Mutationen werden zum Problem

Corona: Neue Studien – britische Mutation tödlicher als gedacht

Die Corona-Mutationen sind derzeit die größte Gefahr in der Pandemie. Die Variante B.1.1.7 könnte tatsächlich auch tödlicher sein – das zeigen neue Studien.

Deutschland – Die Virus-Mutanten sind aktuell in aller Munde. Seit der Bund-Länder-Konferenz Anfang Januar, in der Bundeskanzlerin Angela Merkel (66, CDU) in aller Deutlichkeit vor der Gefahr durch Mutationen gewarnt hatte, werden die Warnungen immer lauter. Für Deutschland besonders gefährlich ist aufgrund der geografischen Nähe die britische Mutation. Und diese scheint zu einem echten Problem zu werden. Nach neuesten Studien könnte sie sogar tödlicher sein (alle Infos zum Coronavirus in NRW auf RUHR24.de).

CoronavirusSars-CoV-2
InfektionskrankheitCovid-19
UrsprungWuhan, China

Corona-Mutation aus Großbritannien: nicht nur ansteckender, sondern auch aggressiver?

Als bereits sicher gilt, dass das neue Virus aus Großbritannien deutlich ansteckender ist. Die anfänglichen Befürchtungen, die Ansteckungsrate könne sich um 50 bis 70 Prozent erhöhen, wurde dabei mittlerweile etwas relativiert. Man geht aber immer noch von einer höheren Ansteckungsrate von rund 40 Prozent aus.

Das alleine ist schlimm genug: So hat Modellierer Adam Kucharski von London School of Hygiene and Tropical Medicine in London Berechnungen angestellt, wonach eine höhere Ansteckungsrate von 50 Prozent durch den schnelleren exponentiellen Anstieg der Fallzahlen zu insgesamt mehr Toten führen kann, als wenn das Sterberisiko sich um 50 Prozent erhöhen würde.

Britische Variante B.1.1.7 auch aggressiver? Verwirrung um Aussagen von Boris Johnson

Sämtliche Forscher berichteten aber bislang, dass es keine Hinweise dafür gebe, dass das Virus nicht nur ansteckender, sondern auch tödlicher sein könnte. Das hat sich jetzt geändert.

Die Befürchtung die britische Corona-Mutation B.1.1.7 könne auch tödlicher* sein, wurde erstmals von Großbritanniens Premierminister Boris Johnson (56, Conservative Party) auf einer Pressekonferenz am 22. Januar geäußert, darüber berichtet auch echo24.de*. Sie sei nicht nur ansteckender, sondern auch „mit einer höheren Sterblichkeitsrate“ verbunden. Dafür gebe es, so Boris Johnson, „einige Hinweise“.

Warnt davor, dass die neue Virus-Variante aggressiver sein könnte: der britische Premierminister Boris Johnson

Gefahr durch Mutation: Datenlage nicht ausreichend – Boris Johnsons Aussage sorgt für Kritik

Die Aussage des britischen Premierministers hat für viel Verunsicherung gesorgt. So äußerte sich beispielsweise die WHO, es gebe keine Belege dafür. Auch Mediziner weltweit hatten angemahnt, für eine derart drastische Schlussfolgerung sei es nach jetziger Datenlage viel zu früh.

Im Interview mit dem Sender Sky News relativierte der britische Gesundheitsminister Matt Hancock die Aussage Johnsons bereits. Es sei „nicht wirklich sicher, wie tödlich“ die Mutante sei.

Höhere Sterblichkeit durch Mutation: Studien kommen zu alarmierenden Ergebnissen

Tatsächlich ist an Boris Johnsons Aussage aber doch mehr dran. Der britische Premierminister bezieht sich dabei auf vier neue Studien der NERVTAG-Gruppe („New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group“). Diese Experten-Gruppe berät die britische Gesundheitsbehörde in der Corona-Pandemie.

Das Komitee hat Ergebnisse aus unterschiedlichen Studien des Imperial College London, der London School of Hygiene and Tropical Medicine, von Public Health England (PHE) und der University of Exeter zusammengenommen und verglichen, wie die Zeit berichtet. Die Erkenntnisse sind im entsprechenden NERVTAG-Bericht zur Variante B.1.1.7 vom 22. Januar einsehbar.

Das erschreckende Ergebnis des Vergleichs: Im Schnitt erhöht sich die Fallsterblichkeit durch die britische Virus-Variante innerhalb von 28 Tagen um 35 Prozent – und das in sämtlichen Altersklassen. Adam Kucharski teilt einen Ausschnitt des NERVTAG-Papiers auf Twitter.

Tweet von Adam Kucharski: NERVTAG warnt vor höherer Sterblichkeit durch B.1.1.7

Studien zeigen beunruhigende Zahlen: Britische Forscher warnen vor erhöhtem Sterberisiko

Konkret hieße das: Bei dem Wildtyp von Sars-CoV-2 sterben 10 von 1.000 diagnostizierten Infizierten, bei der britischen Mutation wären es dann 13 bis 16 von 1.000 Infizierten. 

Die Gesamtdatenlage ist dabei immer noch gering – darauf verweisen auch die NERVTAG-Experten. Alle Aussagen gelten daher noch als vorläufig. Dennoch besteht nach dieser bisherigen Datenlage ein berechtigter Grund zur Sorge. So heißt es im entsprechenden NERVTAG-Papier (fett gedruckt):

  • „Basierend auf diesen Analysen besteht eine realistische Möglichkeit, dass eine Infektion mit VOC B.1.1.7 im Vergleich zur Infektion mit Nicht-VOC-Viren mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden ist.“ (VOC bedeutet dabei „Variant of Concern“, sprich: die britische Virusvariante)

Die Forscher geben dabei allerdings zu bedenken, dass Covid-19 im Vergleich zu anderen Viruserkrankungen (wie zum Beispiel Ebola) weiterhin nicht sehr tödlich ist. Die Gesamtsterblichkeit sei also immer noch vergleichsweise niedrig.

Wie groß ist die Gefahr durch die britische Mutation? Einschätzung des NDR-Podcast

Wie valide diese Aussagen sind, werden weitere Studien zeigen. Fest steht aber, dass die Entwicklung deutlich in die falsche Richtung geht. Im NDR-Podcast Corona-Update äußert sich auch Virologin Sandra Cieseke, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, zu der Gefahr durch die vermeintlich tödlichere Mutante.

Sie warnt dabei indirekt vor vorschneller Panikmache und verweist ebenfalls darauf, dass die Daten noch nicht ausreichen. Es gebe auch verschiedene Aussagen zur Sterblichkeit. Allerdings räumt auch die Virologin ein, dass die Experten der NERVTAG grundsätzlich „sehr gut“ arbeiten. Und sie bestätigt die Studienergebnisse. So gebe es zwar verschiedene Aussagen zur Sterblichkeit. „Einige, die Mehrzahl muss man sagen, zeigt, dass die Todesrate höher sein könnte“, so Sandra Cieseke.

Kampf gegen die Virus-Mutationen – Bundesregierung plant Einreiseverbot

Es könne dabei aber auch sein, dass man nach zukünftigen Daten statt von derzeit 30 Prozent vielleicht bald von einer nur zehn Prozent höheren Sterblichkeit ausgehen könnte. Ebenso wie auch die Prozentsätze bei der Ansteckung nochmal nach unten korrigiert wurden.

Die Variante B.1.1.7 ist derweil trotz geringerer Ansteckungsrate als bislang angenommenen weltweit auf dem Vormarsch. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation wurde B.1.1.7 mittlerweile in rund 60 Ländern nachgewiesen. Die Bundesregierung plant aktuell weitere Maßnahmen. Neben dem Ausbau von Sequenzierungen soll es nach Medienberichten auch ein Einreiseverbot aus Ländern mit hoher Verbreitung von Corona-Mutanten geben. *echo24.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Jeff Mitchel/dpa, Peter Mindek/dpa; Collage: RUHR24