Individuelle Impfungen gegen Tumore

Durchbruch bei Biontech: Nach Corona kommt Impfstoff gegen Krebs – erster Patient geimpft

Impfungen gegen Krebs – dieser Vision ist das Mainzer Biotechnologie-Unternehmen jetzt ein Stück näher gekommen. Der erste Patient wurde geimpft.

Deutschland/Mainz – Das durch die Entwicklung seines Corona-Impfstoffs bekannte Unternehmen Biontech kommt im Kampf gegen Krebs einen entscheidenden Schritt weiter. Wie die Firma am Freitag (18. Juni) mitteilte, wurde der erste Patient jetzt im Rahmen der entsprechenden Studie gegen Krebs geimpft.

Biontechdeutsches Biotechnologieunternehmen
SitzMainz
Gründung2008

Biontech-Gründerin: Krebs ist schlimmer als die aktuelle Pandemie – Impfungen haben Potenzial

Die im Zuge der Corona-Pandemie entwickelte mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer war mit ausschlaggebend für den Fortschritt. Özlem Türeci, Mitbegründerin und Chief Medical Officer von Biontech, erklärt dazu: „Wir konnten das Potenzial von mRNA-Impfstoffen bei der Bekämpfung von Covid-19 demonstrieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass Krebs auch eine globale Gesundheitsbedrohung ist, noch schlimmer als die aktuelle Pandemie.“

Damit wird Biontech sich wieder verstärkt der Krebsforschung widmen. Das Unternehmen forscht hier bereits seit Längerem – und war im letzten Jahr aufgrund der aktuellen Notwendigkeit zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Coronavirus übergegangen (Infos zum Coronavirus in NRW auf RUHR24).

Impfstoff gegen Krebs soll dem Körper beibringen, Krebszellen zu erkennen und bekämpfen

Das Vakzin gegen Krebs ist ein intravenös verabreichter mRNA-Impfstoff mit dem Namen BNT111. Es handelt sich also ebenfalls um mRNA-Technologie und das Prinzip ist ähnlich wie bei dem Impfstoff gegen Covid-19: Der Körper erhält mit der Impfung eine Art Anleitung, mit der er lernen soll, wie er bösartige Krebszellen erkennen kann.

Denn Krebszellen haben bestimmte Bauteile, die gesunde Zellen nicht haben. So zielt BNT111 auf vier nicht mutierte, tumorassoziierte Antigene ab, die bei Melanomen weit verbreitet sind. Das Ziel ist eine präzise Immunantwort des Körpers, die sich gegen die Krebszellen richtet.

Krebsforschung: Erster Patient mit schwarzem Hautkrebs wurde geimpft

In einer Phase-II-Studie wurde jetzt ein erster Proband mit dem Vakzin geimpft. Er leidet an unheilbarem, schwarzem Hautkrebs.

Hier liegt ein entscheidender Unterschied zum Corona-Impfstoff vor. Denn anders als dieser soll der Krebsimpfstoff nicht vorbeugend wirken. Es wird also vorerst nicht möglich sein, sich etwa standardmäßig beim Hausarzt prophylaktisch gegen Krebs impfen zu lassen.

Krebstherapie: Impfstoff soll vorhandene Tumore bekämpfen

So etwas ist zwar gegen Gebärmutterhalskrebs sogar schon möglich, aber nur, weil dieser durch Viren verursacht wird. Der Impfstoff gegen Krebs soll vielmehr bereits vorhandene Tumore bekämpfen.

Er soll auch dann zum Einsatz kommen, wenn ein Tumor operativ entfernt wurde und sich noch Tumorreste im Körper befinden, die dann mit der Impfung bekämpft werden können. Impfstoffe wie BNT111 sollen die klassischen Krebstherapien also nicht gänzlich ersetzen, sondern ergänzen. Sie sollen dabei verträglicher und mit weniger Nebenwirkungen verbunden sein als beispielsweise eine Chemotherapie.

Impfungen gegen Krebs: Jeder Patient benötigt individuellen Impfstoff

Eine große Herausforderung der Forscher ist es, dass Krebszellen als solche – anders als Viren – nicht körperfremd sind, sondern körpereigene, mutierte Zellen. Daher ist es schwieriger, den Körper dazu zu bringen, sie zu bekämpfen.

Eine weitere Schwierigkeit: Jeder Patient benötigt einen individuellen Impfstoff, der genau auf die jeweilige Mutation abgestimmt ist. Das kostet natürlich Zeit und Geld. Die mRNA-Technik macht das Ganze aber einfacher, weshalb der aktuelle Fortschritt so wichtig ist.

Biontech-Ehepaar: Corona-Einnahmen sollen in Krebsprodukte investiert werden

Im Interview mit Bild betonen die Biontech-Gründer, das Ehepaar Uğur Şahin und Özlem Tureci, sie hätten bereits vor Jahren erkannt, dass das Immunsystem der Schlüssel zum Erfolg in der Krebstherapie sei. Seit Langem sei es ihr Ziel, die Krebstherapie zu individualisieren. Laut einer US-Studie sollen auch Softdrinks die Krebsgefahr erhöhen*können, berichtet 24vita*.

Die klinischen Studien der Krebsforschung seien durch Corona zwar ins Stocken geraten, aber andererseits habe die gute Wirksamkeit des Corona-Impfstoffs gezeigt, dass das Prinzip funktioniert. Zudem habe man durch die enormen Einnahmen nun Geld, um schneller zu arbeiten, da man nicht auf Gelder warten müsse. Denn mittlerweile wurde der Impfstoff gegen Covid-19 Erwachsenen sowie Kindern ab 12 Jahren weltweit millionenfach verimpft – aktuell testet Biontech auch die Verträglichkeit bei kleinen Kindern.

Biontech-Gründer: Das Ehepaar Uğur Şahin und Özlem Tureci widmet sich wieder Impfungen gegen Krebs.

Mit anderen Worten: Die Entwicklung des Corona-Impfstoffs könnte den Kampf gegen Krebs vorantreiben. Denn Biontech will seine Einnahmen durch die Pandemie auch in Krebsprodukte reinvestieren.

Krebsforschung: Impfungen gegen Tumore könnten 2023 kommen

Insgesamt sollen in der laufenden Studie 120 Patienten mit BNT111 in Kombination mit dem Antikörpermedikament Libtayo (Cemiplimab) gegen Hautkrebs behandelt werden, um die Wirksamkeit und Verträglichkeit zu prüfen. BNT111 ist dabei einer der am weitesten fortgeschrittenen von fünf Impfstoff-Kandidaten, die sich derzeit in der klinischen Entwicklung befinden.

Wie Özlem Tureci erklärt, konnte man in den früheren Studien für BNT111 bereits „ermutigende erste Ergebnisse“ feststellen. Uğur Şahin gibt gegenüber Bild an, er gehe davon aus, dass bereits in den nächsten zwei Jahren aussagekräftige Ergebnisse vorlägen. Im Jahr 2023 – so der Biontech-Chef – könnte man so weit sein, die Zulassung zu beantragen. *24vita ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

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