Neues Album erscheint Freitag

Gelsenkirchener Rapper Weekend im Interview über Schalke, Lightwolf und die Deutschrap-Szene

Rapper Weekend aus Gelsenkirchen bringt sein neues Album "Lightwolf" heraus. Im Interview spricht er über Deutschrap, Schalke 04, und seine Arbeit.

Gelsenkirchen – Nach drei Jahren Pause veröffentlicht der aus Gelsenkirchen stammende Rapper Weekend (33) am Freitag (11. September) sein Album "Lightwolf". RUHR24-Redakteur Christian Keiter hat sich vor dem Release mit dem Wahl-Stuttgarter zum Gespräch getroffen.

Hallo Christoph (Weekend heißt mit bürgerlichem Namen Christoph Wiegand, Anm. d. Red.). Du bist spätestens mit dem Song "Eine Liebe" anlässlich der Präsentation des neuen Trikots auch vielen Schalke-Fans ein Begriff. Beim digitalen Schalke-Tag bist du ebenfalls aufgetreten. Hand aufs Herz: Wie viel davon war kalkulierte Promo für das Album und wie viel Herzensangelegenheit?

Es war zu 100 Prozent eine Herzensangelegenheit. Der Zeitpunkt war sogar fast ein bisschen ungünstig, weil ich mitten in der Album-Promo kurzfristig angefragt wurde. Da kamen dann relativ viele Sachen in relativ kurzer Zeit auf mich zu. Für mich stand es aber nie zur Debatte, das nicht zu machen. Dass es keine zeitliche Flexibilität geben würde, war mir klar. Die Präsentation des neuen Trikots findet eben zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr statt.

Sind weitere Zusammenarbeiten mit dem S04 geplant? Reizt es dich, im nächsten Jahr beim Schalke-Tag vor tausenden Fans aufzutreten und nicht nur vor 300?

Das war natürlich ein bisschen schade. Ich hab mir die ganze Zeit gedacht, dass jetzt normalerweise die große Saisoneröffnung mit vielen Menschen in der Arena stattfinden würde. Wir haben leider von allem nur die "Light-Version" mitnehmen können. Ich habe für meine Kooperation mit Schalke leider genau das Jahr erwischt, in dem Corona viele Dinge unmöglich macht. Ich hoffe schon, dass es in Zukunft noch einmal die Möglichkeit geben wird. Mit dem Schalke-Tag gab es ja im Grunde schon die erste Folgeveranstaltung, an der ich teilgenommen habe. Der Auftritt war nicht von Anfang an geplant. Das hat sich ergeben, weil der Song "Eine Liebe" gut angenommen wurde. Ich würde den Song auf jeden Fall gerne mal in der vollen Hütte spielen.

Rapper Weekend veröffentlicht sein neues Album "Lightwolf".

Die Euphorie war vor der neuen Saison schon einmal größer. Die Ränge bleiben vorerst leer, es gibt kaum Neuzugänge beim S04 und an den ersten fünf Spieltagen geht es auswärts gegen Bayern, Dortmund und Leipzig ran. Ist überhaupt mehr drin als der bloße Abstiegskampf?

Ich glaube, dass in dem Kader deutlich mehr drinsteckt als Abstiegskampf. Es gibt extrem starke Spieler im Kader, hier muss man die Kräfte freigesetzt bekommen. Mit den Leih-Rückkehrern gibt es zumindest gefühlte Neuzugänge. Bei Mark Uth habe ich letzte Saison gedacht: "Mein Gott, der läuft da irgendwo bei Köln rum. Ich würde mir wünschen, dass er bei uns rumläuft." Ich halte sehr viel von ihm. Er ist ein guter Spieler, der mir immer gefallen hat. 

Aber es gibt noch andere starke Spieler – Suat Serdar, Amine Harit, die jungen Talente wie Can Bozdogan, Ahmed Kutucu und Nassim Boujellab. Das sind alles Spieler, die richtig krass sein können. Woran es letzte Saison genau gehakt hat, vermag ich hier gar nicht zu beantworten. Theoretisch hat Schalke einen Kader, der mehr leisten kann. Ich beobachte allerdings schon mit Sorge, dass David Wagner zumindest von außen bereits angezählt wird. Allerdings weiß ich natürlich nicht, ob die Dinge vereinsintern genauso gesehen werden – trotzdem bringt das natürlich Druck mit. Es wird wichtig sein, nicht direkt wieder in einen Negativstrudel zu geraten. Es war letztes Jahr nicht unbedingt unsere Stärke, den zu durchbrechen.

Die Corona-Krise hat Schalke 04 härter getroffen als andere Vereine. Das finanzielle Korsett saß schon vorher eng. Eine Ausgliederung ist längst kein Tabuthema mehr. Wie denkst du als Fan darüber?

Grundsätzlich bin ich ein Fan des eingetragenen Vereins. Ich halte es auch aus basisdemokratischer Sicht für wichtig, dass die Mitglieder im Verein mitentscheiden können. Das ist auch eine große Stärke von Schalke 04. Ich bin beim Thema "Ausgliederung" aber nicht so rigoros. Wenn das vernünftig umgesetzt wird und dadurch letztlich sportlicher Erfolg in die Wege geleitet werden kann, würde ich mich jetzt nicht auf die Hinterbeine stellen und sagen "dann bin ich kein Schalke-Fan mehr". Es wird dann auch sehr darauf angekommen, wer Geld investiert. Mit so einem Scheichverein könnte ich mich nicht identifizieren.

Widmen wir uns mal der Musik. Auf deinem letzten Album "Keiner ist gestorben" bist du an der ein oder anderen Stelle auch hart mit Deutschrap ins Gericht gegangen. Was hat dich an der Entwicklung in der Szene gestört und was stört dich immer noch?

Ich glaube, die Deutschrap-Szene ist mittlerweile so groß und so divers, dass man nicht mehr pauschal über Missstände in "der" Deutschrap-Szene sprechen kann. Es gab jetzt bei einem Rapper einen Rassismus-Skandal, es gibt auch immer wieder Sexismus-Skandale. Es gibt ganz viele Werte, die dort vertreten werden und für wichtig gehalten werden wie Männlichkeit und toxische Männlichkeit. Rap lebt außerdem zum Teil ganz kapitalistische Dinge vor. Mit vielen Sachen davon kann ich mich nicht identifizieren. 

Ich glaube aber der große Unterschied zu meinem 'Keiner ist gestorben'-Ich liegt heute darin, dass ich mich dafür nicht mehr verantwortlich fühle. Wenn irgendein Rapper einen Rassismus-Skandal auslöst oder anderweitig für einen Shitstorm sorgt, habe ich heute nicht mehr das Gefühl, dass meine Kultur dadurch in ein schlechtes Licht gerückt wird. Deutschrap ist mittlerweile so groß, dass auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, dass es unterschiedliche Typen gibt und ich als Weekend nichts mit einem Typen zu tun habe, der in einem Instagram-Video irgendwelche diskriminierenden Dinge macht. Deshalb bin ich lockerer geworden. Ich konsumiere auch inzwischen nicht mehr so viel, wie ich das früher gemacht habe. Vor drei Jahren konnte ich das noch nicht so, da habe ich mich mehr in der Verantwortung gefühlt.

Dein neues Album trägt den Namen "Lightwolf". Was steckt hinter dem Titel und welche Themen stehen im Mittelpunkt?

"Lightwolf" ist die Light-Version des Leitwolfes. Mir gefällt der Titel, weil er einerseits diesen harten Begriff "Wolf", aber gleichzeitig auch diese schwache Light-Version in sich trägt. Die Gegenüberstellung von starken und schwachen Momenten fasst dieses Album sehr gut zusammen. Ich bin nicht als Entertainer auf die Welt gekommen, ich musste mir viele Dinge erarbeiten – auch was das Selbstbewusstsein betrifft. Ich habe in Drucksituationen krasse Erfahrungen sammeln müssen, das ist für mich eine Schule gewesen. Durch die Schule bin ich gerne gegangen, aber ich gehe auf dem Album ganz offen damit um, dass ich Schwächen besitze. Ich versuche auch gar nicht erst, sie als Stärken zu verkaufen oder sie zu ironisieren. Es ist das erste Mal in meiner Karriere, dass ich diese schwachen Momente zulasse. Es gibt aber auch den Wolf-Teil: Ich kann sehr offensiv, laut und austeilend sein.

Du hast viele Jahre nur von der Musik gelebt, jetzt aber wieder angefangen, als Sozialarbeiter zu arbeiten. Wie kam es zu dem Entschluss und hat er Einfluss auf deine Musik genommen?

Der Entschluss hatte tatsächlich auch einen musikalischen Hintergrund. Ich arbeite sehr gerne als Sozialarbeiter. Das ist der Beruf, in dem ich mich auch sehe. Ich habe den Job schon damals nicht geschmissen, weil er mir nicht gefallen hat. Es war einfach eine große Möglichkeit, mit Musik Geld zu verdienen. Ich mache das auch weiterhin, aber zeitgleich möchte ich Teilzeit-Sozialarbeiter sein. Der Entschluss fiel in einer Phase nach dem Album Keiner ist gestorben, als ich wirklich überhaupt nicht wusste, worüber ich jetzt auch nur ein einziges weiteres Lied schreiben soll. 

Ich hatte eine Zeit lang echt eine arge Schreibblockade. Fast ein Jahr lang habe ich keinen einzigen Song aufgenommen. Da habe ich beschlossen, dass ich etwas ändern muss, um wieder Musik machen zu können und Input zu bekommen. Zum einen bin ich mit dem Studio aus der eigenen Wohnung ausgezogen und habe mir außerhalb eins gemeinsam mit meinem Produzenten Friedrich (VanZandt, Anm. d. Red.) angemietet. Zum anderen musste ich wieder arbeiten. Ich brauchte etwas, das sich anfühlt wie eine Verpflichtung. Ich musste in Kontakt mit der Gesellschaft sein und nicht nur mit fünf bekloppten Künstlern, die bis 14 Uhr schlafen und Netflix gucken. Ich brauchte wieder einen Fuß in der Tür des echten Lebens. Als Sozialarbeiter lernst du verschiedenste Menschen in verschiedenen Situationen kennen. Das war mir extrem wichtig. 

Natürlich war es auch eine finanzielle Entspannung. Wer als Sozialarbeiter arbeitet und ein paar Festivals im Sommer spielt, der muss sich keine Gedanken machen, wie seine Miete bezahlt wird. Man kann dann auch mal drei Jahre für ein Album brauchen. Den Luxus habe ich mir genommen. Rückblickend war das eine gute Entscheidung. Ich habe unter den Voraussetzungen mein bestes Album geschrieben. Nachdem ich drei Jahre weg gewesen bin, wird es wahrscheinlich nicht mein erfolgreichstes, aber aus der kreativen Perspektive bin ich sehr happy.

Wie geht es nach "Lightwolf" weiter? Machst du erst einmal Pause oder zieht es dich direkt wieder ins Studio?

Ich bin im Studio geblieben, ich habe es gar nicht verlassen. Ich mache weiter Musik. Es gibt ein paar lose Ideen, ich will das jetzt nicht konkretisieren. Erstmal will ich weitermachen und ein paar Songs raushauen. 2020 sind die Schwellen durch das Musikstreaming sehr niedrig. Man braucht keine ganzen Alben mehr. Dadurch entstehen Möglichkeiten, die es früher nicht gab. Die würde ich gerne nutzen. Es ist eine spannende Zeit, um Musik herauszubringen – gerade auch wegen Corona. Es ist sicher kein Segen für die Künstler, aber trotzdem spannend und anders als vor drei Jahren.

Deine letzten Worte?

Bleibt gesund, setzt Masken auf, seid nett, tolerant und empathisch. Und kauft mein Album.

Danke für das Gespräch.

Rubriklistenbild: © Friedrich Rexer