Kommentierende Analyse

Ohne Empathie Richtung Abstieg: Warum Schalke 04 sofort grundlegende Strukturen ändern muss

Der FC Schalke 04 taumelt dem Bundesliga-Abstieg entgegen. Der S04 braucht einen Neuanfang – jetzt und nicht erst im Sommer 2021, kommentiert RUHR24-Redakteur Marcel Witte in seiner Analyse.

Gelsenkirchen – Nach der 1:2-Niederlage des S04 gegen den 1. FC Köln am Mittwoch (20. Januar) scheint für viele Fans des FC Schalke 04 der vierte Bundesliga-Abstieg besiegelt. Sieben Punkte aus 17 Spielen sind einfach zu wenig. Die Hauptschuld tragen die Spieler und Trainer, doch auch der Vorstand muss seinen Kopf hinhalten. Jochen Schneider (50) will davon aber nichts wissen.

VereinFC Schalke 04
TrainerChristian Gross
StadionVeltins-Arena
Kapazität62.271 Zuschauer
OrtGelsenkirchen

FC Schalke 04: Jochen Schneider ist seit März 2019 Sportvorstand des S04

Seit März 2019 ist der 50-Jährige als Sportvorstand beim S04 im Amt. Der Schalke-Aufsichtsrat stellte zuletzt noch klare Forderungen an Jochen Schneider. Liefern kann er jedoch bereits seit seinem Amtsantritt nicht.

Dass Jochen Schneider nach der Hälfte der Saison 2020/21 und fast einem Jahr ohne Sieg immer noch damit vertraut ist, die Zukunft des S04 zu planen, könnte den FC Schalke 04 komplett in den Ruin treiben.

FC Schalke 04: Jochen Schneider spricht von Empathie, zeigt aber selbst das Gegenteil

Das Bild, das der Sportvorstand nach außen abgibt, spiegelt sich in seinen Handlungen wider. Immer wieder eckt der 50-Jährige mit seinen Interviews und seinem öffentlichen Auftreten an. „Wir müssen empathischer wirken“, ging Jochen Schneider seine eigenen S04-Kollegen im Juni 2020 an. Damals ging es um den Härtefallantrag, nachdem die Fans des FC Schalke 04 Sturm liefen.

Alleine schon diese Aussage zeigt die Denke des Sportvorstands: „Empathisch wirken“ statt „empathisch sein“. Doch die Empathie bekommt Jochen Schneider selbst auch nicht hin. „Wer emphatisch ist, kann sich in andere hineinversetzen und deren Gefühle nachvollziehen“, heißt es in der Definition des Wortes.

Sportvorstand Jochen Schneider verlangt Empathie beim FC Schalke 04. Der S04 muss seine grundlegenden Strukturen ändern.

Warum fragt ein Sportvorstand dann bei einem Ex-Stürmer wie Vedad Ibisevic (36) an, dessen Vertrag erst kürzlich aufgelöst wurde? So soll Klaas-Jan Huntelaar (37) nur Plan B bei Schalke 04 gewesen sein. Dieses Problem zeigt auch den fehlenden Weitblick beim S04. Einen Plan gibt es nicht.

FC Schalke 04: Transfers von Klaas-Jan Huntelaar und Sead Kolasinac als Ergebnis des Scoutings

„Wir müssen mit der Scouting-Abteilung vorbereiten, was wir im Januar tun wollen“, sagte Jochen Schneider nach dem Aus von Michael Reschke beim FC Schalke 04. Für die beiden Neuzugänge Klaas-Jan Huntelaar und Sead Kolasinac (27) hätte es aber keine Scouts gebraucht. Auf diese Spieler wäre jeder x-beliebige S04-Fan gekommen. Zu seiner Verteidigung sei gesagt: Gute Scouting-Arbeit wurde unter seinem Vorgänger auch nicht gemacht.

Sollte Jochen Schneider die Planungen für die Saison 2021/22, die aufgrund der brisanten Lage zweigleisig laufen MÜSSEN, ähnlich angehen, dürfte dem S04 keine rosige Zukunft blühen. Unter diesen Voraussetzungen wäre sogar der direkte Wiederaufstieg aus der 2. Liga enorm gefährdet. Vor allem, wenn man nur an ehemalige Stuttgarter dabei denkt.

Der FC Schalke 04 sollte sich stattdessen bereits jetzt auf einen Neuanfang konzentrieren – unabhängig von der Ligenzugehörigkeit. Mit einem Sportdirektor und sogar einem Sportvorstand, die sportliche Kompetenzen aufgrund ihrer Erfahrung in erster Reihe aufweisen können. Einer wie Erik Stoffelshaus (50), der einst Lokomotive Moskau mit klugen Transfers und nach 14 Jahren wieder zur Meisterschaft führte, oder Oliver Ruhnert (49), derzeit bei dem tatsächlichen „Big City Club“ Union Berlin – beide waren früher beim S04 tätig.

FC Schalke 04: Nur Huub Stevens hat Fußball-Sachverstand im Aufsichtsrat des S04

Dazu kommt, dass im Aufsichtsrat nur eines von elf Mitgliedern überhaupt über sportliches Fachwissen verfügt: Jahrhundert-Trainer Huub Stevens (67). Das Problem dabei: Diese Personen nicken letztlich einen Transfer ab. Darunter ein Rechtsanwalt, Geschäftsführer von großen Unternehmen, ein Professor für Allgemeinmedizin, ein Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberater und ein Vollziehungsbeamter.

Was nach dem Vorstand eines sehr gut geführten Amateurklubs klingt, ist tatsächlich der Aufsichtsrat des FC Schalke 04. Neue Strukturen müssen her. Dass das Gremium Leute benötigt, die Sachverstand von der wirtschaftlichen Führung haben, ist unbestritten. Aber ebenso muss mindestens ein Drittel der Mitglieder sich mit dem Fußballgeschäft auskennen.

Huub Stevens war vier Mal Trainer des FC Schalke 04 und ist Aufsichtsratsmitglied des Klubs.

Der Blick zum Nachbarn Borussia Dortmund verbietet sich eigentlich auf Schalke. Doch der BVB macht es dem S04 vor: Michael Zorc (58) bringt als ehemaliger Profi das Fachwissen mit. Sebastian Kehl (40) kümmert sich als Teammanager um die Mannschaft, hat aber auch das Potenzial, um den Sportdirektor künftig beerben zu können.

FC Schalke 04: Der S04 braucht eine komplette Umstrukturierung

Wen hat Schalke? Jochen Schneider, der nur in der zweiten Reihe bei RB Leipzig (angeblich) ordentliche Arbeit abgeliefert hat. Sascha Riether (37), der einen Lehrgang „Management im Profifußball“ erst begonnen hat. Dazu kommen zu viele Kurzschlusshandlungen: Naldo (38), der als Spieler selbst Probleme im Team beim S04 hatte, soll die Profis plötzlich als Co-Trainer coachen – ohne jegliche Ausbildung.

Der FC Schalke 04 muss sich komplett neu aufstellen: eine Umstrukturierung im Aufsichtsrat, ein neuer Sportvorstand und Sportdirektor, ein Teammanager mit besseren Kenntnissen und einem völlig veränderten Kader.

Der S04 muss weg von teuren Neueinkäufen wie Nabil Bentaleb (26) oder Sebastian Rudy (30). Im Falle des Abstiegs droht dem FC Schalke 04 ein XXL-Umbruch. Spieler wie Suat Serdar (23), Ozan Kabak (20) oder Amine Harit (23) müssen verkauft werden. Mit den Einnahmen könnten die Königsblauen neue Profis holen.

FC Schalke 04: Der S04 kann als Ausbildungsverein wieder nach oben kommen

Hier wäre bereits jetzt der Weitblick gefordert. Welche Spieler wären bereit, dem FC Schalke 04 in der 2. Liga zu helfen? Zugleich muss sich der S04 auf neue Strukturen besinnen: Die Königsblauen sind kein Top-Klub mehr, der gestandene Spieler für viel Geld holen kann. Die „Knappen“ haben nur als Ausbildungsverein die Chance, wieder nach oben zu kommen.

Die „Knappenschmiede“ bietet das beste Potenzial dafür. Mit einem gut vernetzten Sportvorstand sowie einer gut aufgestellten Scouting-Abteilung lassen sich viele Talente schon früh für geringe Summen holen.

FC Schalke 04: Der S04 könnte sich am SC Freiburg oder Eintracht Frankfurt orientieren

Shinji Kagawa (31) ging damals für 350.000 Euro zum BVB, er verließ den Verein für 16 Millionen Euro. National könnte sich der S04 am SC Freiburg oder Eintracht Frankfurt orientieren, die sich als zwischenzeitlicher Zweitligist mit kontinuierlich solider Arbeit langsam aber sicher nach oben in der Bundesliga-Tabelle arbeiten.

International gilt Ajax Amsterdam als Paradebeispiel: Immer wieder holt der Klub eigene Talente aus der Nachwuchs-Akademie hoch und verkauft diese teuer. Im Sommer 2019 erwirtschafteten die Niederländer ein Transfer-Plus von fast 160 Millionen Euro, im Sommer 2020 lag dieses bei 60 Millionen Euro.

FC Schalke 04: Beim Abstieg droht dem S04 ein Millionenloch

Die Transfer-Einnahmen bräuchte der FC Schalke 04, dem mit dem Abstieg ein finanzielles Fiasko droht. Hauptsponsor Gazprom wäre in der 2. Liga laut Informationen der Sport Bild weg, zudem sinken die TV-Einnahmen enorm. Um die 30 Millionen Euro würden dem S04 so insgesamt für die Saison 2021/22 flöten gehen.

Nur wenn der FC Schalke 04 seine grundlegenden Strukturen ändert und zudem auch noch einen Trainer findet, der den Verein versteht und dem Team einen neuen Spieltrieb einverleiben kann, hat der S04 langfristig die Chance, wieder nach oben zu finden. Ansonsten wiederholt sich das Spielchen in Gelsenkirchen immer wieder. Der ebenfalls nicht empathisch wirkende Hamburger SV lässt grüßen.

Diese Analyse entspricht der Meinung des Autors und muss nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

Rubriklistenbild: © Jürgen Fromme/Kirchner-Media