Discounter überrascht

Aldi will Billig-Fleisch aus Sortiment schmeißen – und macht dabei viele Ausnahmen

Discounter und ihr Fleischangebot sind ein viel diskutiertes Thema. Nun hat Aldi angekündigt, Billigfleisch aus dem Regal zu werfen – allerdings mit vielen Ausnahmen.

Essen/Mülheim an der Ruhr – Von „großen Versprechen“, einem „nie dagewesenen Schritt“ und „ambitionierten Zielen“ ist in der neusten Mitteilung von Aldi die Rede. Der Discounter will Billigfleisch aus dem Angebot werfen. Doch lässt er sich damit relativ viel Zeit und macht viele Ausnahmen.

UnternehmenAldi
HauptsitzEssen
Gründung1946 in Essen

Aldi will beim Fleischangebot nachbessern und kein Billigfleisch mehr anbieten

Erst vor wenigen Wochen hatten Aldi und Lidl eine drastische Änderung beim Hackfleisch angekündigt. Nun wagt Aldi den nächsten großen Schritt. Was auf den ersten Blick nach einer positiven Wende in Sachen Massentierhaltung, Fleischindustrie und Angebot von Billigfleisch aussieht, muss einmal genauer betrachtet werden.

Aber um was geht es eigentlich? Am Freitag (25. Juni) haben Aldi Süd und Nord bekannt gegeben, ihr Frischfleisch-Angebot umzubauen. Der Discounter will Fleisch aus niedrigen Haltungsformen aus dem Sortiment verbannen und in den kommenden Jahren „konsequent auf die höheren Tierwohl-Haltungsformen 3 und 4“ umstellen. So heißt es in der Mitteilung (mehr Aldi-News bei RUHR24).

Aldi will nur noch Fleisch aus den Haltungsformen 3 und 4 anbieten – allerdings mit einigen Ausnahmen.

Aldi will schrittweise Frischfleisch-Angebot umstellen – aufgrund höherer Kundennachfrage

Aldi hat aufgrund von Marktanalysen festgestellt, dass sich die Deutschen 2020 deutlich häufiger für Bio-Fleisch entschieden hätten als im Vorjahr. Das zeige dem Discounter, dass die Kunden nun bereit sind für einen Bewusstseinswandel. Und wenn die Kunden das sind, dann ist es Aldi natürlich auch. Deshalb wolle man nun in Sachen Tierwohl und nachhaltiges Wirtschaften noch einen Schritt weitergehen – „für unsere Kunden und aus Überzeugung“, lautet es vonseiten des Discount-Riesen.

Allerdings lässt sich Aldi mit diesem Schritt fast neun Jahre Zeit. Schrittweise will man das Frischfleisch-Angebot umstellen. 2030 soll das Sortiment dann nur noch aus Haltungsformen 3 und 4 kommen. Wie die Lebensmittelzeitung berichtet, wolle Aldi mit dem Stufenplan seinen Lieferanten entgegenkommen, damit diese eine bessere Planungssicherheit hätten.

Das ist der Plan, den Aldi bei der Verbannung von Billigfleisch vorgelegt hat:

  • 2021: 15 Prozent des Frischfleisch-Angebots aus den Haltungsformen 3 und 4
  • Bis 2025: Vollständiger Verzicht auf Haltungsform 1
  • Bis 2026: Frischfleisch zu 33 Prozent aus den Haltungsformen 3 und 4
  • Bis 2030: Vollständige Umstellung beim Frischfleisch von Rind, Schwein, Hähnchen und Pute auf Haltungsformen 3 und 4

Aldi: Nur noch Fleisch aus Haltungsform 3 und 4 – was das bedeutet

Doch was heißt das überhaupt – Haltungsform 3 und 4? Bei beiden Haltungsformen haben die Tiere im Gegensatz zu den beiden ersten Stufen Kontakt zur frischen Luft. Bei Haltungsform 3 ist die Rede von Außenklimareizen. Heißt konkret: Die Tiere haben keinen echten Auslauf, aber zum Beispiel eine offene Stallfront.

Die Bedingungen unterscheiden sich von Tierart zu Tierart. Bei der dritten Stufe der Haltungsform wird beispielsweise pro Schwein ein Platz von 1,05 m² vorgesehen, bei Rindern 1,5 m². Das unterscheidet sich kaum merklich zu Haltungsform 2. Hier hat jedes Schwein 0,825 m² Platz, für Rinder sind 1,5 m² vorgesehen.

Bei Haltungsform 4 ist hingegen ein ständiger Zugang zu Auslauf oder Freilandhaltung Pflicht. Und immerhin: Bei Haltungsform 3 und 4 ist nur der Einsatz von gentechnikfreiem Futter erlaubt, außerdem müssen die Landwirte den Tieren sogenanntes Beschäftigungsmaterial zur Verfügung stellen. Generell sollten Kunden aber im Hinterkopf haben, dass das Label nur Aufschluss darüber gibt, wo und wie das Tier gehalten wurde. Es sagt nichts über das Tierwohl aus oder ob es sich beispielsweise um Bio-Ware handelt.

Kein Billigfleisch mehr bei Aldi: ein Plan mit vielen Ausnahmen

Der Haltungsformkompass wurde 2018 eigens von den Discountern Lidl, Aldi und Co. eingeführt, um für ihre Kunden kenntlich zu machen, woher ihr Fleisch stammt. Von Beginn an sorgte er für viele Diskussionen und Tierschützern geht er nicht weit genug. Die Verbraucherzentrale merkte außerdem an, dass die Haltungsformen 3 und 4 oftmals kaum in den Regalen der Discounter und Supermärkten zu finden seien.

Schaut man sich die Mitteilung von Aldi an, soll sich das ja nun ändern. Doch Aldi macht dabei einige Ausnahmen. So wird künftig nur das Frischfleisch aus besseren Haltungsformen kommen. Verarbeitetes Fleisch, wie Wurst oder Fertiggerichte sind von den neuen Plänen ausgenommen. Ebenso internationale Spezialitäten und Tiefkühlfleisch kann weiterhin aus der Massentierhaltung, also Haltungsstufe 1 und 2, kommen.

Nicht nur Aldi setzt auf Zeit, um Billigfleisch aus dem Verkauf zu verbannen

Der Fleischmarkt sei komplex, den man außerdem nicht von heute auf morgen ändern könne, so Erik Döbele, Managing Director Aldi Süd. Rund 90 Prozent der Landwirte würden heute noch auf konventionelle Art und Weise produzieren und Tiere halten. Deshalb brauche das Vorhaben Zeit.

Aldi hatte im Mai letzten Jahres jedoch noch eine Forderung gestellt, die mit diesen Plänen wenig zusammenpasst. Der Discounter hatte niedrigere Preise für Fleisch und Wurst gefordert. Als Grund nannte Aldi die aktuelle Marktlage, auf die man sich dynamisch und schnell anpassen müsse. In Sachen Tierhaltung hat der Discounter es nun nicht ganz so eilig.

Aktuell ist der Tenor aber wieder in die andere Richtung: So hoffe man, mit dem Schritt auch die Konkurrenz zum Handeln zu bewegen und langfristig in Sachen Tierhaltung etwas zu verändern. Als erster Supermarkt hat sich inzwischen Rewe dazu geäußert und ebenfalls angekündigt, auf höhere Haltungsformen zu setzen. Auch hier lässt man sich Zeit. Ebenfalls bis 2030 wolle man Fleisch aus Massentierhaltung reduzieren.

Rewe und Penny wollen zudem auch beim Wurstsortiment nachrüsten. Allerdings: „Bis Ende 2025 sollen 50 Prozent des verarbeiteten Sortiments mindestens der Haltungsform 2 entsprechen“, heißt es in der Mitteilung der Rewe Group. Da ist noch viel Luft (und Zeit) nach oben.

Rubriklistenbild: ©  INA FASSBENDER/AFP, Aldi, Collage: RUHR24