Vorteile gehen flöten

Bargeld vor dem Aus: Alternative zum Bezahlen birgt gefährliche Risiken

Die Corona-Pandemie hat die Abkehr von Bargeldzahlungen weiter vorangetrieben. Unbare Alternativen bringen jedoch Risiken mit sich, warnen Experten.

NRW – Viele werden sich sicherlich wohl noch erinnern: Am 1. Januar 2002 wurden erstmals Euro-Münzen und -Banknoten für den Zahlungsverkehr in Deutschland sowie in 11 weiteren EU-Ländern eingeführt. Doch obwohl Experten dem Bargeld zwanzig Jahre später in Zeiten von IT-Sicherheitslücken bei digitalen Bezahlsystemen ein gutes Zeugnis ausstellen, hat die Corona-Pandemie ihre Spuren hinterlassen – ein Trend ist klar erkennbar, weiß RUHR24.

BargeldGeld in physischer (körperlicher) Form als Banknoten und Münzen
Funktiongesetzliches Zahlungsmittel

Bargeld-Aus: Barzahlungen zwischen 2017 und 2020 deutlich zurückgegangen

Allein zwischen 2017 und 2020 sei die Bargeldnutzung um 14 Prozentpunkte zurückgegangen, berichtet Heise online. Das habe laut Forschern vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die das Büro für Technikfolgen-Abschätzungen beim Deutschen Bundestag (TAB) betreiben, mit der Corona-Pandemie zu tun. Wie HNA berichtet, verschwinden deutschlandweit auch immer mehr Geldautomaten aus den Einkaufspassagen.

In einer aktuellen Umfrage hätten laut dem SWR allein 41 Prozent der Befragten angegeben, nun häufiger mit einer Girocard zu bezahlen, als vor der Pandemie. Der Handel hatte seine Kunden vermehrt aus Hygienegründen dazu aufgefordert, bargeldlos zu bezahlen (mehr Service auf RUHR24).

Bargeld-Aus: Corona-Pandemie hat unbare Zahlungsmöglichkeiten vorangetrieben

Zwar zahlen die meisten Deutschen ihre Ware immer noch mit Bargeld und sollten idealerweise auch eine hohe Summe für den Notfall zu Hause aufbewahren. Doch die Pandemie-Erfahrungen könne den Forschern des TAB zufolge „die Neugier auf die Vielfalt unbarer Zahlungslösungen und der mit ihnen kombinierbaren Produkte und Dienstleistungen wachsen“ lassen.

Laut einer Erhebung des EHI-Handelsforschungsinstituts habe der Anteil an unbaren Zahlungsoptionen in den letzten Jahren tatsächlich stark zugenommen, berichtet das Handelsblatt. An den Kassen werde demnach immer häufiger die Debit- oder die Kreditkarte sowie das Smartphone oder die Smartwatch gezückt.

Im stationären Handel sei ihr Umsatzanteil seit 2019 von 50,5 auf 58,8 Prozent gestiegen. Auch ihr Anteil an Transaktionen, wie im Online-Handel, sei von 26,1 auf 37,9 Prozent gestiegen, berichtet das EHI.

Bargeld-Aus: Bargeld fördere Inklusion und sei „ein wichtiges Korrektiv im Zahlungsverkehr“

Geht es nach den Forschern des TAB, dann hat Bargeld in Deutschland dennoch eine Zukunft. Schließlich bringe eine „Welt ohne Bargeld“ mit einem Monopol von beispielsweise us-amerikanischen oder chinesischen Big-Tech-Konzernen im Sektor der Finanzdienstleistungen eindeutige Nachteile mit sich.

In der Studie des TAB sei „Bargeld ein wichtiges Korrektiv im Zahlungsverkehr“. Virtuelle Zahlungen per Debit- oder Kreditkarte oder gar Bitcoin könnten nicht „ein ähnlich hohes Inklusionsniveau“ erreichen.

Andrea Nitsche, Sprecherin der Initiative „Bargeld zählt!“, stellte auf der virtuellen Konferenz „Cash Con 2021“ die „soziale Inklusion“ heraus, die der Bezahlvorgang mit Münzen und Scheinen garantiere. Das betreffe insbesondere die rund eine Million Menschen, die kein Bankkonto haben.

Bargeld-Aus: Datenschutz bei unbaren Zahlungen teilweise ein Problem

Wer also mit Bargeld zahlt, sei für alle ersichtlich ein vollwertiger Teil der Gesellschaft. Auch beim Thema Datenschutz sei die Barzahlung eine deutlich zuverlässigere Methode als unbare Zahloptionen. Doch auch hier sollten sich Verbraucher einige Unterschiede bewusst machen.

Die Privatsphäre und die Daten von Kunden, die an den Kassen von Supermärkten und Discountern eine Debit-Karte zücken, seien laut dem TAB besser geschützt als bei Verbrauchern, die lieber zur Kreditkarte greifen. Partielle Sicherheitslücken beim Datenschutz seien hingegen bei der Nutzung von Paypal oder beim mobilen Bezahlen klar erkennbar. Nicht umsonst versuchen Kriminelle häufig durch angeblich von Paypal stammende Phishing-Mails an die Daten ihrer Opfer zu gelangen.

Bargeld-Aus: Zahlungsdienstleister erstellen beim unbaren Bezahlen ein Verhaltensprofil

Schließlich würden durch die Erstellung eines Verhaltensprofils auch Daten erhoben und verarbeitet werden, die laut dem TAB „nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Bezahlvorgang stehen.“ Immerhin sei beim mobilen Bezahlen häufig eine Authentifizierung erforderlich, Entsperrmechanismen des Smartphones und auch sogenannte Security-Tokens im Einsatz.

Bleiben noch die Krypto-Währungen. In der TAB-Studie warnen die Forscher davor, dass diese „häufig für kriminelle Zwecke“ missbraucht würden. Laut der Sicherheitssoftware AVG gibt es bei Bitcoin keine Aufsichtsbehörde und steht wegen seines dezentralen Netzwerks dementsprechend allen offen.

Bargeld-Aus: Bargeld „das einzige anonyme Zahlungsmittel“

Auch in Bezug auf Anonymität sticht das gute, alte Bargeld die unbaren Zahlungsoptionen aus. Wer an der Kasse zwar lange nach Centstücken sucht oder große Scheine für kleine Einkäufe zückt, zieht sich womöglich den Zorn oder die Ungeduld von Kassierern und anderer Kunden zu.

Doch anders als bei mobilen oder Karten-Zahlungen können die jeweiligen Finanzdienstleister so kein Verhaltensprofil von Kunden erstellen, erklärt der SWR. Bargeld, als „das einzige anonyme Zahlungsmittel“, bedeute demnach Freiheit.

Während der Corona-Pandemie haben Verbraucher weniger Bargeld zur Bezahlung genutzt.

Bargeld-Aus: Forscher des TAB fordern Diskurs über staatlich gesicherte Grundversorgung

In ihrem Fazit erklären die Forscher des TAB, dass man von den 2030ern an „über die Notwendigkeit gesetzlicher Standards für eine Grundversorgung mit Bargeld wie in Schweden“ nachdenken müsse. Als Resultat auf den Bedeutungsverlust des Bargelds im Alltag vieler Verbraucher hatte die schwedische Regierung per Gesetz beschlossen, wieder auf das Niveau der Bargeldversorgung von 2017 gelangen zu wollen.

Eine vom Staat sichergestellte Grundversorgung mit Bargeld könnte also Vorteile wie Inklusion, Anonymität und vor allem den Schutz der Verbraucher vor Datenmissbrauch garantieren. Hinzu kommt, dass Trinkgeld mit Bargeld leichter gezahlt werden kann und manch ältere Mitbürger mit der Technik so ihre Probleme haben. Auf das gute, alte Bargeld ist demgegenüber Verlass.

Hierzulande sei eine staatlich gesicherte Grundversorgung dem TAB zufolge allerdings mit Fragen „nach den Kosten für eine Bereitstellung der Bargeldinfrastruktur inklusive Geldautomaten und deren Übernahme“ verbunden. Längst haben sich aber auch schon Alternativen etabliert. Zumindest bieten bereits jetzt schon fast 86 Prozent aller Supermarktketten die Option, kostenfrei Beträge bis zu 200 Euro an den Kassen abzuheben, berichtet Chip.

Rubriklistenbild: © STPP/Imago

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