In der Coronavirus-Krise

Aldi fordert Preissenkung für Wurst und Fleisch - trotz heftiger Missstände in der Fleischindustrie

Schlachthöfe kämpfen mit einem Imageschaden: Die Corona-Krise hat üble Missstände aufgedeckt. Aldi nutzt die Krise und will Preise für Fleisch senken.

  • Der Coronavirus-Wirbel rund um Westfleisch im Kreis Coesfeld reißt nicht ab.
  • Nachdem einige Politiker grundlegende Änderung in der Fleischproduktion fordern, hat Aldi eine ganz andere Idee.
  • Die Nachfrage nach Fleisch ist derzeit gering, daher will Aldi die Preise senken.

Dortmund - Der Coronavirus-Skandal in dem Schlachthof Westfleisch im Kreis Coesfeld hat so einiges aufgewirbelt. Nicht nur, dass die Corona-Lockerungen im Kreis auf der Kippe standen, auch kamen unzureichende Hygiene- und Gesundheitsstandards in den Sammelunterkünften der Angestellten ans Licht. Wenn es nach Aldi ginge, sollte dieser Umstand Auswirkungen auf den Preis haben - und zwar in Form einer Preissenkung.

Aldi

Zentrale

Essen

CEO

Marc Heußinger

Umsatz

53 Milliarden EUR (2020)

Gründung

1946, Essen

Gründer

Karl Albrecht, Theo Albrecht

Coronavirus bei Westfleisch: Bedenkliche Zustände haben es dem Virus leicht gemacht

Problematische Bedingungen in der Fleischproduktion sind eigentlich nichts Neues, aber der Coronavirus-Ausbruch im Kreis Coesfeld (alle Infos zum Coronavirus in NRW in unserem Live-Ticker) hat noch einmal ein anderes Licht auf die Lage geworfen. Tatsächlich geht es bei der aktuellen Diskussion aber nicht darum, das Tiere massenhaft geschlachtet werden, um den enormen Fleischkonsum der Deutschen zu bedienen - sondern um die Menschen, die in der Fleischindustrie arbeiten.

Denn ein weiterer Missstand in der deutschen Fleischproduktion ist die Ausbeutung osteuropäischer Arbeiter. Und wo Mitarbeiter auf engsten Raum in Massenunterkünften zusammenleben, wenn fünf bis sechs Leute in einem Zimmer leben, fällt es schwer, die Hygieneregeln einzuhalten. Ein Grund für die Ausbreitung des Coronavirus in dem Schlachtbetrieb Westfleisch.

Der Fleischverarbeitungsbetrieb Westfleisch war zuletzt besonders vom Coronavirus getroffen.

Coronavirus als Anstoß für Reformen in der Fleischindustrie

"Ausbeutung und Elend sind der wirkliche Preis für billiges Supermarktfleisch", sagte Mohamed Boudih, Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Eigentlich wäre jetzt ein guter Zeitpunkt die Preise für Fleisch und Wurst zu erhöhen, findet zumindest Grünen-Chef Robert Habeck.

Wenn es nach den Grünen ginge, wäre es jetzt an der Zeit für eine grundlegende Reform der Fleischproduktion in Deutschland und einen Mindestpreis für Tierprodukte, wie die Funke Mediengruppe berichtet. Sein Plan umfasst nicht nur eine bessere Tierhaltung und einen Mindestpreis, sondern auch ein Verbot von Werkverträgen über Subunternehmen.

Einen dieser Punkte kann Habeck schon Abhaken: Das Bundeskabinett hat ein Verbot von Werkverträgen in der Fleischindustrie beschlossen. Ab 2021 sollen nur noch Beschäftigte des eigenen Betriebs schlachten und Fleisch verarbeiten. Außerdem sollen die Arbeitsschutzvorschriften verschärft werden.

Aldi will Preis für Fleisch und Wurst senken

Ob das Verbot von Werkverträgen allerdings auch Auswirkungen auf den Preis von Wurst und Schnitzel haben wird, ist noch nicht klar. Wenn es nach dem größten deutschen Discounter Aldi ginge, sollten die Preise hingegen in eine ganz andere Richtung korrigiert werden - und zwar nach unten.

Nach Informationen der Lebensmittel Zeitung forder der Discounter eine rasche Senkung der Preise für Fleisch und Wurst. Grund dafür solle die aktuelle Marktlage sein. "Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, diese dynamische Entwicklung sehr kurzfristig aufzugreifen und in ein attraktives Angebot für unsere Kunden umzusetzen", heißt es in einem Brief von Aldi Süd, der der Lebensmittel Zeitung vorliegt.

Aldi: Noch im Mai soll Fleisch günstiger werden - das fordert zumindest der Discounter

Und das soll schon bald passieren, so wollen Aldi Nord und Aldi Süd scheinbar schon ab dem 29. Mai an den Preisen drehen. Denn es zeichne sich ab, dass aufgrund der aktuellen Debatte einige Kunden derzeit auf Schweinefleisch verzichten. Das bekommt auch Aldi zu spüren (mehr Service-Artikel auf RUHR24.de).

Aldi wünscht sich ein flexibles, pragmatisches Vorgehen, dass an die dynamischen Märkte angepasst sei. Der Discounter betont aber, "dass bei einer Beruhigung der Märkte eine Rückkehr zum bisherigen Procedere besprochen werden sollte."

Fleisch-Hersteller zeigen wenig Verständnis für die Forderung von Aldi

Die Hersteller hingegen zeigen laut Lebensmittel Zeitung nur wenig Verständnis für diesen Vorstoß. Angesichts der aktuellen Diskussion sei das ein völlig falsches Signal. Außerdem hätten die Hersteller aufgrund der Coronavirus-Maßnahmen ohnehin schon höhere Kosten, die sie stemmen müssten.

Für Aldi hingegen zählt das Prinzip "Angebot und Nachfrage". Laut eigener Aussage würden dabei aber auch Kriterien wie Qualität und Leistung berücksichtigt werden. Ob Aldi sich durchsetzen wird, ist derzeit noch unklar. Schreitet die Diskussion jedoch weiter voran, würden andere Händler wie Lidl, Kaufland, Edeka und Rewe wahrscheinlich mitziehen.

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd/dpa, Angelika Warmuth/dpa; Collage: RUHR24