Der Weg zur Herdenimmunität

Virologe Alexander Kekulé gibt überraschende Impf-Prognose für Deutschland

Wie lange dauert es bis zum Ende der Coronavirus-Krise? Virologe Alexander Kekulé überrascht mit seiner Impf-Prognose für Deutschland.

Dortmund – Auf der Suche nach einem wirksamen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus (SARS-CoV-2) haben die Pharmaunternehmen AstraZeneca, Biontech, Pfizer und Moderna vielversprechende Zwischenergebnisse vorgelegt. Biontech, Pfizer und Moderna reichten am Montag (30. November) einen Antrag auf Zulassung bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur Ema ein. Die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Corona-Pandemie wächst – zu Recht?

VirologeAlexander Kekulé
Geboren7. November 1958 (Alter 62 Jahre), München
LehrstuhlinhaberMedizinische Mikrobiologie und Virologie
HochschuleMartin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Coronavirus: Impfstoff-Entwicklung nur ein kleiner Schritt Richtung Ende der Covid-19-Pandemie

Dass es gelingen würde, einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 zu entwickeln, ist keine wirkliche Überraschung. Christian Drosten (48), Chefvirologe der Berliner Charité, sagte dazu bereits im Oktober: „Es ist nicht so ganz schwierig, gegen Coronaviren Impfstoffe zu machen. Das wissen wir aus der Veterinärmedizin mit reichlicher Erfahrung.“

Schwieriger gestaltet sich indes die logistische Herausforderung, auf dem Weg zur Herdenimmunität einen Großteil der Bevölkerung in kürzester Zeit zu impfen. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) brachte seinen Respekt vor diesem „anspruchsvollen Mammut-Projekt“ unmissverständlich zum Ausdruck. „Wir haben richtig Manschetten vor dieser Aufgabe. Das hat noch nie ein Minister machen müssen, ein ganzes Volk zu impfen.“

Hat „richtig Manschetten“ vor der Corona-Impfung: NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann

Corona: Wie lange dauert die Impfkampagne gegen SARS-CoV-2 in Deutschland?

Eine einheitliche Antwort auf die Frage, wie lange der Corona-Impfprozess in Deutschland letztlich dauern wird, sucht man dieser Tage vergeblich. Verschiedenste Parameter wie das Zulassungsverfahren, die bereitgestellten Impfdosen, die Verteilung jener und das Personal spielen eine Rolle. Dazu fehlen schlicht Erfahrungswerte – vergleichbare Vorhaben hat es bislang nicht gegeben.

Matthias Schrappe (65), Internist an der Uni Köln, rechnete den Zeitungen der Funke Mediengruppe vor, dass der Impfprozess gegen das Coronavirus (alle Entwicklungen im NRW-Ticker) mehrere Jahre dauern werde. In einer Modellrechnung gingen er und seine Kollegen von 60 Millionen Menschen aus, die geimpft werden müssten und von 60.000 Impfdosen, die pro Arbeitstag verabreicht werden. Dann werde die Impfung aller Menschen 1000 Arbeitstage dauern.

Corona: Virologe Alexander Kekulé hält Impfkampagne in Deutschland für „zu sportlich“

Besonders detaillierte Pläne zur bevorstehenden Corona-Impfung hat das Land Baden-Württemberg vorgestellt. Den Berechnungen zufolge wären von Mitte Januar an landesweit rund 1,3 Millionen Impfungen pro Monat möglich. Erweisen sich die getroffenen Annahmen als richtig, würde es circa elfeinhalb Monate dauern, bis Baden-Württemberg die Schwelle zur Herdenimmunität erreicht – also ungefähr zum Jahresanfang 2022.

Virologe Alexander Kekulé (62) glaubt nicht, dass die Corona-Impfkampagne in Deutschland ein bis zwei Jahre dauern wird und auch die Darstellung der Politik bezeichnete der 62-Jährige im MDR-Podcast als „zu sportlich“. „Jetzt werden schon Impfzentren aufgebaut, das Deutsche Rote Kreuz übt schon mal, wie man eine Spritze hält. Man muss sich vor Augen halten, dass dieses Jahr erstmal nur wenige Dosen verimpft werden, und zwar an die Risikogruppen, die hauptsächlich im Altersheim sind. Da braucht man keine Impfzentren.“

Alexander Kekulé zur Corona-Impfung: „Glaube schon, dass wir das bis nächsten Sommer schaffen“

Erst 2021 würde es dann richtig losgehen. „Wir brauchen eine Immunität von etwa 50 Prozent, damit es einen deutlichen Effekt bei den Infektionszahlen gibt. Ich glaube schon, dass wir das bis nächsten Sommer schaffen werden. Vielleicht wird es im Juli sein, aber wir werden im nächsten Sommer einen deutlichen Effekt sehen.“

Für Alexander Kekulé ist derweil die Verfügbarkeit ausreichender Impfdosen das große Fragezeichen. „Das weiß keiner, die Hersteller haben sich nicht geoutet. Deshalb würde ich dafür plädieren, sich natürlich darauf vorzubereiten. Wenn der Impfstoff kommt, dann muss der verimpft werden. Aber sicherlich werden die ersten Millionen in den Altersheimen und Pflegeheimen verimpft, dann kommt das medizinische Personal und erst dann braucht man eigentlich diese riesigen Impfzentren mit einem Massendurchsatz von 5000 pro Tag.“

Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (l.) und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (r.) lassen sich in einem Impfzentrum in Ulm den Ablauf einer Impfung demonstrieren.

Eigentlich, so Kekulé, müsste man „jetzt nicht so auf die Tube drücken“. Der Virologe sieht darin mehr eine politische, denn eine epidemiologische Maßnahme. „Die Politik verlangt der Bevölkerung in einem weiteren Lockdown jetzt eine Menge ab und da möchte man das Licht am Ende des Tunnels natürlich so plastisch wie möglich darstellen und deshalb gibt es diese Fotos von Politikern in Impfzentren.“

Rubriklistenbild: © Stefan Puchner/dpa

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