Betrug

Unbekanntes Amazon-Paket vor der Tür: Dahinter steckt eine perfide Masche

Mit der „Brushing“-Methode wollen unseriöse Onlinehändler ihr Image aufpolieren. Die Opfer stehen oft hilflos da.

NRW – Wer plötzlich ein Paket erhält, obwohl man überhaupt keins bestellt hat, wirft wohl zunächst ungläubig den Blick auf die Absenderadresse. Sofern diese fehlt, ist man womöglich Opfer der sogenannten „Brushing“-Methode (deutsch: „Bürsten“) geworden. Dahinter steckt der Plan unseriöser Internethändler, das eigene Image aufzupolieren und die Kundschaft zu täuschen.

Amazon US-amerikanischer, global agierender Onlineversandhändler
Gründung1994
SitzSeattle, Washington

Beim „Brushing“ versenden Online-Händler Pakete, die ihre Empfänger nie bestellt haben

Dass der Onlineversandhändler Amazon, der zuletzt einen beliebten Dienst eingestellt hat, während der Corona-Krise seinen Umsatz deutlich steigern konnte, ist kein Geheimnis. Für die einzelnen E-Commerce-Händler ist es daher sehr lukrativ, die Geschäfte über den US-amerikanischen Giganten abzuwickeln.

Doch es gibt auch Schattenseiten: Denn wenn es verkaufstechnisch mal nicht so läuft, kommen manche Händler auf krumme Ideen. Durch die Betrugsmasche wollen sie die Verkaufszahlen und das eigene Image ganz einfach etwas „aufbessern“ (mehr Service-News auf RUHR24).

Durch „Brushing“ bei Amazon wollen Unternehmen ihr Ranking verbessern

Indem sie „Fake-Bestellungen“ aufgeben und Pakete ohne Absender an zufällig ausgewählte Haushalte verschicken, steigern dubiose Onlinehändler ihre offiziellen Verkaufszahlen. Das lässt sie im internen Amazon-Ranking aufsteigen, berichtet Deutschlandfunknova.

Dadurch würden sie höher gelistet und fallen der Kundschaft schneller auf. Entsprechend beliebt seien diese Verkaufsplätze. Laut Marie Eickhoff, Redakteurin bei Deutschlandfunknova, sei ein gutes Ranking gar „besser als jede Werbung“.

Onlinehändler wollen durch Fake-Bestellungen die Verkaufszahlen und damit ihr Image polieren

Um auf eine solche Amazon-Hitliste zu kommen, sei neben guten Verkaufszahlen eine gute Kundenbewertung vonnöten. Und genau hier zücken die Onlinehändler ihren metaphorischen Pinsel, um das Image etwas aufzuhübschen.

Denn indem sie zunächst einen Fake-Account erstellen und dafür den Namen ihres vermeintlichen Kunden wählen, ist der Grundstein gelegt. Im nächsten Schritt bezahlen sie das Produkt und versenden es an die entsprechende Adresse – ohne Absender versteht sich.

„‘Brush‘ bedeutet ja Pinsel. Und ich denk da immer an so einen fetten Puderpinsel, mit dem die Händler ihre Verkaufszahlen überpinseln.“

Marie Eickhoff, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Manche Online-Händler geben sich beim „Brushing“ selbst positive Bewertungen

Sofern die Transaktion glückt, ist wieder ein Produkt „verkauft“ worden und die Verkaufszahl steigt weiter an. Besonders pfiffige Betrüger hinterlassen anschließend sogar noch eine positive Kundenrezension mit fünf Sternen, so Mario Fischer von der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt gegenüber Deutschlandfunknova.

Die ahnungslosen Empfängerinnen und Empfänger von Waren wie Zahnpastatuben, Handyhüllen oder Sexspielzeugen bekommen nur in den seltensten Fällen mit, dass ihr Name für eine falsche Kundenbewertung benutzt wurde. Um den Betrug auffliegen zu lassen, müssen die Opfer ihren Namen in mühevoller Recherche in den Listen unter den Rezensionen suchen – sofern man die entsprechende Seite überhaupt findet.

Fehlender Absender macht die Rückverfolgung unmöglich – Paket-Empfänger machtlos

Und den zwielichtigen Händlern das Handwerk zu legen, erweist sich mindestens als genauso schwierig. Denn ohne Absender gibt es auch keine Rückverfolgung, das Paket kann nicht zurückgeschickt werden. Wie Deutschlandfunknova berichtet, sei Amazon „Brushing“ zwar bekannt, „ihnen seien aber die Hände gebunden, sagen sie“.

An die Adressen zu kommen, beispielsweise mithilfe der sozialen Netzwerke, sei für die Betrüger ein Leichtes, erklärt Tanja Halm, Rechtsanwältin für Markt und Recht gegenüber dem Business Insider. Ihrer Erfahrung nach würden sich nur die wenigsten Opfer bei den Verbraucherzentralen melden, es entstehe schließlich kaum Schaden. Verlässliche Opferzahlen zur „Brushing“-Methode gibt es dementsprechend nicht.

In einigen Fällen haben einzelne Haushalte auf diese Art und Weise gleich mehrere Pakete hintereinander bekommen. Wie Deutschlandfunknova berichtet, erhielten beispielsweise tausende Menschen in den USA im Juli 2020 kleine Tüten mit chinesischem Saatgut, ohne diese jemals bestellt zu haben.

Amazon will sich gegen „Brushing“ wehren – wenig Beschwerden bei Verbraucherzentralen

In Deutschland hatte ein Kunde, der immer wieder derartige Pakete erhalten hatte, versucht, sich gerichtlich dagegen zur Wehr zu setzen – ohne Erfolg, erklärt Georg Tryba von der Verbraucherzentrale NRW. Wer ständig ungebetene Post erhält, könne sich nur entscheiden, ob er oder sie die Ware behalten, verschenken oder entsorgen will, so der Experte gegenüber Deutschlandfunknova.

Amazon selbst gab gegenüber dem Business Insider an, dass dem Unternehmen solche Maschen missfielen. Wie ein Amazon-Sprecher versichert, gehe man „jedem Hinweis von Kundinnen und Kunden nach, die unaufgefordert ein Paket erhalten haben“. Schließlich verstoße die Praxis gegen Amazon-Richtlinien. Wer beim „brushen“ erwischt wird, würde von Amazon „unmittelbar gesperrt“, heißt es.

Wer Pakete ohne Absender erhält, ist in den meisten Fällen Opfer von „brushing“ geworden.

Deutsche Post DHL: Paket kann nicht ohne Absenderangaben verschickt werden

Pakete ohne Absender zu verschicken, ist in Deutschland allerdings schwierig bis unmöglich. Wie die Deutsche Post DHL Group auf RUHR24-Anfrage erklärt, sei das Personal in den Annahmestellen dazu angehalten „die AGB-Konformität bei der Annahme zu prüfen und im Zweifel nicht konforme Sendungen abzulehnen“.

Sofern ein Absender seine Adresse beim Verschicken weglässt und eine DHL-Paket- oder Päckchenmarke für den Versand kauft, verstoße er klar gegen eben diese AGB. Zumindest hierzulande ist die Gefahr, Opfer von „Brushing“ zu werden, also eher gering. Wer dennoch ungebetene Pakete erhält, solle sich laut der Verbraucherzentrale direkt an die Plattformbetreiber werden.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Michael Gstettenbauer