So bewirbt man sich

Bedingungsloses Grundeinkommen: Mehr als eine Million Menschen für Studie angemeldet

Mit einer Studie will das DIW das bedingungslose Grundeinkommen in Deutschland testen. Der Andrang ist riesig: Rund eine Million Anmeldungen gab es.

  • Das bedingungslose Grundeinkommen ist immer wieder Stoff für heiße Diskussionen über soziale Werte, Arbeitsmoral und persönliches Glück.
  • Allerdings fehlt es einer soliden Grundlage in den Diskussionen. Studien sind rar gesät. Das will eine Initiative jetzt ändern.
  • Das Beste: Interessierte können sich um das dreijährige bedingungslose Grundeinkommen bewerben.

Update, Freitag (21. August), 19.20 Uhr: Dortmund/Berlin – Wie die Initiatoren des Pilotprojekts zum bedingungslosen Grundeinkommen mitteilen, hätten sich innerhalb von 70 Stunden eine Million Menschen dafür beworben.

Bedingungsloses Grundeinkommen: eine Million Menschen haben Bewerbung für DIW-Studie abgeschickt

Damit sei das ursprünglich für November angepeilte Teilnehmer-Ziel bereits nach knapp drei Tagen erreicht. Um dennoch weiteren Menschen die Möglichkeit zu geben, an der Studie teilzunehmen, soll die Teilnehmerzahl nun aufgestockt werden. In welcher Höhe, das verrieten die Initiatoren nicht.

Erstmeldung: Einfach so 1200 Euro bekommen. Jeden Monat. Ohne Gegenleistung. Klingt verführerisch, oder? Ein Pilotprojekt in Deutschland soll jetzt zeigen, wie das bedingungslose Grundeinkommen die Gesellschaft verändern könnte. Bei dieser Studie bekommen Teilnehmer drei Jahre lang jeden Monat 1200 Euro überwiesen – und es werden noch Bewerber gesucht.

Politische Ideologie:

Bedingungsloses Grundeinkommen

Was ist das?

Sozialpolitisches Finanztransferkonzept

Wie funktioniert das?

Jeder Bürger erhält eine gesetzlich festgelegte finanzielle Zuwendung

Bedingungsloses Grundeinkommen: Anmeldung für DIW-Studie mit 1200 Euro im Monat noch möglich

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist nicht neu, sie wird immer wieder teils hitzig diskutiert. Befürworter sind sich sicher, dass Menschen, die finanziell abgesichert sind, kreativer und gemeinnütziger leben würden. Sie würden einer Arbeit nachgehen, die sie gerne machen und nicht einer, die sie machen müssen, um finanziell über die Runden zu kommen. Kurz: Menschen wären glücklicher.

Forscher wollen testen, wie sich ein bedingungsloses Grundeinkommen auf die Gesellschaft auswirkt – und suchen noch Teilnehmer. 

Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens hingegen befürchten, dass die Empfänger sich mit dem neuen Geldsegen auf die faule Haut legen, Serien streamen, auf dem Sofa sitzen und nichts mit ihrem Leben anfangen. Sie befürchten, dass die Menschen reihenweise ihre Arbeit niederlegen würden. Warum auch arbeiten? Das Geld kommt ja von allein rein.

Beiden Seiten, ob nun pro oder kontra Grundeinkommen, fehlt es allerdings an einer wichtigen Sache: einer Diskussionsgrundlage. Es fehlen schlicht anerkannte Fakten und Erkenntnisse über die Wirkung des bedingungslosen Grundeinkommens. Auch wenn Soziologen in großen Studien Menschen immer wieder zu einem unverhofften Geldsegen befragen, wie es in der Realität aussieht, kann keiner sagen.

Zwar gab es erst kürzlich eine breit angelegte Studie in Finnland, die beendet und für gescheitert erklärt wurde – ein bedingungsloses Grundeinkommen wird es in nächster Zeit in Finnland nicht geben. Doch gibt es Kritik aus der Wissenschaft. Das Experiment in Finnland sei zu kurz gewesen, die Probanden nicht divers genug (die Teilnehmer waren allesamt arbeitslos). Außerdem wurde die Auswertung der Studie im Jahr 2018 gestoppt. 

Bedingungsloses Grundeinkommen: Fast keine Gegenleistung für das Geld

Die Studie in Deutschland allerdings soll anders werden. Die Initiatoren, die daran arbeitenden Psychologen, Soziologen und Ökonomen erhoffen sich dadurch neue Erkenntnisse, wie das Leben sein könnte, wenn das bedingungslose Grundeinkommen in Deutschland eingeführt würde (mehr Service-Nachrichten bei RUHR24.de). 

Es ist die erste deutsche Langzeitstudie zum bedingungslosen Grundeinkommen. Dabei sollen 120 Menschen drei Jahre lang jeden Monat 1200 Euro bekommen, ohne Gegenleistung – fast. Zwar müssen die Studienteilnehmer für das Geld nicht arbeiten gehen, aber sie müssen den Forschern Rede und Antwort stehen. Sie werden in der Zeit intensiv befragt und mit einer Vergleichsgruppe von 1380 Menschen, die keine Grundeinkommen erhalten, verglichen.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Was macht das zusätzliche Geld mit den Menschen?

Initiiert wurde das Projekt vom Verein "Mein Grundeinkommen". Für den Verein ist es nicht neu Geld zu verschenken. Bereits seit sechs Jahren finanziert er Ein-Jahres-Zahlungen in Höhe von 1000 Euro im Monat. Das Geld stammte bisher von privaten Spendern und auch das neue Langzeitprojekt wird von privaten Spendern finanziert. Laut Angaben des Vereins haben sich bereits 140.000 Menschen gefunden, die bereit sind, das Projekt zu unterstützen. 

Aber nicht nur der Verein ist an dem Projekt beteiligt, auch renommierte Wissenschaftler, Verhaltensökonomen, Psychologen, Gemeinwohlforscher und Soziologen arbeiten daran. Ein Partner ist das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). 

Die Fragen des Instituts an diese Studie sind vielfältig: "In welchem Maß wirkt so ein verlässlicher, bedingungsloser Geldzufluss auf die Einstellung und das Verhalten von Menschen – in relevanten Lebensbereichen? Wie verändern sich zum Beispiel Berufsleben, Tagesstruktur, Engagement, Ernährung oder Beziehungen? Und wie unterscheidet sich das wiederum je nach Alter, Wohngegend, sonstigem Verdienst und so weiter?", erklärt der Soziologe Prof. Dr. Jürgen Schupp vom DIW Berlin im Interview mit dem Spiegel.

Prof. Dr. Jürgen Schupp vom DIW Berlin sieht in der Studie zum bedingungslosen Grundeinkommen eine Riesenchance.

Bedingungsloses Grundeinkommen als Experiment – statistische Zwillinge sind nötig

Um die perfekten Kandidaten für die Studie zu finden, gibt es ein aufwändiges Auswahlverfahren. Ziel ist es, bis November eine Million Bewerber zusammenzubekommen. Aus dieser Menge an Menschen werden dann per Zufall 20.000 Menschen ausgewählt, die ausführlich zu ihrer Lebenssituation befragt werden.

Ziel ist es, sogenannte statistische Zwillinge zu finden. Im Idealfall finden die Forscher Menschen, die möglichst gleiche Eigenschaften haben. "Im besten Fall sind also die Menschen gleich und unterscheiden sich ausschließlich durch das Grundeinkommen", erklärt Schupp. Anhand der Daten können dann anschließend 1500 Menschen ausgewählt werden, die an der Studie teilnehmen dürfen.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Ergebnis der Studie ist offen

Interessierte können sich auf der Homepage des Pilotprojekts Grundeinkommen bewerben. Dafür benötigt man lediglich eine E-Mail-Adresse und muss ein paar Angaben zu seiner Person machen. Bisher haben sich rund 500.000 Menschen für das bedingungslose Grundeinkommen beworben (Stand: 19. August). 

Wie das Ergebnis der Studie am Ende ausfällt, ist offen. Zwar ist der Verein "Mein Grundeinkommen" ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens, aber Jürgen Schupp vom Deutschen Institut für Wirtschaftsförderung betont, dass es sich bei diesem Experiment um keine Auftragsforschung handelt. 

Er selbst ist übrigens kein flammender Befürworter, wie er im Spiegel-Interview erklärt. Politische Reformen sollte man nach Schupp "nur dann durchführen, wenn ihre positive Wirkung belegt ist. Wenn die Situation danach also der bisherigen im Saldo von Vor- und Nachteilen deutlich überlegen wäre."

Rubriklistenbild: © Lino Mirgeler/dpa

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