Wenn zu früh gelockert wird

Corona-Prognose für den Sommer: Drosten warnt vor 100.000 Neuinfektionen pro Tag

Der Virologe Christian Drosten warnt vor verfrühten Lockerungen. Auch wenn die Impfrate steigt, sei eine dritte Infektionswelle nicht ausgeschlossen.

Berlin – Seit rund einem Jahr müssen wir uns mit dem Coronavirus, mit Lockdowns, mit Infektionsraten und leider auch Todesfällen beschäftigen. Und wir werden uns noch eine Weile damit beschäftigen müssen. Denn lassen wir jetzt locker, kann es noch dicker kommen, das prophezeit der Virologe Christian Drosten (48) von der Berliner Charité.

VirologeChristian Drosten
Geboren12. Juni 1972
ArbeitgeberCharité – Universitätsmedizin Berlin

Virologe Christian Drosten warnt vor 100.000 Corona-Neuinfektionen pro Tag

In einem Interview mit dem Spiegel warnte der Virologe nämlich vor einer dritten, noch viel verheerenderen Infektions-Welle. Dort sagt er: „Dann haben wir Fallzahlen nicht mehr von 20.000 oder 30.000, sondern im schlimmsten Fall von 100.000 pro Tag.“ Dieses Horror-Szenario könnte eintreten, wenn Maßnahmen zu früh gelockert werden.

Werden die Maßnahmen zu früh gelockert, werde auch der Sommer nichts mehr daran ändern können, dass die Fallzahlen explodieren werden. Die niedrigen Fallzahlen im vergangenen Sommer seien laut Drosten eher darauf zurückzuführen, dass die Zahlen im Frühjahr unter einer kritischen Marke geblieben seien und nicht auf die hohen Temperaturen. Denn auch in Spanien seien die Corona-Fallzahlen im Sommer wieder gestiegen, nachdem der Lockdown beendet war. In Südafrika sieht es derzeit ähnlich aus.

Corona-Maßnahmen nicht zu früh aufheben – Zahlen besser so tief wie möglich drücken

Drosten zeigte sich besorgt darüber, dass die Maßnahmen zu früh aufgegeben werden könnten. Denn „wenn die alten Menschen und vielleicht auch ein Teil der Risikogruppen geimpft sein werden, wird ein riesiger wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, politischer und vielleicht auch rechtlicher Druck entstehen, die Corona-Maßnahmen zu beenden“. Tritt dieser Fall ein, könnten die Fallzahlen pro Tag bis zu 100.000 erreichen. Um dieses Szenario abzufedern, schlägt er vor, die Zahlen jetzt ganz tief nach unten zu drücken.

Das gilt besonders im Hinblick auf die Virus-Mutation aus Großbritannien. Inzwischen gibt es laut Drosten eine neue Studie aus Oxford, mit Daten, die zeigen, dass die Virus-Variante bis zu 35 Prozent ansteckender sein kann als das herkömmliche Coronavirus. Das Problem laut Drosten: „Das ist leider gefährlicher, als wenn es tödlicher geworden wäre.“

Coronavirus-Mutation eindämmen: Modellrechnung zeigt viele Todesfälle

Dadurch, dass sich mehr Menschen mit der Mutation anstecken könnten, sterben auch mehr Menschen, als wenn die Mutation tödlicher sei. Wie der Bayrische Rundfunk berichtet, stellte der Wissenschaftler Adam Kucharski ein erschreckendes Rechenmodell auf. Dabei geht der Mathematiker von folgenden Werten aus: Bei der herkömmlichen Corona-Variante sterben pro 10.000 Fälle 129 Menschen innerhalb eines Monats. Dabei geht der Experte von einem R-Wert von 1,1, einer Mortalität von 0,8 Prozent und einer Inkubationszeit von sechs Tagen aus.

Nach der Rechnung würden 64 Menschen mehr an dem Virus, dass 50 Prozent tödlicher wäre, sterben – also 193. Ist ein Virus allerdings 50 Prozent ansteckender – was zunächst weniger bedrohlich klingt – kommt das exponentielle Wachstum zum Tragen. In dem Modell wären dann 978 Todesfälle zu beklagen.

Coronavirus: Zehnmal so tödlich wie eine einfache Grippe

Damit sich das mutierte Virus gar nicht erst so weit verbreiten kann, rät Drosten dazu, den R-Wert mindestens auf 0,7 zu drücken. Derzeit liegt Deutschland bei einem Wert von 0,93 – also eine infizierte Person steckt im Schnitt 0,9 Menschen mit dem Coronavirus an. Werde der R-Wert so stark gedrückt, könne laut Drosten die Corona-Variante B. 1. 1. 7. gestoppt oder „uns zumindest ein Vorsprung verschafft“ werden.

Im weiteren Interview mit dem Spiegel betont der Virologe, dass das Coronavirus weitaus gefährlicher ist als eine herkömmliche Grippe. Drosten: „Nach dem, was ich höre, wird die Infektionssterblichkeit in Deutschland – also der Prozentsatz der Sars-CoV-2-Infizierten, der in Deutschland verstirbt – wohl mit über 1,1 Prozent veranschlagt. Das ist mehr als zehnmal so viel wie bei der Grippe.“

Rubriklistenbild: © Markus Schreiber/dpa

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