Grünen-Vorwurf

Aldi, Lidl und Co.: Özdemir will „Ramschpreise“ in Supermärkten abschaffen

Nachdem Grünen-Politiker Cem Özdemir scharfe Kritik an den seiner Meinung nach viel zu günstigen Preisen in Supermärkten geübt hatte, nehmen Aldi und Kaufland Stellung.

Deutschland – Der neue Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Die Grünen) hat mit seiner Forderung nach höheren Preisen für Lebensmittel in Supermärkten und Discountern eine heftige Debatte ausgelöst. Gegenüber der FAZ äußern sich Aldi und Kaufland jetzt zu der Kritik.

AldiDiscount-Einzelhandelsketten Aldi Nord und Aldi Süd
HauptsitzEssen
Gründung1961, Essen

Bei Aldi, Lidl und Co.: Bundeslandwirtschaftsminister sagt „Ramschpreisen“ den Kampf an

Im Interview mit der Bild am Sonntag erklärte Özdemir am Sonntag, 26. Dezember:

Es darf keine Ramschpreise für Lebensmittel mehr geben, sie treiben Bauernhöfe in den Ruin, verhindern mehr Tierwohl, befördern das Artensterben und belasten das Klima. Das will ich ändern.

Cem Özdemir (Die Grünen), Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft

Er habe den Eindruck, so der Grünen-Politiker weiter, manchen Menschen sei ein gutes Motoröl wichtiger als ein gutes Salatöl. Er halte es hingegen für wichtig, dass wir in Deutschland unsere Lebensmittel ebenso wertschätzten wie unsere Autos. Wichtig wäre es beispielsweise, weniger Tiere zu halten – aber diese dafür besser.

Zwar dürften Lebensmittel auch kein Luxusgut werden, aber sie müssten im Sinne des Tier- und Klimaschutzes sowie der besseren Bezahlung der Bauern deutlich anziehen. Das, so sein Versprechen, werde er als Bundeslandwirtschaftsminister nun angehen.

Supermärkte und Discounter: Sind Lebensmittel zu billig? Scharfe Kritik an Grünen-Vorstoß

Die deutlichen Worte des Ministers haben für Zuspruch, aber auch Kritik gesorgt. So stellte beispielsweise Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gegenüber Bild die Frage in den Raum, ob es tatsächlich eine bessere Vision für die deutsche Landwirtschaft sei, wenn man die Tierhaltung reduzieren – gleichzeitig aber den Cannabisanbau fördern wolle.

Laut einem Bericht der taz stößt Özdemirs Vorstoß bei Sozialverbänden ebenfalls auf Unverständnis. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des paritätischen Gesamtverbands, habe im Gespräch erklärt: „Wir haben jetzt schon knapp fünf Prozent Preissteigerungen bei den Lebensmitteln.“ Bereits jetzt sei daher für Armutsbetroffene eine gesunde Ernährung kaum möglich.

Die Inflationsrate lag im November 2021 mit 5,2 Prozent so hoch wie seit rund 30 Jahren nicht mehr. Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert daher laut ZDF-Bericht einen sozialen Ausgleich für Menschen mit geringem Einkommen, wenn die Lebensmittelpreise – wie der Landwirtschaftsminister fordert – wirklich erhöht werden.

Nach Kritik an „Ramschpreisen“ – jetzt kontern Aldi und Kaufland

Auch Aldi und Kaufland kontern jetzt die Kritik des Grünen-Politikers an ihren Preisen. So habe Aldi auf Anfrage erklärt, es sei ein Anspruch des Discounters, seinen Kunden zu jedem Zeitpunkt „die bestmögliche Qualität zum bestmöglichen Preis zu bieten“, berichtet die FAZ.

Weiter habe Aldi ausgeführt, man könne die Discounter-Produkte eben auch deshalb so günstig anbieten, weil man in großen Mengen einkaufe und über schlanke Strukturen verfüge. Zudem verwies der Discounter darauf, dass es bereits Anstrengungen für mehr Tierwohl gebe – beispielsweise die 5D-Regelung ab 2022.

Sagt „Ramschpreisen“ im Supermarkt den Kampf an – der neue Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Die Grünen)

Auch Kaufland habe darauf verwiesen, dass es „vielfältige Maßnahmen“ für mehr Tierschutz gebe, berichtet FAZ weiter. Landwirte erhielten beispielsweise einen Tierwohlbonus.

Aldi mit unklarer Äußerung: Wird Fleisch jetzt viel teurer?

Ob mit den Umstellungen auf eine tierfreundliche Haltung sowie die reine Tierhaltung in Deutschland auch die Kosten für Fleisch im Supermarkt steigen werden, dazu äußerte sich Aldi zuletzt ausweichend, wie hna.de berichtete*.

So habe der Discounter auf Anfrage eines besorgten Kunden auf Facebook erklärt, man könne „noch nicht genau einschätzen, wie sich die Preise entwickeln werden“, sei aber bemüht, weiterhin bestmögliche Preise zu bieten.

Ebenso wie auch Aldi und Kaufland führt auch das Portal agrarheute.de, ein Nachrichtenportal speziell für Landwirtschaft, noch einen weiteren Kritikpunkt an: Die Preise würden nicht durch die Kosten bestimmt, sondern durch Angebot und Nachfrage.

Maßnahmen gegen „Ramschpreise“ – Landwirte befürchten höhere Kosten

Wie das Landwirtschaftsportal berichtet, sehen selbst viele Landwirte den Grünen-Vorstoß kritisch. Die Befürchtung sei, dass am Ende die Bauern die Kosten dafür tragen müssten, dass Verbraucher anders kaufen.

Denn neue Auflagen könnten die Situation für die Landwirte weiter erschweren. Ob und inwieweit die Lebensmittelpreise im Supermarkt wirklich weiter steigen werden, ist also bisher offenbar noch unklar.

Aldi, Kaufland und Co.: Experten gehen von steigenden Preisen bei Obst, Milch und Fleisch aus

Allerdings halten es viele Experten höhere Preise – insbesondere bei Fleisch – für wahrscheinlich. Ausschlaggebend dafür sind aber nicht nur künftige Entscheidungen der neuen Bundesregierung, sondern auch solche, die auf europäischer Ebene bereits getroffen wurden. Denn die europäische Farm-to-Fork-Strategie für eine nachhaltigere Land- und Ernährungswirtschaft könnte Studien zufolge zu höheren Agrarpreisen führen.

Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland im September berichtete, kam eine Studie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zu dem Schluss, dass die EU-Maßnahmen zu einem Produktionsrückgang führen werden. Dieser könne der Studie nach europaweit zu Preissteigerungen von 10 bis 20 Prozent bei Obst und Gemüse, 30 Prozent bei Rohmilch und bis zu 60 Prozent bei Rindfleisch führen.

Der Leiter der Studie, Professor Christian Henning von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, erklärt aber auch, dass sich durch die Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit Chancen für die Gesellschaft ergeben könnten. Eine „Win-win-Situation für die ganze Gesellschaft“ sei möglich – aber dazu sei eine „smarte innovative Umsetzung durch Politik gefordert.“ *hna.de ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd/dpa/John MacDougall/Afp; Collage: RUHR24

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