"Auf einmal war keiner mehr da"

Julian Draxler: Musste mir auf Schalke anhören, dass ich scheiße bin!

Julian Draxler hat Raúl auf Schalke schmerzlich vermisst.
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Julian Draxler hat Raúl auf Schalke schmerzlich vermisst.

Julian Draxler (26) flüchtete 2015 vom FC Schalke 04 zum VfL Wolfsburg. Beim S04 hielt er den Erwartungsdruck nicht mehr aus - auch, weil Bezugspersonen wie Raúl (42) fehlten.

  • Julian Draxler erlebte beim FC Schalke 04 einen Start nach Maß.
  • Die gestiegene Erwartungshaltung machte dem Gesicht des Vereins jedoch zunehmend zu schaffen.
  • Bei seinem einstigen Herzensverein fühlte sich der 26-Jährigen mit der Zeit unwohl.

Julian Draxler sollte einst das neue Gesicht von Schalke 04 werden

Kaum ein Spieler kam mit so vielen Vorschusslorbeeren aus der Knappenschmiede zu den Schalker Profis wie Julian Draxler, über dessen Comeback im Sommer spekuliert wurde. Ex-Trainer Felix Magath (66) galt als großer Fan des damals 17-Jährigen und vertraute ihm in wichtigen Momenten, wie dem Viertelfinale im DFB-Pokal gegen den 1. FC Nürnberg (3:2 n.V.). Weil Julian Draxler in diesen Momenten ablieferte und einen wesentlichen Beitrag zum bislang letzten Titel der Vereinsgeschichte leistete, war man sich beim S04 sicher, ein echtes "Jahrhunderttalent" in den eigenen Reihen zu haben.

Entsprechend stolz und provokant wurde die Vertragsverlängerung des gebürtigen Gladbeckers im Mai 2013 verkündet. Mehrere Auflieger rollten mit mannshohen Plakaten und der Aufschrift „Julian Draxler: Mit Stolz und Leidenschaft bis 2018!“ durch Gelsenkirchen. Ein Wagen fuhr sogar am Stadion des ungeliebten Reviernachbars aus Dortmund vorbei. Eine Aktion, die knapp zwei Jahre später zu einem Bumerang wurde.

Julian Draxler spielte im Schatten der S04-Stars stark auf

Denn Julian Draxler, der Hertha BSC aus zwei Gründen absagte, war nicht mehr der talentierte Nachwuchskicker, der früh einen Platz im Star-Ensemble von Schalke zwischen Raúl, Klaas-Jan Huntelaar (36) und Jefferson Farfán (35) erhalten hatte. Nicht zuletzt, weil der Offensivspieler 2014 Weltmeister wurde, musste Julian Draxler bei Schalke 04 mehr und mehr Verantwortung übernehmen. Der Welpenschutz war spürbar vorbei, wie der heute 26-Jährige im Interview mit Spox und DAZN erklärt.

"Wenn du mit Raul, Huntelaar und Farfan auf dem Platz stehst, müssen sich die meisten Gegner auf diese Jungs konzentrieren. Du hast dann auf der linken Seite deine Freiräume, keiner erwartet etwas von dir. (...) Wenn du aber deinen Vertrag verlängerst und die Leute wissen, dass du mehr Geld verdienst und die Zukunft von Schalke 04 sein sollst, steigen die Erwartungen. Das bist du nicht gewohnt."

Julian Draxler: Auf Schalke ohne Raúl "alleine"

Besonders der Abgang seines Freundes Raúl, zu dem Julian Draxler in jungen Jahren aufschaute, war ein schwerer Einschnitt. Auf einmal sei keiner mehr da gewesen - er habe sich auf Schalke allein gefühlt. "Anfangs habe ich gedacht, ich bräuchte niemanden und wüsste, wie es funktioniert. Aber mit 19 weißt du gar nichts. Wenn du das erste Mal in so eine Situation kommst, bist du überfordert. Das war bei mir der Fall."

Dass ausgerechnet bei seinem Herzensverein Schalke 04 in dieser Phase viel Druck auf seinen Schultern lastete, habe die Situation keineswegs einfacher gemacht. "Schalke war für mich kein Arbeitgeber wie jeder andere. Es waren viele Augen auf mich gerichtet. Wenn wir verloren haben, musste ich mir nicht nur von den Fans anhören, dass ich scheiße bin, sondern auch von meinen Nachbarn, meiner Familie und den Freunden meiner Familie", berichtet Julian Draxler.

Julian Draxler: Von Schalke über Wolfsburg nach Paris

Im Sommer 2015 entschied sich Julian Draxler, der jetzt offiziell seine neue Freundin vorstellte, deshalb, dieses Umfeld zu verlassen. Für rund 43 Millionen Euro wechselte das Eigengewächs nach 14 Jahren am Berger Feld innerhalb der Bundesliga zum VfL Wolfsburg. Der Wechsel sorgte für heftige Reaktionen bei den Schalke-Fans. Lange blieb Julian Draxler in der Autostadt, dessen "kurze Bahnfahrt nach Berlin" er einst als größten Vorzug nannte, jedoch nicht. Im Januar 2017 wagte der Mittelfeldspieler den Schritt ins Ausland und schloss sich Paris St. Germain an.

Einen großen Teil der laufenden Saison verpasste der 26-Jährige beim französischen Hauptstadtklub aufgrund einer Fußverletzung. In den vergangenen zwei Begegnungen bei Stade Brest (1:2) und gegen LOSC Lille (3:2) stand Julian Draxler bei PSG jedoch wieder in der Startelf und lieferte in beiden Spielen eine Torvorlage. Anders als in seinen letzten Jahren auf Schalke ist der Weltmeister von 2014 in Paris wieder Teil eines Star-Ensembles und nicht der alleinige Hoffnungsträger. Eine Rolle, in der sich Julian Draxler offenbar wohlfühlt.