Kommentar

Aldi ohne Kükentöten: Warum die neue Technologie eine Mogelpackung ist

Eier ohne Kükentöten? Aldi will der grausamen Praxis mit einer neuen Technologie ein Ende setzen. 
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Eier ohne Kükentöten? Aldi will der grausamen Praxis mit einer neuen Technologie ein Ende setzen. 

Aldi setzt auf eine neue Technologie, um das grausame Kükentöten zu beenden - und schießt damit am eigentlichen Ziel vorbei. Ein Kommentar.

  • Aldi wirbt damit, das Töten von Küken abzuschaffen.
  • Um das Vorhaben umzusetzen, will der Discounter auf ein genanalytische Verfahren setzen.
  • Dadurch kommt es lediglich zu einer Verschiebung des Tötens, findet RUHR24-Redakteurin Lisa Bender.

Essen – Zu Beginn der Woche (6. Juli) ging eine Pressemeldung von Aldi durch die Medien, dass der Discounter alles daran setze, das Kükentöten entlang ihrer Lieferketten abzuschaffen. Bis 2022 will Aldi deutschlandweit die gesamte Produktion ihrer Boden-, Freiland- und Bio-Eier umstellen. Um das zu erreichen, setzt der Lebensmittelkonzern auf eine neue Technologie – und zeigt damit deutlich, dass das eigentliche Ziel der Abschaffung des Kükentötens, nicht verstanden wurde. 

Discounter:

Aldi

Unternehmensgruppen:

Aldi Süd und Aldi Nord

Zentrale:

Essen

CEO:

Marc Heußinger (1. Jan. 2013)

Umsatz: 

53 Milliarden EUR (2020)

Gründung:

1946 in Essen

Gründer: 

Karl Albrecht, Theo Albrecht

Kükentöten soll bis 2021 in Deutschland gestoppt werden

In Deutschland werden jährlich rund 45 Millionen männliche Küken getötet. Die Eier stammen von Legehennen, deren männlicher Nachwuchs weder zur Eierproduktion noch zur Fleischerzeugung geeignet ist. Dafür gibt es eigens gezüchtete Masthähnchen. Die anderen männlichen Küken sind folglich für die Wirtschaft unbrauchbar - sie werden deshalb vergast, geschreddert oder zu Tierfutter verarbeitet. 

In den letzten Jahren wurde die Kritik an dieser grausamen Praxis zunehmend lauter, bis das Bundeslandwirtschaftsministerium unter Julia Klöckner (CDU) schließlich reagierte und eine Erklärung unterzeichnete, das Kükentöten bis 2021 stoppen zu wollen. 

Aldi und Rewe setzen deshalb auf eine neue Technologie in der Eier-Produktion

Auch wenn es ein erklärtes Ziel der Bundesregierung ist, das Kükentöten in Zukunft abzuschaffen, preschen einige Supermärkte vor und rühmen sich damit, schon jetzt aktiv gegen die grausame Praxis vorzugehen – wie zum Beispiel Rewe und Aldi.

Beide Konzerne setzen dabei auf eine neue Technologie, bei der das Geschlecht des Kükens bereits im Ei bestimmt werden kann. Nachdem Rewe bereits 2018 angekündigt hatte, mit diesem Verfahren das Kükentöten langfristig zu beenden, legt der Discounter Aldi nun nach. Aldi verkündete, mit dem Biotech-Unternehmen Planton zusammenarbeiten zu wollen, das das genanalytische Plantegg Verfahren entwickelt hat.

"Als einer der größten Händler für Hühnereier ist das Thema für uns von besonderer Bedeutung. Mit Planton haben wir einen Partner an der Seite, mit dem wir innovative Lösungen fördern und umsetzen können, um dem Kükentöten in unseren Lieferketten ein Ende zu setzen", sagt Tobias Heinbockel, Managing Director Category Management bei Aldi Nord.

Wie die neue Technologie von Aldi das Kükentöten beenden soll

Egal ob Aldi oder Rewe, die Technologie funktioniert im Prinzip gleichermaßen: Nachdem ein Ei neun Tage lang ausgebrütet wurde, wird mit einem Laser oder einer feinen Nadel ein Loch in die Eierschale geschnitten, um daraus etwas Flüssigkeit zu entnehmen. Je nach Geschlecht des Embryo-Kükens enthält sie bestimmte Hormone. 

Auf einem speziellen Marker wird ein Tropfen der Flüssigkeit aufgetragen. Dieser färbt sich dann je nach Geschlecht unterschiedlich. Bei der Technologie, die sich Aldi zu Nutzen machen will, um das Kükentöten abzuschaffen, wird das Geschlecht anhand der DNA bestimmt. 

Die Folge ist jedoch bei beiden Verfahren gleich: Ist das ungeborene Küken männlich, kann das Ei per Roboter aussortiert, eingestampft und zu Futtermittel verarbeitet werden. "So müssen die männlichen Eier nicht erst ausgebrütet werden", verkündigt Aldi stolz.

So funktioniert die neue Technologie, die Aldi anwenden will, um das Kükentöten abzuschaffen. 

Neue Technologie bei Aldi nimmt das Töten nur vorweg

Und damit zeigt Aldi deutlich, dass es dem Discounter nur um eine werbende Verkaufsstrategie geht. Denn was auf den ersten Blick nach Tierwohl klingt, ist doch nichts anderes als Kükentöten in neuem Gewand und eine Verbrauchertäuschung

Zwar wird das männliche Küken nicht mehr ausgebrütet und somit nicht mehr bei lebendigem Leib geschreddert, aber dennoch wird es getötet oder zu Tierfutter verarbeitet. Damit wird der grausame Prozess nur um wenige Tage nach vorne verschoben, beziehungsweise vorweggenommen. 

Bei dieser Technologie ändert sich letztendlich nichts daran, dass zig Millionen männliche Embryo-Küken aufgrund ihres Geschlechts und ihrer fehlenden Effizienz aussortiert werden. Das Argument, sie werden immerhin zu Tierfutter verarbeitet, ist ein Fall von Doppelmoral. Denn das mag in freier Wildbahn oder auf Omas kleinem Hühnerhof ja zutreffen, aber nicht in diesem Ausmaß. 

Eier ohne Kükentöten: Verbände lehnen die neue Technologie bei Aldi ab

Naturverbände wie Bioland, Demeter oder auch der Landesverband der Geflügelwirtschaft sehen das Verfahren, mit dem Aldi sich rühmt etwas gegen das Kükentöten unternehmen zu wollen, ebenfalls kritisch. Laut Bioland gehen Experten davon aus, dass das Schmerzempfinden bei Embryo-Küken im Ei bereits ab dem siebten Tag einsetzt. 

Wird das Ei nach dem neunten Bruttag, wenn es sich um ein männliches Küken handelt, ausselektiert, verschiebt sich der Prozess des Tötens nur. Bioland lehnt deshalb die Technik ab. Der Verband setzt stattdessen auf Alternativen wie die Bruderhahn-Aufzucht oder die Zweithuhnnutzung (mehr Service-News auf RUHR24.de).

Kükentöten bei Aldi: Es gibt Alternativen zu dem kritischen Verfahren vom Discounter

Denn es gibt sie, die Alternativen zum Kükentöten. So handelt es sich bei den sogenannten Zweinutzungsrassen um Hühner, bei denen die Hähne gemästet werden und die Hennen die Eier legen – im Prinzip ganz natürlich, wie früher bei Oma auf dem Hühnerhof. Allerdings erzielt diese Art der Aufzucht weder in der Fleischproduktion noch im Eierlegen eine Höchstleistung. Sie ergibt rund ein Drittel weniger Eier und Fleisch. Dafür leben beide Geschlechter.

Die Bruderhahn-Aufzucht ist ein ähnliches Konzept. Initiativen, wie die Bruderhahninitiative Deutschland plädieren dafür, auch die männlichen Küken aufzuziehen und zu mästen. Aber auch hier stellt sich die Wirtschaft quer mit dem Argument, es müsste zu viel Futter in die männlichen Küken investiert werden, um am Ende immer noch zu wenig Fleisch zu gewinnen. 

Aldi kündigt an, statt auf Kükentöten auf die Bruderhahn-Aufzucht zu setzen

Bei Aldi gibt es seit 2017 tatsächlich auch hier und da schon Eier aus einem "Bruderhahn-Projekt". Für das kommende Jahr kündigte Aldi zudem das Ziel an, "ab dem kommenden Jahr alle Bio-Eier schrittweise nur noch von Legehennen zu beziehen, deren Brüder mitaufwachsen." 

Da stellt sich die Frage, warum nur die Bio-Eier und nicht gleich alle Eier von Produzenten mit der Bruderhahn-Aufzucht beziehen, anstatt auf eine Technologie zu setzen, die das Töten der männlichen Küken nur vorwegnimmt? Denn das wäre ein echtes Zeichen für das Tierwohl und mehr als eine verbrauchertäuschende Werbekampagne

Kükentöten dient der Gewinnmaximierung, ohne Berücksichtigung des Tierwohls

Ja da ist es wieder, das Hauptargument in der Lebensmittelindustrie: Am Ende muss die Kasse und die wirtschaftliche Effizienz stimmen. Und das zeigt doch nur mal wieder deutlich: Letztendlich braucht es einen neuen und besser noch, einen ethischen Blick auf die industrielle Tieraufzucht. Tier dürfen nicht länger als gewinnmaximierende Hochleistungsmaschinen, sondern müssen wieder als Lebewesen betrachtet werden. 

Um das zu erreichen, ist aber auch der Verbraucher gefragt, der manchmal vielleicht auf die Portion Fleisch am Tag verzichten oder schlichtweg etwas mehr Geld für Tierprodukte ausgeben sollte. Dieser Kommentar entspricht der Meinung der Autorin und gibt nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Redaktion wider.