Explosionsartige Neuinfektionen

"Coronavirus in Europa außer Kontrolle": Virologe Kekulé schlägt Alarm für Deutschland

Die Corona-Infektionen steigen stark an. Vor allem in Spanien und Frankreich nimmt die Pandemie erneut Fahrt auf. Alexander Kekulé ist alarmiert.

Dortmund – Ebenso nüchtern wie unmissverständlich erklärt Virologe Alexander Kekulé (61) in der aktuellen Folge des MDR-Pocasts "Kekulés Corona-Kompass", in was für eine prekäre Lage Frankreich und Spanien gegenwärtig hineinschlittern. "In Europa ist das Virus außer Kontrolle, das ist ganz offensichtlich. Ich glaube, das weder Frankreich noch Spanien das kurzfristig wieder eingefangen bekommen."

Coronavirus in Spanien und Frankreich "außer Kontrolle" – über 20.000 Neuinfektionen am Wochenende

Es genügt ein Blick auf die aktuellen Fallzahlen in den beiden europäischen Ländern, um zu verstehen, warum der Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zu dem Schluss kommt. Am Wochenende hat es sowohl in Frankreich als auch in Spanien laut Johns Hopkins University (JHU) über 20.000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus (SARS-CoV-2) gegeben.

Die Bilanz zum Start in die Woche fiel nicht weniger besorgniserregend aus. In Frankreich gab es am Dienstag (15. September) über 8.000 neue Fälle, in Spanien über 9.000. Zum Vergleich: In Deutschland lag die Zahl der Neuinfektionen am Dienstag laut JHU bei rund 1.800. Über 2.000 neue Fälle an einem Tag hat es den Daten der amerikanischen Spitzenuniversität zufolge in Deutschland letztmals im April gegeben (alle Service-Artikel auf Ruhr24.de).

Coronavirus: Virologe Alexander Kekulé bei Maßnahmen in Spanien und Frankreich skeptisch

Gewiss haben die Regierungen der Länder den Ernst der Lage erkannt und reagieren auf das erhöhte Infektionsgeschehen. Alexander Kekulé ist sich jedoch sicher, dass die ergriffenen Maßnahmen nicht reichen werden, um das Coronavirus (alle Entwicklungen im NRW-Ticker) wieder einzudämmen.

"Sie versuchen kleinere Schließungen zu machen, Kontakt ab Abends zu reduzieren, es geht um die Maske und den Abstand. Das sind aber alles Methoden, die nur dann funktionieren, wenn die Zahl der Infizierten im Land ein gewisses Maximum nicht überschreitet. Sonst kriegen sie einfach immer durch die Restinfektionen, die bei jeder Maßnahme möglich sind, eine explosionsartige Vermehrung der Fälle", so der 61-Jährige im MDR-Podcast.

Virologe Alexander Kekulé klärt seit Beginn der Pandemie regelmäßig im MDR-Podcast über die Entwicklungen zu SARS-CoV-2 auf.

Alles, was kein Lockdown ist, sei laut Kekulé ein durchlässiges System – ein Kessel mit Löchern. "Und wenn wahnsinnig viel Wasser in dem Kessel ist, dann funktioniert diese Methode nicht."

Coronavirus: Alarmierende Zahlen aus Spanien und Frankreich – muss sich Deutschland fürchten?

Sind die Entwicklungen in den westeuropäischen Staaten als Warnung für Deutschland zu verstehen? Bislang ist man hierzulande relativ glimpflich durch die Corona-Pandemie gekommen. Die New York Times titelte im April sogar von "A German Exception" – also einer "deutschen Ausnahme" mit Blick auf die Folgen des Coronavirus.

"In Deutschland waren wir auch kurz in dieser exponentiellen Phase, also Phase drei einer Pandemie, wo die Fälle plötzlich schlagartig steigen. Von da aus muss man möglichst schnell wieder in die Phase zwei kommen, wo die Gesundheitsämter eine Chance haben, die Fälle nachzuverfolgen", sagt Alexander Kekulé.

Gegenwärtig befinde man sich in Deutschland noch in dieser zweiten Phase. "Aber wenn das komplett aus dem Ruder gerät, haben wir natürlich keine andere Möglichkeit als einen Lockdown. Oder wir schauen einfach zu, wie die Leute infiziert werden. Aber ich glaube nicht, dass das politisch akzeptiert wird."

Rubriklistenbild: © Jean-Francois Badias/AP/dpa

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