieren können“, so der 48-Jährige. Man werde in Deutschland in eine Situation kommen, in der die Infektionen in der Bevölkerung „in großem Maße laufen“.

Laut Christian Drosten werde man dann in einer Bevölkerungsgruppe große Infektionszahlen sehen, wo es sie jetzt noch gibt – in der normalen, jüngeren Bevölkerung ohne Risikofaktoren. Das werde auch zu einem veränderten Bild auf den Intensivstationen führen. „Wir werden dann eine andere Art von Intensivpatienten sehen. Nämlich diejenigen, die aus voller Gesundheit, vollkommen überraschend einen schweren Verlauf bekommen haben.“

Bis dahin müsse man für diese Patienten noch etwas Weiteres bereithalten: bessere und pharmazeutische Ansätze für die Behandlung der schweren Erkrankung bei diesen Nicht-Risikopatienten.

Ein vollends düsteres Corona-Bild will Christian Drosten aber nicht zeichnen. „Natürlich wird die aktive Impfung dann weitergehen und es wird dadurch immer mehr zum Stillstand kommen, durch eine Kombination zwischen Durchinfizierten und Geimpften.“

Rubriklistenbild: © Christophe Gateau/dpa

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